Die Eurokrise als Vertrauenskrise

Es ist absehbar, dass der europäische Rettungsschirm trotz der Schwindel erregenden Aufstockung auf Billionenhöhe nicht ausreicht, um dauerhafte Stabilität zu garantieren. Wir stecken in einem Dilemma. Die Politik der expansiven Geldpolitik, mit der wir jahrelang erfolgreich die Konjunktur angekurbelt und Probleme in die Zukunft verschoben haben, scheint nicht länger fortsetzbar. Zugleich ist auch der Sparkurs mit Ambivalenzen verbunden, da er die wirtschaftliche Dynamik ausbremst, hohe soziale Belastungen erzeugt und keineswegs bessere Rückzahlungschancen garantiert. Die europäischen Nachbarn werfen Deutschland vor, dass wir durch drakonische Haushaltsdisziplin für alle kontraproduktive Effekte erzeugen.

Das Dilemma zwischen Sparzwang und Investitionserfordernis lässt sich nur auflösen, wenn man das Kommunikationsmedium Geld aus einer neuen Perspektive betrachtet: Es geht nicht um materielle Knappheit, sondern um Vertrauen und darum, den Investitionen eine neue Richtung und ein kontrollfähiges Maß zu geben. Die Finanzwirtschaft soll der sog. „Realwirtschaft“ dienen, statt diese in den Bann von Spekulationen zu ziehen. Dafür müssen die Einzelmaßnahmen in ein langfristiges Konzept eingebettet, aufeinander abgestimmt und konsequent umgesetzt werden, wofür das vorliegende Heft von Amosinternational vielfältige Kriterien und Perspektiven formuliert.

So unterscheidet der Volkswirt Mathias Erlei strikt zwischen der Wirtschafts- und Finanzkrise als Anpassungsproblem und der Schuldenkrise als Symptom unseriöser Wohlstandsversprechen. Tim Krieger setzt auf eine Internationalisierung des Ordnungsrahmens, um den Primat der Politik zurück zu gewinnen und den Wettbewerb für das Wohl des Gemeinwesens wirken zu lassen. Brigitta Herrmann entwirft in Anlehnung an das wirtschaftsethische Konzept von Georges Enderle Maßstäbe und Handlungsoptionen für die finanzpolitischen Schlüsselakteure. Da die Finanzmärkte Teil eines komplexen wirtschaftlichen Geschehens sind, das als ganzes Werte und Wohlstand erzeugt oder vernichtet, ist das dort erwirtschaftete Einkommen nicht solitäre Wertschöpfung, sondern Gewinnabschöpfung und folglich gemeinwohlpflichtig.

Vielen Ökonomen gilt Geld heute als neutrales Objekt, als reines Medium für Tausch und Wertaufbewahrung. Die Funktion des Geldes geht jedoch weit darüber hinaus. Es ist „geprägte Freiheit“ (Georg Simmel). Geld ist ein „Vermögen“, das gesellschaftlich zugesprochen, geglaubt oder auch entzogen wird. Geld ist ein Kommunikationsmedium, das auf Vertrauen basisiert und soziale Teilhabe ermöglicht. Über diese funktionalen Aspekte hinaus hat Geld auch eine geradezu magische Macht. So deutet Goethe in Faust II das Drucken von Geld als Fortsetzung der Alchemie mit anderen Mitteln: Nach dem Missglücken des Jahrhunderte langen Bemühens auf chemischem Wege Gold herzustellen, scheint der „magische Akt“ müheloser Wertschöpfung nun indirekt gelungen (vgl. Binswanger, Hans: Geld und Magie. Eine ökonomische Deutung von Goethes Faust, 2. Auflage Stuttgart 2009). Goethe, der nicht nur Dichter, sondern auch Finanzminister am Weimarer Hof war, entfaltete dies dichterisch als eine Wette mit offenem Ausgang: Faust hofft, durch „schöpferische Taten“ der Verpfändung seiner Zukunft zu entkommen, der Teufel dagegen glaubt, dass dies schief geht und Faust künftig ihm dienen muss. Versteht man die Wette als Parabel auf die gegenwärtige Finanzkrise, dann liegt die große Herausforderung darin, das verführerische Angebot von billigem Geld so zu kontrollieren, dass wirtschaftliche Wertschöpfung sachgerecht angeregt und sozialverträglich gestaltet wird. Der ethische Anspruch darf nicht den (vermeintlichen) Sachzwängen geopfert werden – so Günter Wilhelm und Helge Wulsdorf.

Die multiple Banken-Wirtschafts-Schulden-Euro-Krise ist mehr als ein finanztechnisches Problem. Sie ist eine Krise des Vertrauens in die Stabilität unseres Wirtschafts- und Geldsystems. Zur Wiederherstellung der Vertrauens – so die Wirtschaftswissenschaftlerin Brigitte Unger in ihrem Interview für Amosinternational – sind Eurobonds und eine gemeinsame Finanzpolitik unverzichtbar. Heterogene Haftungssysteme und Solidaritätserwartungen müssen neu austariert werden. Das Geld ist für Europa Medium für einen Vertrauenstest mit ungewissem Ausgang.