Christliche Spiritualität und Ökonomie

Gehra, Wolfgang: Christliche Spiritualität und Ökonomie. Organisationskultur und Personalführung in Benediktinerklöstern (Studien zur Monastischen Kultur, Band 3), St. Ottilien: EOS Verlag 2009, 355 S., ISBN 978–3-8306–7398–9.

Bei der vorliegenden Studie, die einen umfangreichen empirischen Teil beinhaltet, handelt es sich um eine Promotionsarbeit, die am Lehrstuhl für Sozialpädagogik und Gesundheitspädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt verfasst wurde.

Der Autor möchte in dieser Arbeit die Zusammenhänge zwischen ökonomischem Handeln und christlicher Spiritualität aufzeigen und wählt dazu Benediktinerklöster und ihr unternehmerisches Handeln als Untersuchungsobjekt. Sein Hauptanliegen ist hierbei zu untersuchen, inwieweit die christliche Spiritualität der Benediktiner im ökonomischen Alltag der von ihnen betriebenen klösterlichen Unternehmen spürbar ist, und wie diese benediktinische Spiritualität dazu beitragen kann, die Arbeitswelt insgesamt humaner zu gestalten.

Die Studie ist in zwei Teile gegliedert: In einen Theorieteil, in dem Begriffe und Sachverhalte definiert werden und einen praktischen Teil, in dem die Ergebnisse der durchgeführten qualitativen Erhebung dargestellt werden.

Nach einer kurzen Begründung der Themenwahl und Benennung der Leitfragen folgt in einem umfangreichen zweiten Kapitel (S. 29–75) die Definition und Klärung wichtiger Begriffe wie z. B. der Terminus Ökonomie. Bei diesem ist der Autor bemüht, ihn bereits über die Begrifflichkeit mit der Spiritualität in Beziehung zu setzten. So erweitert er über die griechische Wortbedeutung von „Ökonomie“ das Verständnis im Sinne einer Lehre vom rechten Haushalten, das eine Vielzahl von Aspekten integrieren kann, wie die Partizipation aller Mitglieder und das Wohl künftiger Generationen. Er betont, dass das Verständnis von Ökonomie, Ziele möglichst effizient zu erreichen, auch im christlichen Denken seine Berechtigung habe, solange die Ziele nicht auf eine Gewinnmaximierung beschränkt blieben, sondern auch andere am Wohl der Menschen orientierten Sachziele mit einschließe. Diesen Blickwinkel untermauert der Autor durch biblische Aussagen, Aspekte aus der monastischen Spiritualität und den Leitprinzipien der katholischen Soziallehre.

Im dritten Kapitel (S. 76–117) werden der Benediktinerorden, seine Entwicklung, seine Struktur, seine Spiritualität und sein unternehmerisches Handeln dargestellt.

Anknüpfend an das zweite Kapitel führt der Autor im vierten Kapitel (S. 118–140) ein Konzept von Organisationskultur ein, anhand dessen er seine empirische Erhebung durchführt. Dieses dreigliedrige Schema, bestehend aus „Artefakte“, „bekundete Werte“ und „Grundprämissen“, wird von ihm durch Aspekte benediktinischer Spiritualität erweitert.

In den anschließenden Kapiteln fünf und sechs geht es um die empirische Befragung, wobei im fünften Kapitel (S. 141–151) Auswahlkriterien und Methodik der Studie geschildert werden, deren Ergebnisse dann im sechsten Kapitel (S. 152–289) dargestellt sind. Diese schildert der Autor sehr detailliert, bis hin zur wörtlichen Wiedergabe der freien Antworten auf einzelne Fragen. Besonders betont er hier, dass die Wahrung der Menschenwürde in benediktinischen Unternehmen von hoher Bedeutung ist und als Erfolgskriterien neben der Sicherung des Lebensunterhaltes des Klosters auch die Mitarbeiterzufriedenheit und die Arbeitsplatzsicherheit wichtig sind.

Abschließend folgt in einem sehr kurzen siebten Kapitel (S. 290–301) das Fazit: In diesem betont der Autor die Verbindung von christlicher Spiritualität und Ökonomie in benediktinischen Unternehmen, da zum einen der Grund für das unternehmerische Handeln in der benediktinischen Spiritualität liegt (Selbstversorgung, „Ora et labora“) und zum anderen zahlreiche Werte daraus in die Personalführung einfließen.

Mit der vorliegenden Arbeit ist Wolfgang Gehra eine interessante Verbindung von christlicher Spiritualität und Unternehmensethik gelungen.

Die Gliederung wirkt auf den ersten Blick etwas unübersichtlich. Doch bei näherer Lektüre wird die Logik der Arbeit deutlich, zumal der Autor seine Quellen, seine Methodenwahl, die Auswahl der befragten Personen, usw. sehr genau darlegt und begründet.

Ein stärkerer Vergleich mit „säkularen“ Unternehmen – ein solcher wurde nur bei der Frage nach Fluktuation und Kündigungen angeschnitten – hätte die Frage nach einer möglichen Übertragbarkeit bestimmter Aspekte aus der benediktinischen Spiritualität noch weitergeführt.

Allerdings ist es dem Autor sehr gut gelungen herauszuarbeiten, in welchen Bereichen und in welchem Umfang die christlich benediktinische Spiritualität im Arbeitsalltag Spuren hinterlässt und auch die weltlichen Mitarbeiter überzeugt.

Das im zweiten Kapitel erweiterte Verständnis von Ökonomie stellt einen gelungenen Ansatz dar, um die beiden Bereiche – Ökonomie und christliche Spiritualität – miteinander in Beziehung zu setzen und füreinander zu öffnen.

Marion Bayerl, Eichstätt