Johannes Wallacher/Matthias Rugel (Hg.): Die globale Finanzkrise als ethische Herausforderung, Stuttgart 2011, 192 S., ISBN 978–3-17–021650–1.
Das Institut für Gesellschaftspolitik an der Hochschule der Philosophie der Jesuiten in München veranstaltet im Rahmen des Rottendorf-Projekts jährlich eine interdisziplinäre Fachtagung, die sich globalen Problemen aus sozialethischer Perspektive zuwendet. Die Jahrestagung 2011 war der globalen Finanzkrise gewidmet.
Nach der Einleitung der Herausgeber eröffnet der Volkswirt Martin Hellweg den Band mit einer Beschreibung verschiedener Arten von Markt- und Staatsversagen als Ursachen der Finanzkrise von 2007/08. Er sieht einen erheblichen Reformbedarf in den Vorschriften über das notwendige Eigenkapital, weil manche Banken ihre Bilanzsumme so aufgebläht hatten, dass sich ihr Eigenkapital nur noch auf 2–3 % ihrer Bilanzsumme belief. Weiterhin muss die Haftung von Vorständen und Aufsichtsräten verschärft werden. Darüber hinaus sollte ein spezielles Insolvenzrecht für Banken geschaffen werden. Außerdem sollten Entlohnungssysteme für Vorstände und Bankmitarbeiter von der staatlichen Aufsicht kontrolliert werden.
Der Volkswirt Lukas Menkhoff weist zunächst auf erhebliche langfristige Folgen der Finanzkrise hin wie den Aufstieg Chinas, die hohe Staatsverschuldung sowie den Ansehensverlust der Finanzwirtschaft. Menkhoff stimmt im Wesentlichen den Forderungen Hellwigs nach mehr Haftung und einer besseren Regulierung zu; er fordert im Sinne des Subsidiaritätsprinzips mehr Verantwortung der handelnden Akteure ein.
Anschließend geht der Volkswirt Gerhard Illing auf eine makroökonomische Stabilisierungspolitik in Europa ein. Die Bankenrettung sowie die konjukturpolitischen Maßnahmen führen zu einem drastischen Anstieg der Staatsverschuldung, die aber langfristig abgebaut werden soll. Dazu ist vor allem in Wachstumsphasen Neuverschuldung zu vermeiden.
Die Volkswirtinnen Blach/Bening/Schubert widmen sich den sozialen und ökologischen Wirkungen von Konjunkturprogrammen. Solche wurden im Kontext der Wirtschaftskrise gefordert, um vor allem durch langfristig angelegte Investitionen in alternativen Energien sowie Energiesparmaßnahmen den CO2-intensiven fossilen Energieverbrauch zum Klimaschutz zu senken. Anhand eines internationalen Vergleichs wird aufgezeigt, in welchem Umfang Konjunkturprogramme zu einem Umbau der Wirtschaft im Sinne von mehr Nachhaltigkeit genutzt wurden.
Die Betriebswirtin Eva Terberger stellt die Konsequenzen der Finanzkrise für die Entwicklungsfinanzierung dar und weist vor allem daraufhin, dass in Entwicklungsländern die Zweifel erheblich gewachsen sind, ob das westliche Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell noch als vorbildlich gelten kann, so dass man ihm nacheifern sollte. Hingegen gewinnt China als Wirtschaftspartner, als Geber wie als Wirtschafts- und Politikmodell an Beachtung. Im Finanzsektor bleibt die Mikrofinanzierung ein wesentliches Instrument der Entwicklungsförderung, wobei die Finanzkrise ein heilsamer Schock für Mikrofinanzinstitute gewesen ist. In den letzten Jahren war es in einer Reihe von Ländern zu einer zu schnellen Expansion von Mikrokrediten unter Hintanstellung einer zuverlässigen Kreditwürdigkeitsprüfung gekommen.
Der Politikwissenschaftler Reese-Schäfer setzt sich mit liberalen ordnungspolitischen Vorstellungen auseinander und fragt nach möglichen Alternativen unter kommunitaristischen Vorzeichen. Er plädiert im Anschluss an Etzioni für einen gesellschaftlich eingebundenen Wettbewerb, der sowohl auf staatlicher Regulierung basiert als auch auf gesellschaftlichen Werten, die durch Erziehung vermittelt werden und in der öffentlichen Meinung verankert sind.
Besonders interessant ist der Beitrag des Sozialethikers Bernhard Emunds, der fordert, dass die Finanzwirtschaft kein Selbstbedienungsladen sein dürfe. Zunächst betont er, dass es zwischen 1950 und 1990 keine nationale Bankenkrise in einem Industrieland gegeben hat; dadurch werde deutlich, dass eine effektive Regulierung zur Krisenvermeidung möglich sei. Er weist daraufhin, dass in einer Expansionsphase beim Aufbau einer Vermögensblase (Aktienkurssteigerung, Immobilienmarkt) zunächst alle Akteure den Eindruck einer „win-win-Situation“ haben, weil fast alle solange profitieren, bis die Blase platzt und dann einige Marktteilnehmer erhebliche Verluste machen, während diejenigen, die durch Handel selbst profitiert haben bzw. rechtzeitig ausgestiegen sind, hohe Gewinne erzielt haben. Die Finanzkrise hat das marktliberale Paradigma einer inhärenten Stabilität von Märkten in Frage gestellt. Manager von Finanzmarktinstitutionen haben Regulierungen nicht nach ihren Intentionen, sondern nur buchstabengetreu interpretiert, um sie umgehen zu können. Emunds weist auf das Verteilungsproblem hin, das sich infolge der Stabilisierung des Finanzsektors und der Konjunktur ergibt; sie ziehe hohe Verschuldung und ggf. Kürzungen der Staatsausgaben nach sich, die die sozial Schwächeren betreffen, während das bei Banken angelegte Vermögen der „Reichen“ gesichert wird. Außerdem kann sich weiterhin im Finanzsektor eine „Rent-Seeking-Ökonomie“ halten, bei der keine realen Wertschöpfungsbeiträge im volkswirtschaftlichen Sinne erbracht werden, aber hohe Einkommen und Gewinne erzielt werden, die z. B. auf der billigen Bereitstellung von Geld durch die Notenbank beruhen.
Abschließend trägt der damalige bayrische Finanzminister und heutige Sparkassenpräsident Fahrenschon einige Thesen zur Lösung der Finanzmarktkrise vor, wobei er für eine globale Soziale Marktwirtschaft an Stelle angelsächsischer Finanzmarktphilosophie plädiert. Hilfreich in dem insgesamt sehr informativen Band ist auch der Abdruck der Diskussionsbeiträge zu den jeweiligen Referaten.
Joachim Wiemeyer, Bochum