Titelseite Amosinternational 1/2012

Heft 1/2012Religionspolitik

Inhalt

Wie steht es also um den moralischen Zusammenhalt unserer Gesellschaft? Wie viel Religion verträgt der Staat – und wie viel braucht er? Diese Fragen stehen im Zentrum dieser Ausgabe.

Über diese Ausgabe

  • Plus S. 3

    Wer definiert den Schutzbereich der Religionsfreiheit?Zur Rolle der Religionsgemeinschaften bei der Auslegung des Rechts

    Das Recht auf Religionsfreiheit gehört historisch zum unbestrittenen Kern des Menschenrechtsethos. Seine reale Schutzwirkung entscheidet sich aber erst in der konkreten Auslegung und Anwendung. Sie ist deswegen auch von politischen und kulturellen Faktoren abhängig. Da es dem Schutzanspruch der Religionsfreiheit zuwider liefe, wenn Gesetzgebung und Rechtsprechung eigenmächtig ein bestimmtes Verständnis von religiöser Praxis heranzögen, kommt den Religionsgemeinschaften bei der Auslegung des Rechtsanspruchs eine entscheidende Rolle zu. Für die christlichen Kirchen in Deutschland heißt das: Sie sollten künftig benennen können, welches nach ihrem Selbstverständnis die schützenswerten Aspekte ihrer eigenen religiösen Praxis sind. Das macht eine neue Positionierung im Verhältnis der Kirchen zum Staat erforderlich.

  • Plus S. 10

    Religion an öffentlichen SchulenZur Entstehung und Bearbeitung religionspolitisch relevanter Konflikte

    Die öffentliche Schule ist einer der Orte, an denen in den letzten Jahren besonders viele religionspolitisch relevante Konflikte ihren Ausgang genommen haben. Diese Konflikte sind eine Folge von Abstimmungsproblemen in unserer gesellschaftlich ausdifferenzierten, religiös pluralen Gesellschaft. Schule ist aber nicht nur ein Ort, an dem religionspolitische Konflikte entstehen und ausgetragen werden, Schule kann auch einen Beitrag leisten zur Bearbeitung solcher Konflikte. Wie Schule als Bildungsort und Lebensraum gestaltet werden muss, damit dies gelingen kann, wird in diesem Beitrag diskutiert.

  • Plus S. 18

    Auf dem Weg zur Anerkennung muslimischer ReligionsgemeinschaftenDer religionspolitische Kompromiss in NRW zum Islamischen Religionsunterricht

    Die Diskussion um eine religionspolitische Anerkennung von muslimischen Religionsgemeinschaften sollte sich in Zukunft auf die etwa 2500 Moscheegemeinden in Deutschland konzentrieren. Dazu wird es notwendig sein, sich von dem Repräsentations-Konzept, welches sich an vier Millionen Muslimen orientiert, zu verabschieden. Es wurde bisher vom Bundesministerium des Innern vertreten und durch die Deutsche Islamkonferenz etabliert. Der religionspolitische Kompromiss zur Einführung von islamischem Religionsunterricht in NRW ist eine gute Grundlage, um Misstrauen zwischen Politik und muslimischen Verbänden abzubauen, und ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg hin zu einer vollen Anerkennung der Moscheeverbände in Deutschland. Es bedarf einer innermuslimischen Debatte über die angemessene Weiterentwicklung der muslimischen Strukturen im Rahmen des religionsverfassungsrechtlichen Systems der Bundesrepublik Deutschland.

  • Plus S. 24

    Religionszugehörigkeit und Versorgungsgerechtigkeit im Gesundheitswesen24Von der Gleichbehandlung zur religionssensiblen Differenzierung

    Religion hat im Gesundheitswesen derzeit nur einen geringen Stellenwert und kann dadurch subtil zum Ungleichheitsmarker werden. Die Verantwortung für religionssensible Versorgungsgerechtigkeit bleibt in der Regel der einzelnen Fachkraft überlassen. Strukturelle Unterstützung in den Einrichtungen gibt es hingegen lediglich vereinzelt, auf politischer Ebene fehlt sie bisher ganz. Es geht daher im Folgenden nicht um Religionspolitik im engeren Sinne, vielmehr steht die Frage im Vordergrund, welche Rolle Religion in der Versorgung von kranken und pflegebedürftigen Menschen spielt. Es zeigt sich, dass zunächst ein Bewusstseinswandel erforderlich ist, um Religion als relevante soziale Kategorie wahrzunehmen. Erst aus diesem veränderten Verständnis lassen sich Maßnahmen für unterschiedliche AkteurInnen ableiten.

  • Plus S. 34

    „Dialogverweigerung ist das Problem, nicht die religiöse Vielfalt“Gespräch mit Regina Ammicht Quinn über Religionspolitik und interreligiösen Dialog

    Wie verändert sich heute die Bedeutung von Religionsfreiheit? Welche gemeinsamen Anliegen sollten die Religionen in die Zivilgesellschaft einbringen und im Sinne des Gemeinwohls bearbeiten? Was kann die Politik, was können die etablierten Religionen tun, damit weder die neu hinzu gekommene muslimische Religion, noch die große Gruppe der Nicht-Religiösen benachteiligt werden? Auf welchen Voraussetzungen beruht ein konstruktiver Dialog zwischen den Religionen? Wie viel an verschwiegener interkultureller Offenheit und Bereicherung gehören zum Erbe unserer durch Christentum und Aufklärung geprägten Moderne? Anhand dieser und weiterer Fragen lotet die renommierte Tübinger Ethikerin die Chancen aus, die sich angesichts der gewachsenen religiösen Pluralität für die Religionen selbst, aber auch für die Gestaltung einer verbindenden Zivilgesellschaft auftun.

  • Plus S. 45

    Guter Lohn für gute Arbeit – auch in der Familie?Zur Diskussion um das Betreuungsgeld

    Sollen Eltern dafür, dass sie Kinder bekommen und für diese sorgen, eine Prämie erhalten? Der Autor spricht sich für einen solchen Familienlohn aus. Er schaffe angemessenen Ausgleich für die erbrachten Fürsorgeleistungen, für den finanziellen und zeitlichen Aufwand, von dem auf lange Sicht auch Kinderlose profitieren. Vor allem aber erweise sich der Familienlohn bei Erwägung verschiedener Alternativen als einzig realistische Möglichkeit, denen, die gesellschaftlich notwendige Familienarbeit übernehmen, gerechte soziale Anerkennung zu zollen. Eine klare Unterscheidung zwischen innerfamiliärer Liebe und Fürsorge schützt dabei vor einer überzogenen Ausweitung der Sphäre sozialer Gerechtigkeit.

  • Plus S. 51

    Demokratie – eine neue IdeeZum 86. Kongress der französischen Sozialwochen in Paris

    Blickt man auf die aktuellen Umbrüche in der arabischen Welt, wird man zweifellos von Demokratie als einer Neuheit sprechen können. Aber gilt das auch für die westlichen Länder, in denen die Demokratie in den politischen Kulturen fest verankert scheint? Vorweg sei festgestellt: Die ca. 3000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der jüngsten Sozialwoche haben die Demokratie nicht neu erfunden. Aber sie konnten am Ende der dreitägigen Beratungen eine Vielzahl neuer Ideen und Impulse für ihr Engagement in Gruppen und Pfarreien, kommunalen Räten, gesellschaftlichen Organisationen oder politischen Parteien mit nach Hause nehmen. Mehr als um eine neue Theorie von Demokratie ging es ihnen um eine erneuerte demokratische Kultur. Dabei konnten sie in Diskussions- und Beratungsgruppen an Ort und Stelle selbst demokratische Erfahrungen machen. Ein Podium mit Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen im April 2012 gab der Zusammenkunft einen unmittelbar aktuellen Bezug.