Hilpert, Konrad (Hg.): Zukunftshorizonte katholischer Sexualethik, Freiburg i. Br.: Herder 2011, 520 S., ISBN 978–3–451–02241–8.
In einer Erklärung zu den Missbrauchsfällen in Deutschland hatten die deutschsprachigen Moraltheologen/innen 2010 versprochen, die Zusammenhänge zwischen sexuellem Missbrauch und der kirchlichen Lehrtradition sowie überhaupt die inzwischen aufgestauten Defizite theologisch-ethischer Forschung und Reflexion besonders hinsichtlich der katholischen Sexualmoral zu bearbeiten. Angesichts der Tatsache, dass es in diesem Bereich – auch wegen verschiedener lehramtlicher Sanktionen gegen Personen, die hierfür Neues gewagt hatten – lange Zeit praktisch keine weiterführenden Arbeiten mehr gegeben hat, die Theologie an ihnen „nur ‚mit angezogener Handbremse‘ und einer stets wirksamen ‚Schere im Kopf‘“ arbeiten konnte (Marianne Heimbach-Steins, S. 308), ist es besonders verdienstvoll, dass dieses Versprechen mit dem jetzt vorliegenden, besonders umfangreichen neuen Band der Reihe „Quaestiones disputatae“ eingelöst wird. 28 Autorinnen und Autoren, darunter die große Mehrheit der derzeit an theologischen Fakultäten im deutschsprachigen Raum lehrenden Moraltheologen/ innen, denken hier „ganz bewusst und experimentell“ über die bisherige kirchliche Lehre hinaus (Vorwort, S. 10) und nehmen in sehr fundierten Beiträgen Stellung zu den umstrittenen und „heiklen“ Themen katholischer Sexualmoral, zu denen es in der offiziellen Position der Kirche bislang meist nur pauschale und strikte Verbote gibt: Es geht um Masturbation, Empfängnisverhütung, vorehelichen Geschlechtsverkehr, Ehescheidung, Zölibat, Homosexualität, dazu dann auch noch um einige sehr aktuelle Themen, die bislang noch nicht so stark im Mittelpunkt der Debatten standen, so etwa um die Sexualität von Menschen mit Behinderungen, Transsexualität, Pornographie im Internet, Fragen der interkulturellen Sexualethik sowie – last but not least – um damit zusammenhängende Grundfragen der Hermeneutik und der Tradition, unterschiedliche Argumentationsmodelle, anthropologische Fragen und Fragen des Kirchenbildes.
Die Autoren/innen vertreten dabei durchweg Positionen, die die meisten Menschen in Deutschland, auch die meisten Katholiken/innen, sicherlich überzeugend finden werden – die zugleich aber von den offiziellen lehramtlichen Positionen mehr oder weniger deutlich abweichen. Es gibt heute keine vernünftigen moraltheologischen Gründe mehr, um beispielsweise an einer strikten Verurteilung von künstlicher Empfängnisverhütung, sexueller Selbstbefriedigung, vorehelichem Geschlechtsverkehr oder homosexueller Partnerschaft festzuhalten. Sexualethik muss v. a. als „Beziehungsethik“ buchstabiert werden (Karl Wilhelm Merks) – und das unter Vermeidung jeder Abwertung menschlicher Sexualität. Keiner versteht mehr, warum Kondome selbst dann nicht erlaubt sein sollten, wenn sich dadurch ein gesunder Ehepartner vor Ansteckung durch seinen AIDS-infizierten Partner schützen könnte. Dringend ist auch eine Revision der kirchlichen Praxis gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen, denen nicht einfach der Zugang zur Kommunion verwehrt werden kann (so Eberhard Schockenhoff). Die „Verbotsmoral“ muss überwunden werden, um positiv Elemente einer „christlichen Liebeskunst“ aufzuweisen (Franz-Josef Bormann). Auch das Junktim von Priestertum und Zölibatsverpflichtung, die letztlich mit durch Jesus bereits überwundenen Vorstellungen kultischer Reinheit und der Vermeidung von Erbansprüchen von Klerikerkindern zusammenhing, muss aufgelöst werden (Franz Xaver Bischof). Im Blick auf die Problematik des sexuellen Missbrauchs betont Christoph Böttigheimer, sie dürfe nicht nur als ein Problem der Sündhaftigkeit von Einzelnen verstanden, sondern müsse auf ihre strukturellen, institutionellen und lehrhaften Hintergründe befragt werden.
Alle Autoren/innen versuchen dabei, ihre Positionen mit Rückgriff auf die Tradition, die freilich unter Berücksichtigung der jeweiligen historischen Kontexte zu interpretieren ist, auch theologisch so an die bisherige Lehre anzuschließen, dass sie auch „nach innen“ überzeugen können, um auch konservativeren Vertretern der Lehre Brücken zu bauen. Dass hier viel aufzuarbeiten ist, macht beispielsweise der Beitrag von Hans J. Münk über den „Sexualpessimismus im Kontext der Erbsündenlehre“ des Hl. Augustinus deutlich. Auch die Bibel darf nicht einfach wörtlich verstanden und uneingeschränkt als Autorität übernommen werden. So stellt Werner Wolbert eindeutig klar: „Wenn Aussagen über das sittlich richtige oder falsche Handeln Urteile der Vernunft und nicht des Glaubens darstellen, dann gehören auch die ethischen Aussagen der Bibel in diese Kategorie; d. h. sie sind keine Glaubensaussagen. Ihnen ist eine praesumptio veritatis zuzubilligen; sie können aber mit entsprechenden Gründen korrigiert oder zumindest in Frage gestellt werden. Das gilt bezüglich der Unterordnung der Frau, dem Verbot des Zinsnehmens, der Erlaubnis der Sklaverei, somit auch der sexualethischen Aussagen. Wer in solchen Aussagen mysteria moralitatis erkennt, muss die entsprechenden Aussagen notwendigerweise selektiv lesen und untergräbt damit letztlich die Glaubwürdigkeit der biblischen Botschaft, indem er vor allem seine eigenen Dogmen darin findet.“ (S. 208 f.)
Wie weit die kirchliche Lehre mittlerweile von den verbreiteten moralischen Überzeugungen der meisten Menschen von heute entfernt ist, sieht man auch daran, dass diese gut gemeinten und innerkirchlich auch sehr wichtigen Vermittlungsversuche mit den Ansätzen und der inneren Logik der bisherigen Lehre von heutigen Menschen außerhalb der Kirche und selbst vielen Kirchenmitgliedern gar nicht mehr nachvollzogen werden können, ja sogar oft neue Missverständnisse produzieren. So ist es beispielsweise für die moraltheologische Argumentation nach innen schon interessant, dass der Papst selbst in einem Interview mit Peter Seewald 2010 Kondome für männliche Prostituierte als einen „ersten Schritt zu einer Moralisierung“ verstanden hat, weil das die Tür in Richtung einer legitimen Güterabwägung im Gegensatz zum bisherigen strikten Verbot zu öffnen scheint. Für heutige „normale“ Zeitgenossen ist es jedoch höchst irritierend, dass dem Papst offenbar gerade diese Ausnahme als exemplarisch in den Sinn kommt. Auch wenn im Katechismus der Katholischen Kirche (Nr. 2352) hinsichtlich der Masturbation betont wird, dass „affektive Unreife, die Macht eingefleischter Gewohnheiten, Angstzustände und weitere psychische oder gesellschaftliche Faktoren“ „die moralische Schuld vermindern oder sogar aufheben“ (S. 485) können, so lässt sich dies als ein Ansatz zu einer notwendigen Differenzierung in der Beurteilung positiv verstehen – andererseits dürfte vielen heutigen Zeitgenossen der Aufwand solcher Argumentation suspekt erscheinen, weil von vornherein kein Grund ausgemacht werden kann, warum Masturbation überhaupt etwas moralisch Problematisches sein sollte.
In einem abschließenden Beitrag „Kontinuitäten, Problemfelder und Perspektiven kirchlicher Sexuallehre“ benennt Konrad Hilpert als entscheidende Problempunkte kirchlicher Sexuallehre die oft undifferenzierte und wenig problembewusste Berufung auf eine vermeintliche „Natur“ des Menschen, aus der sich moralische Normen einfach ableiten ließen, die fast ausschließliche Ausrichtung der Sexualität auf die Fortpflanzung, die starke Betonung von Verboten und die wachsenden Diskrepanzen zwischen den normativen Positionen und den gelebten Überzeugungen der katholischen Christen, Diskrepanzen freilich, die bislang die verhärteten amtlichen Positionen kaum erschüttern konnten. Diese Diskrepanz ist „ekklesiologisch belastend und Ausgangspunkt für viele Konflikte um Personen und Meinungen, untergründig auch Ausgangspunkt für tiefe Entfremdungen und Enttäuschungen.“ (S. 479) Irritierend sei auch, dass Fragen der Sexualmoral häufig mit sehr viel höherer Dringlichkeit behandelt würden als moralische Probleme, die für die Menschen tatsächlich relevant seien: „Eine problematische Schieflage entsteht […] dann, wenn bestimmte Fragen nur aus Gründen der Tradition oder der Macht sehr hoch rangieren, wohingegen neue Themen und Fragen, für die in Gesellschaft und Politik eine große Sensibilität besteht, wenig Beachtung finden.“ (S. 480–481) So ist zu hoffen, dass die katholische Kirche tatsächliche Wege findet, um den Menschen in den wirklich wichtigen Fragen Orientierung zu geben, alte Festlegungen zu überwinden, Gewissensentscheidungen der Einzelnen zu respektieren und dadurch moralisch wieder glaubwürdiger zu werden. Sollten allerdings einzelne oder mehrere Autoren dieses mutigen Bandes von kirchenamtlicher Seite sanktioniert werden, so würde das die Glaubwürdigkeit der Kirche in den Augen der Zeitgenossen/ innen wohl nachhaltig untergraben und alle Bemühungen für einen dialogischen Prozess zur Klärung dieser Fragen diskreditieren.
Gerhard Kruip, Mainz