Religion - Wirtschaft - Politik

Liedhegener, Antonius; Andreas Tunger-Zanetti, Andreas; Wirz, Stephan (Hg.): Religion – Wirtschaft – Politik. Forschungszugänge zu einem aktuellen transdisziplinären Feld, Baden-Baden: Nomos 2011, 414 S., ISBN 978–3–8329–6539–6.

Auf welchem Wege die Verbindungspunkte von Religion, Wirtschaft und Politik vor dem Hintergrund einer sich globalisierenden Welt und im Kontext der geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung zu erkunden sind, steht im Mittelpunkt des Eröffnungsbandes der neuen Reihe Religion – Wirtschaft – Politik, die von einem elfköpfigen Herausgeberensemble verantwortet wird und im Baden-Badener Nomos-Verlag erscheint. Eine enge institutionelle Verbindung dieser Reihe besteht zum noch jungen Masterstudiengang am Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRPW), das 2008 gegründet wurde und als Kooperation von den Universitäten Basel, Lausanne, Luzern und Zürich sowie dem Collegium Helveticum getragen wird.

In ihrer mit beeindruckender Präzision komponierten Einleitung, die den weiteren Beiträgen des Sammelbandes programmatisch vorangestellt ist, legen Antonius Liedhegener und Andreas Tunger-Zanetti nicht nur die Intention des Bandes dar, sondern auch mit einer der Komplexität der Thematik angemessenen Differenzierung, wozu es in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Schnittfeldern von Religion, Wirtschaft und Politik eine transdisziplinäre Perspektive braucht. In der Offenlegung des wissenschaftstheoretischen Ausgangspunktes und im Bewusstsein für die forschungspraktischen Herausforderungen wird Transdisziplinarität in einer vorläufigen Weise definiert, nicht zuletzt um offenkundig vorhandenen Missverständnissen, Vorurteilen und skurrilen Auffassungen vorzubeugen. Sie ist demnach zu verstehen „als eine auf den einzelwissenschaftlichen Kompetenzen aufbauende, integrativ an gesellschaftlich relevanten Problemfragen ausgerichtete gemeinsame Forschung unterschiedlicher Disziplinen mit dem Ziel, gesellschaftliche Problemstellungen wissenschaftlich präziser zu identifizieren, sie zu analysieren und für sie ggf. Problemlösungs- und Anwendungswissen zu generieren“ (17). Mit Blick auf die Disziplinen-Trias liegt erstens eine fundamentale Gelingensbedingung dieser Transdisziplinarität darin, dass sich jede der involvierten Disziplinen auf einen soliden und angemessenen Kenntnisstand über die jeweils anderen Fachwissenschaften bringt. Damit verbindet sich zweitens „die Bereitschaft und Fähigkeit, sich auf Fragen und Forschungsansätze der unterschiedlichen Disziplinen einzulassen und die Ergebnisse der bisherigen Forschung wechselseitig zur Kenntnis zu nehmen“ (14).

Ganz im Sinne der zugrundeliegenden Transdisziplinarität sind durch die Autorin bzw. die Autoren der Einzelbeiträge eine Vielzahl an Disziplinen vertreten, die sich der Trias Religion, Wirtschaft und Politik zuordnen lassen: Religionsgeschichte, Religionssoziologie, Religionswissenschaft, Religionspolitologie, Religionsökonomie, Politikwissenschaft, Systematische Theologie, Wirtschaftsethik, Volks- und Betriebswirtschaftslehre.

Im ersten Hauptteil des Bandes werden disziplinübergreifende Theorieangebote zur Ermittlung von Phänomen und Begriff der Religion gesichtet und analysiert. Unter anderem wird das so genannte Säkularisierungsparadigma, das in gegenwärtigen Diskursen eine hohe Präsenz aufweist, einer kritischen Analyse unterzogen – mit dem Erkenntnisgewinn, dass die säkularisierungstheoretische Erklärungskraft nach wie vor hoch ist, trotz offenkundiger Defizite. Eines besteht zum Beispiel darin, allein auf der makrosoziologischen Ebene zu argumentieren. Säkularisierungsphänomene, so das Ergebnis eines weiteren Beitrages zum Bereich der Religionssoziologie, ließen sich mit einer „Theorie der Konkurrenz religiöser und säkularer Güter“ erklären; Grundlage hierfür biete eine „Soziologie sozialer Mechanismen“, die ein starkes Plus gegenüber rational choice of religion-Ansätzen aufweise. Eine analytische Differenzierung zwischen Religion im Diskurs und Diskurs der Religion(en) involviert den Begriff des Ordnungsdiskurses und entwirft zur präziseren Erkundung und Analyse des Diskursfeldes Religion ein heuristisch-komparatives Modell; dies hat mitunter zur Konsequenz, dass es auch nicht-diskursive, aisthetische Strukturen zu berücksichtigen gilt.

Der zweite Hauptteil wendet sich der Sache bzw. dem Begriff der Religion in den Einzelwissenschaften und in ihren Teildisziplinen zu und umfasst Beiträge zum einen aus der Religionswissenschaft und Theologie (2.1) sowie zum andern aus der Politikwissenschaft (2.2) und schließlich aus den Wirtschaftswissenschaften (2.3). Die Forderung, in einer stärker komparatistisch ausgerichteten Forschungsperspektive die religiöse Gegenwartssituation in verschiedenen Regionen der Welt und nicht nur im westlichen Kontext für die Erfassung und Reflexion der Theoriebildung zu berücksichtigen, zählt ebenso zu den mannigfachen Erträgen der ersten Abteilung in diesem zweiten Hauptsegment des Bandes, wie die Bestimmung der Theologie als „Vollzug von Reflexionsreligion“ oder die Betonung, dass es (antike) historische Bedingtheiten aufzuspüren gilt, um der gegenwartsrelevanten Frage nach der politikförmigen Prägung von Judentum, Christentum und Islam nachgehen zu können. Ein weiterer Beitrag führt in den Begriff der Religionstheologie(n) ein und bietet zudem einen ebenso einführenden wie kritischen Überblick zu den gegenwärtigen Strömungen in Gestalt von pluralistischer, komparativer oder kommunikativer Religionstheorie.

In einem der wirtschaftsethischen Zugänge wird in grundsätzlicher Weise (und zu Recht) betont, dass die Einbindung der Ethik in ein transdisziplinäres Forschungsdesign die Voraussetzung dafür schaffe, „um zunächst miteinander unverbundene segmentäre wissenschaftliche Erkenntnisse in einen anthropologischen und gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang zu integrieren und hinsichtlich des ‚Zielwertes‘ des ‚Humanen‘ zu überprüfen“ (199). Die Disziplin der Politischen Theorie nimmt sich zum einen des Begriffs der „Politischen Religion“ an und analysiert die im Hintergrund stehenden darauf bezogenen Konzepte, zum anderen werden Konzepte zur „Zivilreligion“ vorgestellt und kritisch gewürdigt. Unter der Frage nach „Macht und Einfluss der Religionen“ werden bisherige Attitüden sowie gegenwärtige Trends in der Politischen Systemlehre dargelegt; im Rahmen inhaltlicher Notwendigkeiten und methodischer Anregungen wird zudem aufgezeigt, in welcher Weise es gerechtfertigt ist, den Gegenstand der Religion stärker als bisher in die Analyse und Reflexion von politischer Kultur einzubeziehen. Weitere Beiträge seitens der Politikwissenschaft betonen die Relevanz von Religion sowohl für politische Entscheidungsprozesse als auch in Konflikt- und Kriegskontexten; gerade mit Blick auf letzteres wird die in den zurückliegenden Jahre wachsende Bedeutung und Akzeptanz dieser Fragestellung im Disziplinfeld der Internationalen Beziehungen betont. Die wirtschaftswissenschaftlichen Beiträge erkunden unter einer Vielzahl an Aspekten etwa die religiösen Hintergründe unternehmensethischer Positionen oder stellen die Bedeutung der Ökonomik als Denkansatz heraus – verbunden mit der Erläuterung des menschzentrierten ökonomischen Verhaltensmodells. Darüber hinaus werden in programmatischer Absicht Perspektiven für eine „kommensurable Religionsökonomie“ entwickelt – einer noch relativ jungen Disziplin mit Wurzeln in US-amerikanischen Forschungsbemühungen. Ein dritter Hauptteil, der lediglich gut 3 Seiten umfasst (und die kritische Anfrage an die Strukturierung des Bandes evoziert), fungiert als Reprise und stellt nochmals die Frage nach der Religion als transdisziplinärer Herausforderung: Auf der inhaltlichen Basis der vorangehenden Beiträge werden bilanzierend und perspektivisch zugleich sechs Thesen entfaltet, die auf methodische Problemlagen oder konzeptionelle Herausforderungen aufmerksam machen und auf diese Weise eine ganze Reihe von Anknüpfungspunkten für die nächsten konkreten Schritte der gemeinsamen transdisziplinären Forschungsunternehmung liefern.

Mit dem vorliegenden Band hat das Herausgeberterzett ein überaus solides Fundament für den weiteren Auf- und Ausbau transdisziplinärer Forschung zu den Wechselbeziehungen von Religion, Wirtschaft und Politik gelegt. Dem Leser ist ein facettenreiches Werk in die Hand gegeben, das zu ausgewählten wie umfassenden Studien einlädt. Wiederholungen in den Ausgangsdiagnosen oder Referenzpunkten werden dem selektiv Lesenden nicht auffallen, wer den Band jedoch von der ersten bis zur letzten Seite durchstudiert, wird einer intellektuellen Ermüdung durch den ständigen Bezug auf das Säkularisierungstheorem oder auf die Rede von der „Renaissance der Religionen“ nicht entgehen können. Die in der einleitenden Programmatik einer transdisziplinären Forschung dargelegte, zu leistende Ermittlung des Sachstandes der jeweiligen Disziplin ist weithin gelungen, wenngleich auf ganz unterschiedliche Weise. Unterstützt wird diese Ermittlung durch eine Vielzahl instruktiver Schaubilder und Graphiken. Inwiefern auch die Vermittlung dieses Sachstandes in andere Disziplinen hinein gelingen wird, kann sich nur in der einschlägigen Rezeption durch die einbezogenen Einzeldisziplinen bzw. deren Forschungsakteure erweisen. Eine babylonische Sprachverwirrung (400) dürfte sicherlich ausbleiben, eine Gewissheit über erste disziplinenübergreifende Verständigungserfolge wird die nahe Zukunft belegen müssen.

Johannes J. Frühbauer, Luzern