Kommunismus in Rückblick

Gabriel, Ingeborg; Bystricky, Cornelia (Hg.): Kommunismus im Rückblick Ökumenische Perspektiven aus Ost und West (1989–2009), Ostfi ldern: Matthias-Grünewald 2010, 332 S., ISBN 978–3–7867–2851–1.

Der vorliegende Band enthält die Referate und Diskussionsbeiträge von der dritten ökumenischen sozialethischen Tagung, die im November 2009 unter Federführung des Instituts für Sozialethik der Katholisch-theologischen Universität Wien zum gleichnamigen Thema veranstaltet wurde. Trotz der zahlreichen Literatur, die es auch von katholischen Sozialethikern zum Marxismus/Kommunismus gibt, stehen die Kirchen nach Auffassung der Herausgeberinnen vor der noch kaum gelösten Aufgabe, die kommunistische Epoche des christlich geprägten Europas theologisch und ethisch zu reflektieren. Zudem sei eine stärkere Auseinandersetzung mit den Folgen des Systemunrechts geboten. Diese müsse vor allem die Opfer in den Blick nehmen und eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur begründen. Der Berichtsband will dementsprechend die wahrgenommenen Desiderata aufgreifen und Impulse für die noch zu leistende Arbeit geben. Dreizehn namhafte Theologen und Sozialethiker aus acht Ländern und drei Kirchen – der katholischen, orthodoxen und evangelischen – diskutieren in ihren jeweiligen Beiträgen die angesprochene Thematik. Mit Ausnahme eines in Englisch veröffentlichten Aufsatzes bedient man sich dabei der deutschen Sprache. Die Zusammenfassungen sind zweisprachig – deutsch und englisch – verfasst.

Nach seinem eigenen Verständnis setzt sich der Tagungsband – dem Doppelanliegen entsprechend – aus zwei Teilen zusammen. Im ersten soll es um die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit Europas gehen, der zweite will aus der Perspektive von Schuld und Vergebung nach einem angemessenen Umgang mit Systemunrecht fragen. Offenbar besteht aber zwischen beiden Themenkreisen eine derart hohe Verflechtung, dass eine saubere Trennung nicht immer durchzuhalten ist. Einige Aufsätze, die zum zweiten Teil subsumiert werden, ließen sich auch gut und gern dem ersten zuordnen. Dies trifft beispielsweise auf die Ausführungen des rumänischen Kirchenhistorikers P. Brusanowski zu, der mit hoher Sachkenntnis die Geschichte der Rumänisch-Orthodoxen Kirche vor und nach der kommunistischen Periode untersucht. Doch selbst die Herausgeberinnen betonen in der Einleitung des Gesamtwerkes, „dass er diese Geschichte ohne Bezugnahme auf die Verfolgungen von Christen … durch das Regimebeschreibt …“ (21). Dadurch kommt die Erörterung des im zweiten Abschnitt angesagten Themas zu kurz. Ähnliches lässt sich für den geschichtlichen Abriss des griechischen Kirchenhistorikers D. Moschos sagen. Hier erfolgt zwar eine interessante Skizzierung der Etappen, die die orthodoxe Kirche Griechenlands seit dem Unabhängigkeitskrieg von 1821 durchlief. Da aber Griechenland nicht zum Ostblock gehörte und insofern ein „Sonderfall“ ist, kann der Artikel kaum auf den Schwerpunkt des ihm zugewiesenen Kapitels, d. h. auf die Opferproblematik eingehen. Seine Darlegungen über das spannungsreiche Verhältnis der griechisch- orthodoxen Kirche zum Marxismus wären im ersten Teil vielleicht besser aufgehoben.

Noch ein Zweites fällt auf. Es liegt in der Natur der Sache, dass unterschiedliche Wissenschaftler mit unterschiedlichen Ansätzen zahlreiche Perspektiven und Dimensionen beleuchten – zumal wenn sie aus verschiedenen Kirchen und Ländern stammen. Dies ist einerseits eine Bereicherung, weil sehr viele Aspekte, Erkenntnisse und Erfahrungen Berücksichtigung finden. Andererseits birgt die breitgefächerte Provenienz der Autoren auch die Gefahr mangelnder Prägnanz. W. Thönissen (Paderborn) beispielsweise beschreibt sehr fundiert die Entwicklungsprozesse, die innerhalb der katholischen und evangelischen Theologie zu einem gemeinsamen Sprechen beider Kirchen in gesellschaftlichen Fragen führen, und entwirft erste Konturen einer ökumenischen Sozialethik. Leider fehlen dem Beitrag die Bezüge zu den eigentlichen Fragestellungen des Sammelbandes. Offen bleibt der Stellenwert, den eine ökumenische Sozialethik für die Deutung des Kommunismus und die europäische Erinnerungskultur erlangen kann. Auch die Ausführungen des ungarischen Religionssoziologen M. Tomka bleiben hinsichtlich ihrer Schlussfolgerungen eher vage. Tomka zeigt anhand soziologischer Erhebungen, dass in vielen postkommunistischen Staaten neue Bruchlinien und soziale Härten entstanden sind, die zu einer teilweisen Verklärung des Staatssozialismus führen. Rückschlüsse aus diesem vielschichtig untersuchten Phänomen werden allerdings nur kurz von den Herausgeberinnen in der erwähnten Einleitung gezogen: Eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur bedürfe vorrangig der materiellen Solidarität, die elementare Voraussetzung für ein Zusammenwachsen Europas sei.

Freilich müssen dem Band auch uneingeschränkte Stärken zugesprochen werden. Hierzu gehören zweifelsohne die Ansätze einer theoretischen Verhältnisbestimmung von Marxismus und Christentum. Der Bonner Politikwissenschaftler R. Uertz klärt beispielsweise die Trennlinien, aber auch die Berührungspunkte zwischen katholischer Soziallehre und marxistischem Gedankengut. U. Körtner, evangelischer Systematiker aus Wien, befasst sich mit den unterschiedlichen Formen der Kapitalismuskritik im Protestantismus und kommt wie Uertz zu dem Ergebnis, dass die Anklage gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten der gemeinsame Nenner marxistischer und christlich-sozialer Überzeugungen sei. Interessant sind auch die Überlegungen des rumänischorthodoxen Sozialtheologen R. Preda, der den Kommunismus als „gescheiterte Moderne“ (168/175) bezeichnet und die Gründe für die in seinem Land ausgebliebene Vergangenheitsbewältigung analysiert. Schließlich sei in diesem Zusammenhang auf den sehr lesenswerten Beitrag von I. Gabriel verwiesen. Ihre Darlegungen rekurrieren auf die Gesamtthematik des Buches und vertiefen argumentativ dessen Legitimation. Gabriel setzt dem Fortschrittsdenken der Moderne die christliche Theologie und Ethik entgegen, die die Heilszusage Gottes vermittle und sich als Fundament für Verständigung und Aussöhnung anbiete.

Ein weiteres Positivum ist die Veröffentlichung der Diskussionsbeiträge, die den nunmehr redigierten und abgedruckten Referaten folgten. Einzelne Gedanken werden dadurch kritisch verarbeitet oder auch konkretisiert. So wurde z. B. im Anschluss an den Vortrag des Hamburger Sozialethikers Th. Hoppe nach der Umsetzbarkeit der von ihm empfohlenen Erfahrungsräume gefragt, in denen sich einstige Opfer und Täter anders als in der Vergangenheit erleben sollen. Der entsprechende Diskurs führte zu einer anregenden Reflexion seiner Thesen, die ein differenziertes, von Relativierungen befreites Erinnern postulieren. Nicht unwidersprochen blieb eine Anmerkung des reformierten ungarischen Theologen S. Fazakas, der die Genese historischer Schuld erörterte und die Auffassung vertrat, dass ein Vergebungsgeschehen nur unter dem Kreuz Christi möglich werde. In der Diskussion erinnerten einige Redner an die Traditionen anderer Religionen, denen – ebenso wie dem Christentum – der Umgang mit Schuld und Versöhnung nicht fremd sei.

Nicht zuletzt sollen die bisher unerwähnten Aufsätze zur Sprache kommen. Dazu gehört der Bericht des polnischen Philosophen und Theologen J. Piecuch über die in seiner Heimat vollzogene Transformation. Piecuch zieht eine eher kritische Bilanz und beklagt mangelnde Initiativen zur Einleitung eines nationalen Versöhnungsprozesses. Vor allem die katholische Kirche, der sui generis die Zusammenführung widerstreitender Kräfte obliege, habe nur die eigene Bestandssicherung im Blick und erweise sich daher als unfähig zum gesellschaftlichen Brückenschlag. Der bulgarische orthodoxe Theologe M. Stoyadinov reflektiert die Herausforderungen der postkommunistischen Periode aus der christlichen Perspektive von Sünde und Metanoia. Viele Christen hätten ohne Gewissenskonflikte als loyale Bürger der ehemals sozialistischen Staaten gelebt, andere hingegen ihr Leben für den Glauben hingegeben. Die Aufarbeitung der Vergangenheit setze eine Erweiterung des anthropologischen Diskurses um soziologische, ethische und ekklesiologische Dimensionenvoraus. Eine Vielzahl der Facetten, die die Wende von 1989 kennzeichneten, spricht der Bischof von Rotterdam, A. van Luyn SDB, an. Nur auf eine seiner aufschlussreichen Beobachtungen kann hier eingegangen werden. Luyn, der eng mit der COMECE verbunden ist und von 2006 bis 2009 deren Präsident war, beschreibt die unterschiedliche Resonanz, auf die die EU-Erweiterung von 2004 in der europäischen Bischofskommission stieß. Während die Bischöfe der alten Mitgliedsstaaten den Beitritt von acht Ländern Mittelund Osteuropas schlicht als Aufnahme weiterer Staaten rezipierten, werteten ihn ihre Kollegen aus den neuen Ländern als eine Zäsur, die die Wiedervereinigung des geteilten Kontinents markiere.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die einzelnen Aufsätze des Sammelbandes eine kenntnisreiche und sorgsam recherchierte Einführung in die jeweilige Thematik bieten. Trotz seiner inhaltlichen Breite fehlt dem Gesamtwerk jedoch ein Beitrag zur Rolle der Kirchen in der ehemaligen DDR. Dieser wäre nicht nur in der spezifisch deutschen Sicht begründet, sondern würde auch das skizzierte Gesamtbild abrunden. Aber auch so wird die Studie ihren Platz in der Wissenschaft und der interessierten Öffentlichkeit finden.

Wolfgang Kurek, Mönchengladbach