Handbuch Wirtschaftsethik

Aßländer, Michael S. (Hg.), Handbuch Wirtschaftsethik, Stuttgart/Weimar: J. B. Metzler 2011, 490 S., ISBN 978–3–476–02270–7.

Das Verhältnis von Wirtschaft und Moral ist vor allem seit Beginn und in Aufarbeitung der Finanzkrise im Jahr 2009 extensiv und vielseitig publizistisch thematisiert worden. Offenbar braucht es den Skandal im Umfeld unternehmerischen Handelns oder ökonomischer (Fehl-)Entwicklungen, um nicht nur das Problembewusstsein der Öffentlichkeit zu aktivieren, sondern auch die wirtschaftsethische Reflexion in Gang zu setzen. Und nicht selten nehmen wirtschaftsethisch motivierte Schriften einen Einzelskandal oder eine unliebsame Entwicklung zum Aufhänger ihrer Darstellung. So auch das jüngst erschienene Handbuch Wirtschaftsethik. In seiner Einleitung nimmt der Herausgeber Bezug auf diverse Problemanzeigen – Managermoral, Arbeitsplatzpolitik, Herstellungsbedingungen – und knüpft daran die elementare „Frage nach den ethischen und normativen Grundlagen des Wirtschaftens“ (1). Just auf diese Frage bietet das Handbuch ein vielseitiges Angebot an Antworten, Orientierungen und Informationen. Neben der Einleitung enthält es neun weitere Kapitel, die sich ganz unterschiedlichen Themen verpflichtet wissen und sowohl theoretische Grundlagen als auch konkrete praktische Maßnahmen ausführlich darlegen. Im Rahmen der philosophischen Grundlagen der Wirtschafts- und Unternehmensethik wird zunächst in knapper Form Basiswissen zu den Grundbegriffen (Ethik, Moral) sowie zu Reflexionsebenen der Ethik dargeboten. Zudem werden kursorisch Grundpositionen in der Ethikgeschichte – von Aristoteles bis Rawls – dargestellt. Und schließlich enthält dieses Kapitel einen Abschnitt zur Moralpsychologie, in dem zunächst die Ansätze von Piaget und Kohlberg und sodann neuere Entwicklungen in diesem Feld skizziert werden. Das dritte Kapitel widmet sich der Aufgabe, theoriegeschichtliche Hintergründe der Wirtschafts- und Unternehmensethik zu präsentieren. Es setzt ein bei den ökonomischen Vorstellungen der Antike (agrarische Lebensweise, Ideal der Subsistenzwirtschaft) und der aristotelischen Unterscheidung zwischen Haushaltskunst (Oikonomik), Beschaffungskunst (Ktetik) und künstlicher Erwerbskunst (Chrematistik). Insbesondere die schrankenlose Erwerbskunst, die über den legitimen Zweck der Bedürfnisbefriedigung hinausgeht, wird von Aristoteles kritisiert; seine Kritik liefert auch für gegenwärtige Mentalitäten zumindest einen provokanten Denkanstoß, den Aßländer folgendermaßen ausführt: „Für Aristoteles ist das oberste Prinzip bei der Herstellung einer Sache der Zweck (causa finalis), dem die Sache dienen soll. So fertigt beispielsweise der Schuster einen Schuh, nicht primär, um ihn zu verkaufen, sondern um einen guten Schuh zu fertigen. Auch der Arzt übt seine Kunst primär aus, um seinen Patienten zu heilen, nicht um einen Lohn für seine Kunst zu empfangen. Und der Bürger engagiert sich für den Staat, um dem Staat zu dienen, nicht um Gewinn und Vorteil hieraus zu ziehen. Werden diese Tätigkeiten jedoch alleine um des Gelderwerbs willen ausgeübt, gelten sie als entartet und als moralisch verwerfl ich“ (28 f.). Sklavenarbeit, Lohnarbeit, göttliche und weltliche Ordnung sind weitere Aspekte im ersten theoriegeschichtlichen Abschnitt. Dieser wird ergänzt durch Ausführungen zum Beginn der ökonomischen Wissenschaft, und er erläutert mit den Begriffen Merkantilismus, Kameralismus und Physiokratrie unterschiedliche Konzeptionen und Formen des Wirtschaftens, die insbesondere im 17. und 18. Jahrhundert prägend waren. Ausführungen zu Adam Smith, John Stuart Mill und Karl Marx unter der Perspektive einer Politischen Ökonomie bzw. einer ökonomischen Interpretation der Gesellschaft schließen sich an. Anhand der Schlüsselbegriffe „Physikalismus der ‚reinen‘ Ökonomik“, „methodologischer Individualismus“, „Wohlfahrtsökonomik“ und „Wirtschafts- und Ordnungspolitik“ wird die Entwicklung der Ökonomik zur normativen Wissenschaft nachgezeichnet. Das theoriegeschichtliche Kapitel des Bandes wird abgerundet durch einen Abschnitt zur normativen Betriebswirtschaftslehre sowie zur experimentellen Ökonomik.

Das vierte Kapitel nimmt eine Vielzahl an wirtschafts- und unternehmensethischen Ansätzen in den Blick; zunächst mit Fokus auf den deutschsprachigen Raum (A), sodann den anglo-amerikanischen Kontext (B). Im ersten Teil dieses insgesamt vielseitigen Kapitels begegnen neben den Darstellungen zur Sozialen Marktwirtschaft, zur Katholischen Soziallehre sowie zur Evangelischen Sozialethik die „üblichen Verdächtigen“, wenn es um wirtschaftsethische Ansätze im deutschsprachigen Raum geht: Peter Ulrich (a), Horst Steinmann und Albert Löhr (b), Karl Homann (c) und Josef Wieland (d). Zentrale Aspekte ihrer jeweiligen Konzeptionen einer integrativen Wirtschaftsethik (a), eines republikanischen Ansatzes (b), eines ordnungstheoretischen Ansatzes (c) sowie eines governanceethischen Ansatzes (d) werden ausgeführt. Die anglo-amerikanischen Ansätze einer Wirtschafts- und Unternehmenethik werden repräsentiert durch Konzeptionen, die sich an den Bezeichnungen „Business Ethics“, „Kantischer Ansatz“, „kontraktualistischer Ansatz“, „intentionalistischer Ansatz“, „stakeholderorientierter Ansatz“ sowie „kommunitarischer Ansatz“ festmachen lassen. Diese äußerst differenten Ansätze drehen sich um Begrifflichkeiten wie Würde, sinnstiftende Arbeit, Vertragstreue, soziale Verantwortung, Makro- und Mikrovertrag, Korporation, Integrität, Wettbewerb und Effizienz. Das fünfte Kapitel thematisiert Grundprobleme der Wirtschafts- und Unternehmensethik und fragt zunächst nach der Wirtschaftsethik als angewandter Ethik. Ein zweiter Abschnitt konzipiert und differenziert den Verantwortungsbegriff für den Kontext wirtschaftlichen Handelns. Weitere Themen dieses Kapitels sind das Verhältnis von Markt und Moral, ökonomische Rationalität und Werthaltungen in Unternehmen. Kapitel sechs stellt eine ganze Reihe an Instrumenten vor, wie sie vor allem bei der Implementierung von unternehmensethischen Grundsätzen und Elementen eingesetzt werden (können). Dazu zählen Ethikkodizes und Ethics Officer genauso wie beispielsweise Whistleblowing oder Wertemanagement. Sozialstandards, Nachhaltigkeitsberichterstattung, Stakeholder-Management und Forensic Management sowie der Deutsche Corporate Governance Kodex gehören zu den weiteren dargestellten Instrumenten. Kapitel sieben stellt mit Corporate Citizenship, Public Private Partnerships und Multistakeholder- Initiativen, Corporate Social Responsibility, Global Compact und Corporate Stewardship Konzepte der Unternehmensverantwortung vor. Bereichsethiken im Rahmen der Unternehmensethik stehen im Mittelpunkt des achten Kapitels, das Ausführungen zur Marketing- Ethik, Management-Ethik, Ethik und Kapitalmarkt, Unternehmensethik und Organisation umfasst. Ein neuntes Kapitel stellt sich der Frage nach neuen Herausforderungen der Wirtschafts- und Unternehmensethik im Rekurs auf diverse Stichworte wie Globalisierung, natürliche Ressourcen, Armut und neues Selbstverständnis von Unternehmen. Das Handbuch wird beschlossen mit einem zehnten Kapitel: Hier sind in knappen Darstellungen von jeweils zwei bis drei Seiten insgesamt 28 „zentrale“ Begriffe von buddhistischer Ethik bis Zivilgesellschaft versammelt.

Wer die Handbuchreihe des Metzler-Verlages kennt und zu schätzen weiß, wird mit berechtigten Erwartungen an diesen neuen Band zur Wirtschaftsethik herangehen und dürfte weitgehend auch nicht enttäuscht werden. In oftmals kompakter Weise enthält das Handbuch einen enormen Fundus wirtschafts- und unternehmensethischer Begriffe, Konzeptionen, Ansätze und Fragestellungen. Sowohl der Nichtökonom als auch der Nichtethiker dürften jeweils von dem eigenen Fach fremden oder wenig vertrauten Inhalten ebenso profitieren wie der allgemein interessierte Leser. Mit Gewinn zu lesen sind beispielsweise die Darstellungen zu wirtschaftsethischen Ansätzen, die nicht dem deutschsprachigen Raum entstammen und kaum in anderen Darstellungen zur Wirtschaftsethik in dieser Weise zu finden sind. Dies trifft übrigens auch auf das Panorama wirtschafts- und unternehmensethischer Instrumente zu: Hier wird sehr solide und ausführlich veranschaulicht, welche praktikablen Möglichkeiten es gibt, in Unternehmen oder Organisationen ethische Grundsätze und Kategorien zur Geltung bzw. zur Anwendung zu bringen.

Die Systematik des Handbuchs überzeugt leider nur zum Teil. Hier sind Fragezeichen angebracht. Warum erst im V. Kapitel Grundprobleme der Wirtschafts- und Unternehmensethik zur Sprache kommen und dann auch noch die Zuordnung zur angewandten Ethik hier an erster Stelle steht und die Frage nach dem Verantwortungsbegriff (in einem bemerkenswert gestalteten Beitrag!) gerade hier eingegliedert ist, dürfte nur schwer nachvollziehbar sein. Ein wenig hilflos steht das letzte Kapitel des Bandes da, das dem Leser offenkundig den bis hierher nicht verarbeiteten Rest an Begriffen und Ansätzen anbietet – was zumindest auf den ersten Blick wie ein willkürlich zusammengestelltes Sammelsurium erscheint; dies dann auch noch mit „Zentrale Begriffe“ zu überschreiben, wirft die Frage auf, ob die 400 voraus liegenden Seiten nur Nebensächliches zu bieten haben. Tüftlerische Denkanstrengung zum Gewinn eines alternativen Aufbaus hätte dem Band gewiss gut getan. Ein eigenes Kapitel zur Wirtschaftsethik der Religionen hätte sich angesichts der Tatsache, dass ohnehin mehrere Ansätze vorgestellt werden und mit Blick auf eine gewisse Aktualität dieser Thematik, angeboten. Ein weiteres Fragezeichen ist grundsätzlich für die mit Kapitel neun („Neue Herausforderung“) verbundene (Seiten füllende?) Intention zu setzen. Auch wäre es hilfreich, wenn dem einen oder anderen Kapitel eine kurze einleitende Hinführung vorangestellt worden wäre; besonders zu vermissen ist dies bei den Kapiteln sechs und sieben. Ein Querverweis-Symbol (z. B. ) vor Begriffen, die im Handbuch ausgeführt oder erläutert werden, ist zwar nicht immer als leserfreundlich einzustufen, wäre jedoch eine Überlegung wert für die zweite Auflage des Bandes, die es mit Sicherheit geben wird. Ebenso sollte die an manchen Stellen auftretende sprachliche Einschränkung auf „Deutschland“ überwunden werden; das Desiderat wäre hier, jeweils vom „deutschsprachigen Raum“ zu sprechen bzw. zu schreiben. Fraglos ließen sich weitere Befunde und Anregungen anreihen; die kritische Sichtung der Publikation kann aber nicht davon abhalten, dieses insgesamt vielseitige und inhaltlich ausgesprochen reichhaltige Handbuch sowohl für das solide Studium und nicht zuletzt – auch aus bewährter eigener Erfahrung – für die akademische Lehre zu empfehlen.

Eine Feststellung am Rande: Mit Michael Schramm ist zumindest ein Autor aus dem Bereich von Theologie und Sozialethik unter den mehr als fünfzig Mitverfasserinnen und –verfassern vertreten – was dennoch (und einmal mehr) die Frage nach der öffentlich-akademischen Präsenz sozialethisch verorteter Wirtschaftsethikkompetenz aufwirft.

Johannes J. Frühbauer, Luzern