Bohlken, Eike/Thies, Christian (Hg.): Handbuch Anthropologie. Der Mensch zwischen Natur, Kultur und Technik, Stuttgart/Weimar: J. B. Metzler 2009, 460 + VII S., ISBN 978–3–476–02228–8.
Von Beginn der ethischen Theorie und Entscheidungsfindung an ist unbestritten, welche Bedeutung das Wissen über den Menschen für die Ethik hat. Doch ist die Ausbildung der Anthropologie als einer eigenständigen Disziplin im Vergleich zur Ethik verhältnismäßig jung. Die rasche wissenschaftliche Ausdifferenzierung und der rasante Erkenntniszuwachs in den empirischen Wissenschaften haben dazu geführt, dass die natur-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Einsichten und Wissensbestände über den Menschen ein einheitliches anthropologisches Verständnis problematisch machen. Denn sie führen zu einer Pluralität an Deutungsweisen, die die Selbstverständlichkeit des Menschen über sich selbst hinter sich gelassen hat. Diese Situation markiert den Ausgangspunkt für das Handbuch Anthropologie, das als Zielsetzung formulieren: „Pluralität, Unübersichtlichkeit und Verunsicherung nähren den Wunsch nach einem kritischen Vergleich und einer integrativen Zusammenführung der verschiedenen Wissensbestände, Forschungsrichtungen und Fragestellungen.“ (VII) Dies wird dadurch eingelöst, dass nach einer kurzen, prägnanten problemgeschichtlichen, systematischen und konzeptionellen Einführung (Teil I) 15 ausgewählte Klassiker der Anthropologie – von Kant bis Foucault – in Leben, Werk und Wirkung dargestellt werden (Teil II). Als Auswahlkriterium gilt jedoch nicht zwangsläufig das Selbstverständnis der Klassiker, sondern ob sie trotz zum Teil erheblicher Distanzierung gegenüber bzw. Kritik an anthropologischen Bemühungen (z. B. Freud, Heidegger oder Foucault) maßgebliche anthropologische Einsichten geäußert haben. In Teil III werden 13 zentrale disziplinäre Positionen und Strömungen gegenwärtiger Anthropologie vorgestellt, wobei auch die literarische und theologische Anthropologie eine eigene Bearbeitung finden. Mit 41 anthropologischen Grundbegriffen (Teil IV) und einem ausführlichen Sach- und Personregister im Anhang (Teil V) beschließt das umfangreiche Handbuch, das bei aller Unmöglichkeit einer einheitlichen Systematisierung aufgrund der heutigen disziplinären Pluralität und der Fülle humanwissenschaftlich- Anthropologischen Wissens einen sehr guten Einblick zu geben vermag.
Angesichts der Vielfalt anthropologischer Zugänge und Perspektiven beabsichtigen die Herausgeber mit ihrem Konzept einer integrativen Anthropologie, „Verbindungspunkte zwischen den verschiedenen Ansätzen zu etablieren und dadurch disziplinübergreifende Projekte zu fördern“ (3). Als einem solchen Impulsgeber kommt der integrativen Anthropologie zudem eine kritische Funktion gegenüber überzogenen anthropologischen Aussagen und Ansprüchen einzelner Positionen sowie gegenüber reduzierten anthropologischen Sichtweisen vom Menschen zu. Die Darstellung der Grundzüge einer integrativen Anthropologie, die fünf zentrale Kontroversen in ihrer Grundproblematik behandelt, bietet einen sehr guten systematischen Zugriff auf die Thematik (3–7). Er verhilft dazu, die in den weiteren Handbuchartikeln spezifischeren Positionen besser im Gesamtdiskurs zu verorten. Zugleich erläutern und begründen die Herausgeber ihre notwendig zu leistende Auswahl der Beiträge und weisen auf relevante theoretische Vernetzungen und Verknüpfungen hin. Das ist besonders für solche Grundbegriffe hilfreich (z. B. Recht, Liebe), die man in Teil IV ansonsten vermissen würde, aber so in Beiträgen einer anderen Rubrik aufgegriffen werden. Auch unterstützt das ausführliche Sach- und Personenregister eine thematische Vernetzung.
Natürlich könnte man diskutieren, ob neben Liebe und Recht auch die Begriffe Angst oder Institutionen unter Teil IV aufgenommen werden sollten, um deren anthropologische Bedeutung hervorzuheben, wenngleich sie in anderen Beiträgen (hier „Tiefenpsychologie“ bzw. „Arnold Gehlen“) maßgeblich und sinnvoll berücksichtigt werden. Die Auswahl der behandelten einzelwissenschaftlichen Anthropologien gibt die gegenwärtige wissenschaftliche Ausdifferenzierung gut zu erkennen, wobei nicht alle Ansätze in Teil III denselben wissenschaftssystematischen Status einnehmen (z. B. Enhancement, Kognitivismus, Medizinische Anthropologie, Phänomenologie, Theologische Anthropologie). Insofern sich in den einzelnen Disziplinen zum Teil derart rasche Veränderungen beobachten lassen, ist diesem Handbuch zu wünschen, dass es in angemessen Zeitabständen aktualisierte Neuauflagen erfährt. Denn die integrative Anthropologie, die von ihrem Ansatz her Perspektiven mit unterschiedlichen Deutungen zusammen führt, bietet einen der besten transdisziplinären anthropologischen Überblicke, die es derzeit gibt. Indem sie zugleich den Raum für anthropologische Diskussionen eröffnet, ist sie auch für die (sozial-)ethische Reflexion, sofern sie sich mit anthropologischen Fragen beschäftigt bzw. auf solche verwiesen ist, von großem Nutzen.
Jochen Sautermeister, München