Festschrift 60 Jahre Kommende

Klasvogt, Peter; Fisch, Andreas (Hg.): Was trägt, wenn die Welt aus den Fugen gerät. Christliche Weltverantwortung im Horizont der Globalisierung, Paderborn: Bonifatius 2010, 409 S., ISBN 978–3–89710-466–2.

Der vorliegende, von Peter Klasvogt und Andreas Fisch herausgegebene Sammelband geht zurück auf ein internationales Symposium aus Anlass des 60-jährigen Bestehens des Sozialinstituts Kommende Dortmund (17.-19.11.2009). Er findet seinen inhaltlichen Anknüpfungspunkt in „Caritas in veritate“, der zunächst lang erwarteten, dann aber sehr unterschiedlich aufgenommenen sogenannten „Globalisierungsenzyklika“ Papst Benedikts XVI.

Als Tagungsband umfasst er stilistisch wie argumentativ durchaus heterogene Beiträge von 44 Autoren, die mit unterschiedlichen Professionen in universitärer Wissenschaft, Sozialverbänden, kirchlichen Instituten und Akademien, in der Politik oder in teils hochrangigen amtskirchlichen Funktionen beheimatet sind, und die sich aus ihrer jeweiligen Perspektive an der Fortschreibung katholischer Soziallehre beteiligen. Seit seinen Anfängen im 19. Jahrhundert war es die Stärke des Sozialkatholizismus, zwischen kirchlichem Lehramt, wissenschaftlicher Innovation und politischer Bewegung zu vermitteln, ja geradezu einen eigenen – Theorie und Praxis übergreifenden – Erkenntniszusammenhang herzustellen, in dessen guter Tradition auch die Arbeit der Kommende steht.

Die ein wenig nach naiv-religiös-hoffnungsvoller Beruhigungsformel klingende Überschrift „Was trägt, wenn die Welt aus den Fugen gerät“, könnte das Buch für einen zeitgenössisch-kritischen Leser schnell in die Nähe der berühmten Marxschen „Opiumfalle“ rücken, wenn nicht der Untertitel „Christliche Weltverantwortung im Horizont der Globalisierung“ auf das Standardprogramm katholischer Soziallehre zurückführen würde, nämlich die aus konkreter Verantwortung für die Gesellschaft angestrebte Bedingungs- und Gesinnungsreform, die – nun unter Globalisierungsvorzeichen – zur Weltgesellschaft werden soll.

Indem nun thematisch ausgreifend die verschiedenen Beiträge diverse Implikationen der Enzyklika weiter entfalten, z. B. europäische Integration, Wirtschafts- und Ordnungsethik, Friedenspolitik, globale Entwicklung, Umweltethik und Jugendfragen, soll die gesellschaftspolitische Relevanz dessen deutlich werden, was die Frankfurter Allgemeine Zeitung lapidar als „katholisches Selbstgespräch“ betitelte.

Ohne hier die verschiedenen Fäden des vorliegenden Rezeptionsgewebes päpstlicher Sozialverkündigung im Einzelnen aufnehmen zu können, seien zumindest einige Beobachtungen grundsätzlicher Art des Paderborner Moraltheologen und Direktors der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach (einem Zentrum deutschsprachiger Sozialethik), Peter Schallenberg, herausgegriffen. Dies ist auch im Zusammenhang mit der Freiburger Rede Benedikts XVI. (Stichwort „Entweltlichung“) im Kontext des Papstbesuches in Deutschland von Interesse. So stellt die leitende, ganz platonisch-augustinisch geprägte Perspektive des Papstes eine nicht leicht zu überwindende Herausforderung für die Anschlussfähigkeit seiner Argumentation dar, wenn Politik und Ökonomie nach dem letzten, nicht bloß nach dem vorletzten Ziel befragt werden, nach dem umfassend Guten und Besten für das Leben eines jeden Menschen, und nicht nur nach dem hier und jetzt Richtigen in einer bestimmten konkreten Situation.

Zwar lebe der Sozialstaat der garantierten Gerechtigkeit, so Schallenberg, von Voraussetzungen der personal geschenkten und empfangenen Liebe, die er nicht selbst herstellen, die er gleichsam nur erhoffen und ermöglichen könne. Dies sei die „Logik des Gebens und Vergebens“ Benedikts XVI. (Caritas in veritate 6), die Logik, von der es im Prolog des Johannes-Evangeliums heiße, sie bilde den Anfang der gesamten Schöpfung und sei damit das Wesen Gottes, aus dessen schlüssiger Logik der Liebe der Mensch entstehe. Aber, so gibt er auch im Blick auf die Auslegung der Enzyklika zu bedenken, könne man mit einer solchen Logik nicht unmittelbar eine ökonomische Handlungsanweisung verbinden. Vom Sein Gottes zum Sollen des Marktes führe keine direkte normative Linie. Nur ein naturalistischer und ökonomistischer Fehlschluss suggeriere eine übersetzungsfreie Umsetzung der Theologie in Ökonomie. Will die Soziallehre heilsgeschichtlich gesehen – so verstehe ich Schallenberg –, im oben genannten Sinne das Reich Gottes bedingungs- und gesinnungsreformistisch hier auf Erden voranbringen, kann sie eben nicht kontaminationsfrei bleiben. Vielmehr liegt ihr Proprium ja gerade in der aus der Vermittlung des Idealen mit dem Konkreten zu gewinnenden Orientierung für die vielen, die aus ihren jeweiligen Kontexten heraus hierbei mittun wollen (Implementation), und weniger in einer möglichst umfassenden und reinen Theologisierung (Legitimation).

Nach dem gemeinsamen Dreh- und Angelpunkt profaner wie religiöser Suchbewegung, nach den Lösungen der Probleme unserer Gegenwart gefragt, weist Schallenberg darauf hin, dass technische Mathematik und mathematische Codifizierung ja nur eine Seite der Ökonomie seien. Sozialethik als theologische Fachdisziplin wolle ja gerade den Blick auf die andere Seite, das sogenannte Humankapital als Humanvermögen lenken, auf den Menschen als Person im Wirtschaftsgeschehen. Hier habe die Kirche zwar keine technischen Lösungen anzubieten und auch keine fachspezifische Kompetenz. Aber zu beurteilen, was konkret mehr der Personenwürde dient und das Gemeinwohl fördert, was nicht einfach utilitaristisch identisch sei mit dem größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl, sondern im Besten für jede Person bestehe, diese Kompetenz könne Kirche doch beanspruchen. Sie kann es von ihrem Evangelium her, da „Gott Mensch wurde und seitdem nun seinerseits beansprucht, in jedem Menschen, der zur Welt kommt, Mensch zu werden und als Gott offenbar zu werden.“ Es ist das Ringen um das jeglichen Sachlogiken zugrundeliegende Menschenbild, was auch in einer Welt, „die entschlossen auf das Jenseits verzichten zu können glaubt, mit anderen Worten, in einer Welt des puren Materialismus und der auf empirisch nachweisbare Daten reduzierten technischen Vernunft“ eine gemeinsame Basis der Verständigung über den richtigen Weg, Zukunft zu gestalten, darstellen kann. Theologisch gesehen ist Sozialethik, so Schallenberg, „immer auf Eschatologie hin ausgespannt und dreht sich um den Schlüsselbegriff des metaphysischen Fortschrittes und der gerechten Entwicklung einer Person“.

Konkret-lebensweltlich, so ein Hinweis des verstorbenen Hildesheimer Bischofs Homeyer an anderer Stelle des Bandes, der ihm posthum gewidmet ist, muss auch weiterhin gelten: „Der Glaube ist politisch, er soll die Gesellschaft imprägnieren und die Gesellschaft soll gegenüber sich selbst einspruchfähig bleiben.“ Gesellschaftliche Resonanz und politischen Einfluss hatte in diesem Sinne der Sozialkatholizismus vor allem aufgrund seines pädagogisch-volksbildnerischen Engagements in Sachen personaler Gesinnungsreform, für das nicht zuletzt auch die Kommende steht. Darüber hinaus zeigt aber die vorliegende Festschrift mit ihren diversen Anwendungsdiskursen auch den in der Kommende seit 60 Jahren erfolgreich praktizierten Bildungsansatz, der gesellschafts- wie sozialpolitisch engagiert und vielfach involviert vor allem Bedingungsreform im Blick hat.

Stefan Nacke