Demele, Markus/Hartlieb, Michael/Anna Noweck (Hg.): Ethik der Entwicklung. Sozialethische Perspektiven in Theorie und Praxis, Aschendorff: Münster 2011, 215 S., ISBN 978–3–402–10635–8.
Ausgangspunkt des vorliegenden Bandes ist die Annahme, dass Entwicklung inhärent mit ethischen Fragen verknüpft ist. Die Herausgeber nähern sich dem Entwicklungskonzept in normativer Art und Weise und begreifen Entwicklung zuvorderst als eine dem Menschen innewohnende Daseinskategorie: Es ist dem Menschen eigen, nach dem ‚Mehr‘ zu streben, auf eine höhere Stufe seines Daseins gelangen zu wollen. ‚Entwicklung‘ steht in der Sichtweise der Autoren also in engem Zusammenhang mit Freiheit. Das menschliche Individuum möchte nicht nur seine Grundbedürfnisse befriedigen, sondern letzten Endes seine Freiheit verwirklichen. Entwicklungsfördernd ist nach diesem Verständnis somit ein Umfeld, dass dem Menschen genau dies ermöglicht – ein Umfeld, dass ihm quasi zur Verwirklichung seiner Selbst verhilft. Welchen Beitrag kann die Sozialethik leisten, um solche Bedingungen für alle Menschen gleichermaßen herzustellen? Dies ist die Ausgangsfrage, der die Autoren mit Bezug auf verschiedene globale Probleme nachgehen.
Der Sammelband ist das Ergebnis einer dreitägigen Fachtagung das Forums Sozialethik (in Kooperation mit dem Sozialinstitut Kommende) im September 2010. Das Forum Sozialethik ist ein Zusammenschluss junger Sozialethikerinnen und Sozialethiker in Deutschland, die es sich zum Ziel gemacht haben, die ethische Perspektive als Gegenentwurf zur vorherrschenden ökonomischen Sichtweise in die globale Debatte um Entwicklung und Nachhaltigkeit einzubringen. Zwölf dieser Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler stellen sich in ihren Beiträgen dieser Herausforderung.
Im ersten Teil befassen sich Johannes Frühbauer und Andreas Fisch mit den theoretischen Grundlegungen einer Ethik der globalen Entwicklung. Auf Basis von Thomas Pogges kosmopolitischer Rechtsethik reflektiert Johannes Frühbauer die Verantwortung von Individuen einerseits und Institutionen andererseits für eine globale Durchsetzung der Menschenrechte. Durch eine Auseinandersetzung mit Pogges Kritikern und unter Rückgriff auf empirische Beobachtungen kommt Andreas Fisch hiernach zu dem Schluss, dass den Industrieländern durchaus Verpflichtungen zur Bekämpfung der Armut in Entwicklungsländern obliegen. Hieraus leitet er konkrete Aufgaben ab, denen sich eine Ethik der Entwicklung heute stellen muss. Im zweiten Teil behandeln Jochen Ostheimer, Julia Blanc und Christian Berkenkopf das Themenfeld Nachhaltigkeit und Umweltethik. Insbesondere auf Christian Berkenkopfs ethische Auseinandersetzung mit der hochaktuellen Debatte um die Chancen und Risiken der Gentechnik für die Bekämpfung des Hungers sei hier hingewiesen. Das Kernstück des Bandes besteht aus insgesamt fünf Beiträgen zu den interkulturellen Dimensionen der Problematik um Ethik und Entwicklung. Besonders hervorzuheben sind die aufschlussreichen Artikel von Michelle Becka und Irene Tokarski über die andinische Philosophie des „guten Lebens“ (buen vivir). Michelle Becka unterzieht diese dem Vergleich mit der abendländischen Denktradition, Irene Tokarski fragt nach der alltagsweltlichen Relevanz und politischen Umsetzung des Konzeptes in Bolivien. Der vierte Teil des Sammelbandes beschäftigt sich schließlich in drei Beiträgen mit der konkreten Verantwortung verschiedener Akteure der Entwicklungszusammenarbeit bzw. internationaler Institutionen.
Die Stärke dieses gelungenen Werkes ist die wissenschaftlich-ethische Fundierung seines Appels zu moralischem Handeln und zur Übernahme gegenseitiger Verantwortung im Zeitalter der Globalisierung. In ihrer Gesamtheit entwerfen die Beiträge die Grundzüge einer Ethik der Entwicklung und zeigen diejenigen Wege auf, die zur Bekämpfung von Armut und der allumfassenden Verwirklichung menschlicher Freiheit gegangen werden müssen. Besonders zentral erscheint die Botschaft, dass es bei Entwicklung auf die Kommunikation und Verständigung der Menschen untereinander ankommt – auch oder vor allem, um nicht „westliche“ Denkweisen oder Modelle unreflektiert auf andere kulturelle Kontexte übertragen zu wollen (und letztendlich daran zu scheitern). Der Band macht deutlich, dass sich die Sozialethik mit ihren Argumenten in die Entwicklungsdebatte einbringen kann und muss, jedoch gleichzeitig eine ständige Weiterentwicklung und Stärkung ebendieser Argumente durch eine innere Debatte vonnöten ist. Wie die Herausgeber in ihrer Schlussbemerkung bereits kritisch anmerken, sind es die elementaren globalen Machtstrukturen, die zuvorderst für die mangelnden Entwicklungschancen der Masse der Armen verantwortlich sind. Gerade die Auseinandersetzung mit Strukturen von Wissen und Macht kommt trotz der für sich genommen überzeugenden Beiträge hier etwas zu kurz und bedürfte noch mehr Aufmerksamkeit. Das Forum Sozialethik ist hierfür auch in Zukunft eine bestens geeignete Plattform.
Nadine Reis