Wohlstand ohne Wachstum

Jackson, Tim: Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt, München: oekom 2011 (Orig. Prosperity Without Growth. Economics for a Finite Planet, London: Earthscan 2009), 239 S., ISBN 978–3-86581–245–2.

Tim Jackson, Leiter der Wirtschaftlichen Führungsgruppe der Kommission für Nachhaltige Entwicklung der britischen Regierung, gelingt es mit diesem Buch, einen allgemein verständlichen Überblick über den aktuellen Stand der angelsächsischen Diskussion zur Postwachstums-Ökonomie zu geben. Jacksons Ziel: eine „intensive öffentliche Debatte [zu] eröffnen“ (S. 194) über das Dilemma moderner Volkswirtschaften, entweder an internen Wachstumszwängen zu scheitern (mit allen damit einhergehenden sozialen Verwerfungen) oder an externen ökologischen Grenzen zu zerschellen.

Ausgangspunkt ist die These, Wohlstand sei mehr als die Befriedigung materieller Bedürfnisse und insofern nicht nur mit dem Wachstum des BIP abzubilden. Zum zentralen neuen Kriterium zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit von Volkswirtschaften wird (in Anlehnung an Amartya Sen) deren Fähigkeit, „menschliches Gedeihen“ unter Berücksichtigung der ökologischen Grenzen – zunehmende Ressourcenverknappung sowie die sicherschöpfenden Senkenfunktionen der Ökosysteme – zu ermöglichen.

Alle Versuche, diese ökologischen Grenzen mittels einer Entkopplung von Wachstum und Materialverbrauch zu überwinden, sind für Jackson weitgehend ein „Mythos“, ebenso wie keynesianische Ansätze im Sinne eines „New Green Deal“ zwar unverzichtbar, aber letztlich zu kurz gesprungen sind. Es geht ihm um nichts weniger als eine neue, ökologisch sensible Makroökonomie in Weiterführung der erstmals von Herman Daly entworfenen „steady state economy“. Die zentrale Herausforderung dabei: das Auflösen des Wachstumsdilemmas zwischen Nachhaltigkeit und Stabilität. Die von Jackson so genannte. „Aschenbrödel-Wirtschaft“ (u. a. autarke Gemeinschaften, etc.) gibt hierfür zwar wichtige Hinweise, generiert aber zu wenig an Wirtschaftsleistung. Auch ein sog. „alternativer Hedonismus“ (das LOHAS-Phänomen) ist für ihn wenig mehr als eine Randerscheinung und steht zudem letzten Endes für ein ungerechtfertigtes Abwälzen von Verantwortung auf das Individuum. Stattdessen ist ein struktureller Wandel gefordert, der „falsche Anreize für nichtnachhaltigen Wettbewerb um Status“ abbaut und zum „Aufbau neuer Strukturen für menschliches Gedeihen“ führt.

Kernaufgaben dieser neuen ökologisch bewussten Makroökonomie sind das Garantieren ihrer Belastbarkeit, das vermehrte Herstellen sozialer Gleichheit sowie die Akzeptanz ökologischer Grenzen. Damit einher geht eine veränderte Sicht auf Arbeits- und Kapitalproduktivität sowie eine Änderung der geltenden gesellschaftlichen Logik („das eherne Gehäuse“) des Konsumismus. Ein derart neues Wirtschaftsmodell wird nach Jackson gekennzeichnet sein von mehr Egalitarismus, vom strukturellen Übergang zu speziellen Formen von Dienstleistung, von Investitionen in ökologisches Vermögen, sowie einer verringerten Gesamtarbeitszeit. Diese neue Balance zwischen Konsum und Investitionen schließlich hat Konsequenzen für das Eigentumsvermögen und dessen Erträge sowie dann geltende Lohnstrukturen.

Neben den politisch jeweils hochumstrittenen Detailumsetzungen sind drei grundsätzlichere Kritikpunkte anzubringen: „Wohlstand ohne Wachstum“ ist, erstens, weitgehend eurozentrisch, d. h. die Sicht der bzw. auf die Schwellen- und Entwicklungsländer bleibt beinahe gänzlich außen vor. Die Frage nach den Akteuren des Wandels wird, zweitens, nur unzulänglich beantwortet: Dem Staat kommt eine sehr starke Rolle zu, diese ist zwar demokratisch zu legitimieren, wie aber die Mehrheit des Souveräns für dieses Projekt fundamentalen Wandels zu gewinnen sei, darüber schweigt sich Jackson aus. Schließlich: Ein Business-as-usual-Szenario sieht Jackson auch in Zukunft als Möglichkeit, wohingegen viele dies aufgrund der deutlich weiter fortgeschrittenen Ressourcenverknappung als in der Regel angenommen als gar nicht mehr möglich erachten.

Das Buch erschien im Original 2009 und ist stark geprägt vom damaligen Optimismus auf tatsächliche strukturelle Veränderungen im Gefolge der Finanzkrise 2008. Zum Zeitpunkt des Erscheinens der deutschen Übersetzung 2011 scheint dieser Optimismus weitgehend verschwunden, gleichzeitig jedoch ist die Notwendigkeit zur „großen Transformation“ drängender denn je; siehe dazu das Hauptgutachten 2011 des wissenschaftliche Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU).

Mattias Kiefer, München