Bourgine, Benoît/Eggensperger, Thomas/Materne, Pierre-Yves (Hg): Theologische Vernunft – Politische Vernunft. Religion im öffentlichen Raum. Raison théologique – raison politique. La religion dans l’espace public. Münster: Lit 2010, 144 S., ISBN 978–3-643–10421–2.
Im September 2008 fand im belgischen Louvain la Neuve der sechste theologische Kongress für Dominikaner und Dominkanerinnen in Europa statt. Das Thema lautete „Theologischer Rationalismus – politische Rationalität. Theologie im Öffentlichen Raum“. 2010 wurden die Beiträge im oben genannten Band der Reihe „Kultur und Religion in Europa“, die vom Institut M.-Dominique Chenu – Espaces Berlin betreut wird, veröffentlicht.
Am Beginn des Sammelbands stehen fünf Fragen zum Verhältnis von Religion und Politik jeweils in deutscher und französischer Sprache. Es fällt auf, dass die Übersetzungen nicht immer eindeutig sind, was indessen die herausgeberische Leistung nicht schmälert, die Beiträge dank kurzer Zusammenfassungen in der jeweils anderen Sprache sowohl einem deutsch- als auch einem französischsprachigen Publikum zugänglich gemacht zu haben. Es zeugt vielmehr von der nicht zu unterschätzenden Schwierigkeit, theologische und philosophische Konzepte in unterschiedliche Sprachräume zu vermitteln. Damit ist auch der Anknüpfungspunkt für den Beitrag benannt, den Walter Lesch unter dem Titel Politische Rationalitäten und religiöse Überzeugungen: ein Übersetzungsproblem beigesteuert hat. Für Lesch ist das Übersetzen theologische und ethische Schlüsselkompetenz.
Der in Brüssel lehrende Philosoph Jean-Marc Ferry stellt in seinem ursprünglich auf Französisch verfassten Artikel Vernunft und Religion das von ihm entwickelte Konzept der reflexiven Religiosität vor, wonach Glaube oder Unglaube in einer postmetaphysischen Gesellschaft eine praktische Entscheidung auf der Basis eines gemeinhin geteilten theoretischen Agnostizismus sind.
Ignace Berten, der langjährige Direktor des dominikanischen Think-Tanks Espaces für Fragen der europäischen Einigung erkennt ein Hauptproblem der Kirche bei ihren Bemühungen, an der theologischen Debatte teilzunehmen, in einer unzureichenden Reflexion der theologischen Anthropologie, die sich allzu sehr auf den Naturbegriff verlässt und zu wenig auf die Beziehungsdimension stützt.
Im Anschluss an Max Weber ist für Burkhard Conrad „keine politische Theologie notwendig. Es genügt der gläubig gelassene Politiker, der seine existentiellen Fragen nicht aus dem politischen Geschäft heraushält, sie aber auch nicht in jeder Situation zur absoluten Maßgabe seines Handelns macht“ (S. 69). Christophe Boureux zieht im Bild des ‚chrétien abstinent‘ einen Vergleich zu dem sich der Wahl enthaltenden Bürger, um die Haltung vieler getaufter Franzosen zu verdeutlichen. Sich ihnen zuzuwenden ist die Aufgabe des Theologen, der sich in stiller Arbeit und unterhalb der offiziellen kirchlichen Verlautbarungen bewegt. Charles Morerod äußert in seinem Beitrag Zweifel an der Fähigkeit einer sogenannten neutralen Religionswissenschaft, religiöse Kultur zu vermitteln.
Jean-Pierre Delville beschreibt fünf Dimensionen prophetischer Existenz und exemplifiziert sie am Wirken der Gemeinschaft Sant Egidio. In Abgrenzung von Stanley Hauerwas insistiert Pierre Yves Materne auf die prophetische Kraft des Christentums, die sich unter der Voraussetzung entfalten kann, dass der Versuchung zum Elitedenken und Exklusivismus widerstanden wird.
Joseph Famerée vertritt die Auffassung, dass eine demokratischer verfasste Kirche auch zu einer entscheidenden Belebung der westlichen Demokratien beitragen könnte. Thomas Eggensperger diskutiert die Grenzen von Pluralismus und Toleranz als ein vielleicht unbequemes, aber durchaus in der Rede von der Toleranz selbst eingebautes Anliegen.
Mit fünf starken Thesen setzt sich Carsten Barwasser von Autoren wie Ronald Dworkin, Richard Rorty und Ulrich Beck, aber auch den für Theologen verdaulicheren Jürgen Habermas ab, indem er darauf besteht, dass Kommunikation „einen Akt der Anerkennung voraus[setzt], der den Bereich rein empirischer, szientistischer Rationalität übersteigt und so möglicherweise eine Rationalität eröffnet, über die sich religiöse Aussagen vermitteln lassen“ (S. 180).
Der zunächst hermetisch wirkende aber durchaus lesenswerte Band wird abgeschlossen durch eine von Ulrich Engel verfasste Synthese aller Beiträge und endet mit dem Bild vom „leeren Stuhl, der auf den Messias wartet“, und dessen Relevanz für die Politik zuerst von der amerikanischen Philosophin Agnès Heller herausgestellt wurde.
Stefan Lunte, Bresson