Helmut Renöckl/Stjepan Baloban (Hg): Sozialethische Perspektiven. Echter: Wien/Würzburg 2010, 390 S., ISBN 978–3-429–03234–0.
Der vorliegende Band gibt die Referate der Tagung der Vereinigung für katholische Sozialethik in Mitteleuropa wieder, die 2009 in Zagreb stattfand. An der Tagung nahmen ca. 140 Wissenschaftler aus 14 europäischen Ländern teil. Es sind 21 Beiträge enthalten (davon zwei in englischer Sprache). Eröffnet wird der Band durch den grundlegenden Beitrag von Markus Vogt zur zentralen Kategorie der Nachhaltigkeit, der die Perspektive des Kerninhalts der Tagung strukturiert.
Der erste Teil des Bandes umfasst Beiträge zu Zukunftsfragen von Gesellschaft und Wirtschaft. Zunächst behandelt der österreichische Diplomat Emil Brix (Wien) Fragen des (mittel-)europäischen Selbstverständnisses. Zu zentralen Zukunftsfragen gehören auch Probleme der Bevölkerungsentwicklung und Migration. In zwei Beiträgen wird für Kroatien (Andelko Akrap/Ivan Cipin, Zagreb) und die Slowakei (Ladislav Csontos, Bratislava) aufgezeigt, dass sich dort – wie in den meisten mittel- und osteuropäischen Ländern – die Geburtenentwicklung deutlich unter dem zur Bestandserhaltung erforderlichen Niveau bewegt. So liegt Polen 2007 in Europa auf dem letzten Platz, dann die Slowakei, Litauen, Rumänien, Slowenien und Deutschland, während Island und Frankreich an der Spitze stehen und allein eine Geburtenziffer aufweisen, die ihre Bevölkerung konstant hält. Der dritte Beitrag des kroatischen Soziologen Dražen Živic (Vukovar) befasst sich mit der hohen Bedeutung der weltweiten Migrationsbewegungen: Insgesamt drei Prozent der Weltbevölkerung lebt und arbeitet außerhalb seines Heimatlandes.
Im Anschluß daran wird in zwei Beiträgen die Wirtschafts- und Finanzkrise analysiert. Der Grazer Finanzwissenschaftler Richard Sturn erläutert wesentliche Krisenursachen. Der Wiener Wirtschaftsethiker Klaus Gabriel beschreibt sozialethische Herausforderungen der Finanzkrise. Er weist vor allem auf eine ungeheure Aufblähung von Finanzmarkttransaktionen hin, wenn z. B. lediglich zwei Prozent des Devisenhandels etwas mit Außenhandelsgeschäften der Wirtschaft zu tun hat oder die durchschnittliche Haltedauer von Aktien von zehn Jahren (1980) auf sechs bis sieben Monate in der Gegenwart gesunken ist. Gabriel fordert eine Einordnung der Finanzwirtschaft in das Gemeinwohl ein, wozu eine Finanzmarkttransaktionssteuer einen Beitrag leisten könnte.
Zur umweltethischen Problematik enthält der Band die Beiträge von Herbert Prybl (Heiligenkreuz) und Reinhold Priewasser (Linz). Prybl behandelt die Notwendigkeit veränderter Konsumgewohnheiten, wobei er sich vor allem auf Dokumente der kirchlichen Sozialverkündigung stützt. Priewasser problematisiert angesichts einer wachsenden und nach mehr Wohlstand strebenden Weltbevölkerung den Ressourcenverbrauch, die unzureichende Aufnahmefähigkeit des Ökosystems für Schadstoffmedien und irreversible Eingriffe in die Natur (Abholzung tropischer Regenwälder), um die notwendige Dimension des Umsteuerungsprozesses deutlich zu machen.
Der zweite Teil der Beiträge beschäftigt sich mit zukunftsfähigen persönlichen Lebensstilen. Zunächst werden von Josip Baloban und Gordan Crpic (Zagreb) ausführlich die Ergebnisse der Europäischen Wertstudie für Kroatien geschildert. Es wird dabei darauf verwiesen, dass die Katholische Kirche im Vergleich zu anderen Institutionen der Gesellschaft dort noch über erhebliches Ansehen verfügt. Instruktiv ist der Beitrag von Ingeborg Gabriel über die notwendigen erheblichen Korrekturen des westlichen Lebensstils angesichts der globalen Herausforderungen von Ökologie und Armut und dem berechtigten Wunsch vieler Milliarden Menschen außerhalb Europas nach Verbesserung ihrer materiellen Lebensbedingungen.
Angesichts des Europäischen Einigungsprozesses behandelt der polnische Soziologe Wiesław Walkiewicz die Interdependenz von nationaler und europäischer Identität des Bürgers und die Notwendigkeit, ein europäisches Bewusstsein zu fördern. Sein Warschauer Kollege Franzcisek Kampka greift dann die Risiken modernen Lebens auf, wobei er die weltweiten Zusammenhänge von Armut und Ökologie thematisiert.
Der Erzbischof von Rijeka (Kroatien), Ivan Devcic, behandelt Fragen einer Zukunftsethik aus der Perspektive der Verantwortungsethik von Hans Jonas. Ebenso eher philosophisch ausgerichtet ist der Beitrag von Janez Juhant (Laibach, Slowenien), der die Frage der Nachhaltigkeit geistesgeschichtlich in Auseinandersetzung mit verschiedenen philosophischen Strömungen und Weltbildern einordnet und sich gegen evolutionär-darwinistische Weltbilder von Religionskritikern wie Dawkins abgrenzt. Der Zagreber Physiker Hrvoje Štefancic problematisiert die Frage, ob der westliche Lebensstil dauerhaft tragfähig (sustainable) ist, was er selbstverständlich verneint.
Im dritten Teil des Bandes wird der Beitrag der Kirche und der Christlichen Sozialethik für Europa und die Staaten Mittel- und Osteuropas dargestellt. Zunächst schildert der bekannte ungarische Religionssoziologe Miklós Tomka (Budapest) die Ergebnisse der europäischen Wertestudie für die Länder Mittel- und Osteuropas, wobei interessante Vergleichszahlen länderspezifischer Entwicklungen aufgezeigt werden. Im Anschluß daran schildert der „Europa-Bischof“ der Österreichischen Bischofskonferenz Egon Kapellari (Graz-Sekau) die christliche Perspektive für Europa. Dubravka Petrovic berichtet über die Tätigkeit von drei zentralen sozialethischen Akteuren in der katholischen Kirche Kroatiens. Dies sind die Kommission Iustitia et Pax, das Franziskanische Institut für Friedenskultur (Split), das sich besonders der Aufarbeitung der Kriege und Konflikte auf dem Balkan nach 1990 widmet, und das Zentrum zur Förderung der Soziallehre der Kirche, das sich vor allem für die Verbreitung der Soziallehre durch entsprechende Publikationen, wissenschaftliche Tagungen und Dialoge mit Entscheidungsträgern einsetzt.
Der griechisch-katholische Professor für Moraltheologie in Iwano-Frankivsk, Volodymyr Sheremeta, schildert die ökologischen Herausforderungen in der Ukraine, zu denen neben den Folgelasten der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl noch viele andere Gebiete hoher Umweltbelastung gehören. Daher verweist er auf die Anstrengungen der Kirche, das ökologische Wertebewusstsein zu fördern.
In seinem abschließenden Beitrag greift Helmut Renöckl (Linz) grundsätzliche Herausforderungen innerhalb der Kirche selbst auf, wenn er den Pflichtzölibat in Frage stellt und – angesichts mehrerer Negativerfahrungen mit Bischofsernennungen in der österreichischen Kirche – allgemein eine größere Beteiligung der Ortskirchen, von Priestern und Laien in der Kirche, auch bei der Berufung von Bischöfen einfordert.
Der Band belegt das verdienstvolle Engagement, das die Vereinigung für katholische Sozialethik in Mitteleuropa zeigt. In vielen postkommunistischen Ländern sind nämlich die Kirchen an den gesellschaftlichen Rand gedrängt worden, so dass der Verbreitung christlich-sozialen Denkens ein hoher Stellenwert zukommt.
Joachim Wiemeyer, Bochum