Spieß, Christian (Hg.): Freiheit – Natur – Religion. Studien zur Sozialethik. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2010, 534 S., ISBN 978–3-506–76936–7.
Arno Anzenbacher ist vielleicht nicht gerade der auffälligste unter den deutschen SozialethikerInnen, zählt aber wohl zu den solidesten. Sowohl seine Christliche Sozialethik (erschienen bei Schöningh), als auch seine Einführung in die Ethik (erschienen im Patmos-Verlag) stellen Lehrbücher dar, die man ruhigen Gewissens jedem Studierenden in die Hand geben kann, um sich einen fundierten und umfassenden Einblick in den jeweiligen Bereich zu verschaffen. Anzenbachers Herangehensweise an sozialethische Fragen ist seiner Ausbildung gemäß immer vorrangig philosophisch geprägt geblieben. So spielte denn das Thema der Vernunftnatur des Menschen und seine sich daraus ergebende Freiheit zur Weltgestaltung stets eine zentrale Rolle in seinem Denken. Aus dem christlichen Vorverständnis, also der religiösen Dimension seines Ansatzes machte er dabei kein Hehl, brachte diese aber doch eher zurückhaltend in die Argumentation ein. So ist es wohl ein angemessenes Werk, das sein Schüler Christian Spieß in Kooperation mit vielen anderen aus der Zunft diesem Grand Seigneur der Sozialethik zum Siebzigsten gewidmet hat und das sich ausgiebig mit den titelgebenden Themen Freiheit, Natur und Religion auseinandersetzt.
Wie bei Sammelbänden üblich und wohl auch unvermeidbar, fügen sich nicht alle Beiträge wirklich bruchlos in ein Gesamtkonzept, dies ist umso verständlicher, als es sich in diesem Fall um die bedeutende Anzahl von 22 Artikeln handelt. Insbesondere für eine Festschrift ist die Struktur des Bandes aber doch recht konzise und eröffnet ein spannendes Spektrum an Zugängen zu den drei Themenfeldern. Die ersten fünf Beiträge befassen sich explizit mit der Freiheitsthematik; Thomas Buchheim bietet einen kurzen Abriss philosophischer Debatten über Freiheit in der klassischen Moderne. Tobias Kläden hingegen setzt sich mit einer Anfrage auseinander, die heute wohl von großer Sprengkraft und auch Reichweite sein dürfte; jener der Neurowissenschaften an die Konzeption eines freien Willens. Dabei gerät unser Alltagsbewusstsein in einen eklatanten Gegensatz zu Ergebnissen empirischer Forschung, wie sie etwa in den berühmten Libet-Experimenten vorliegt. Freilich zeigt sich auch, dass die Interpretation reiner Messergebnisse bereits unter Naturwissenschaftlern höchst unterschiedlich ausfällt. Kläden baut seine Reaktion auf die naturwissenschaftliche Anfrage denn auch auf dem Argument auf, das der experimentalwissenschaftliche Weg grundsätzlich untauglich zur Klärung der Freiheitsfrage sei, wobei er der empirischen Evidenz vielleicht ein wenig zu schnell eine Abfuhr erteilt, um dann in den Bereich der philosophischen Reflexion zurückzukehren. Hier wird jedoch eine sehr klare Argumentation vorgelegt, die letztlich auch zeigt, dass bestimmte Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung – oder zumindest deren Interpretation – sich philosophischen Hintergrundannahmen, wie etwa dem Kartesianismus verdanken. Auch Notger Slenczka klinkt sich in diesen Diskurs ein und konfrontiert ihn mit einer auf die philosophisch- theologische Tradition zurückgreifenden Phänomenologie der Seele. Diese führt ihn letztlich zur Conclusio, dass das“Wollen und damit das Bewusstsein der Freiheit ein ursprüngliches, keinem Entschluss entspringendes und damit unentrinnbares Phänomen” (80) ist. Wobei der Clou der Sache eigentlich darin liegt, das Nicht-Loswerden der Ersten-Person-Perspektive als phänomenologische Entsprechung der christlichen Erbsündenlehre aufzuzeigen, was im mindesten Fall einen kreativen theologischen Versuch darstellt. Christoph Kraus zeichnet ideengeschichtlich die Freiheitsidee der spanischen Spätscholastik und deren lebenspraktische Konsequenzen im kolonisierten Amerika nach. Auch dies ist ein wichtiges, nicht selten vergessenes oder unterschlagenes Thema, zeigt sich darin doch, dass Grundelemente des Menschenrechtsgedankens tatsächlich ein genuines Heimatrecht im christlichen Denken haben. Katja Winklers Beitrag widmet sich dem Liberalismusverständnis Charles Taylors, das deutlich macht, dass freiheitliches Denken den Gedanken des Gemeinwohls ebenso wenig zu verabschieden braucht, wie religiöse Überzeugungen. Winkler bringt dabei m. E. sehr schön die komplexe Beziehung zwischen Christentum und Moderne zur Geltung, die in Taylors Schriften enthalten ist, mitunter aber in gar zu diffizilen und ausufernden Argumentationswellen unterzugehen droht. Die folgenden drei Beiträge sind wohl als Konkretionsfelder von Freiheit gedacht. Hermann-Josef Große Kracht diskutiert den Sozialstaat in einem virtuellen Gespräch mit Jürgen Habermas. Peter Koller trägt Bausteine einer ökonomischen Gerechtigkeitstheorie zusammen und Gerhard Kruip fragt nach den Imperativen, die sich aus Armut und Ungerechtigkeit auf globaler Ebene ergeben. Unbeschadet ihrer inhaltlichen Qualität weisen diese zum Teil überaus umfangreichen Beiträge aber eine nur eher oberflächliche Berührung mit dem Leitthema auf. Ähnliches gilt auch für die Auseinandersetzung von Eilert Herms mit dem Begriff Gemeinwohl, obwohl gerade dieser ein enormes Potential sowohl im Hinblick auf den Freiheits-, als auch im Hinblick auf den Natur(rechts)diskurs hätte. Damit ist dann auch schon gut die Hälfte des umfangreichen Bandes von 530 Seiten gefüllt. Der Auseinandersetzung mit Natur und Religion bleibt die zweite Hälfte vorbehalten.
Den Anfang macht hier Michael Bauer mit der Frage, ob denn Naturrecht in der Gegenwartsgesellschaft überhaupt noch ein glaubwürdig verwendbares Konzept sei. Dazu unterscheidet er einen eher juridisch, einen eher ethisch-moralisch und einen eher anthropologisch ansetzenden Naturrechtsbegriff, um dann den dritten in seiner thomistischen Ausprägung und Tradition ausführlicher zu diskutieren. Die Ausgangsfrage wird in dem etwas redundanten Text nicht wirklich beantwortet, wenngleich ich eine Neigung zum Pragmatismus und daher zur Verneinung der Titelfrage zu erkennen meine. Ganz kann ich es mir an dieser Stelle auch nicht verkneifen festzustellen, dass mehrsprachige Bände ja mittlerweile, gerade auch als Frucht von internationalen Tagungen, durchaus üblich und ebenso legitim sind. In einer umfangreichen Publikation einen einzigen englischsprachigen Text abzudrucken, scheint mir aber zumindest doch ein Schönheitsfehler zu sein. Matthias Möhring-Hesse greift Bauers Faden auf und konkretisiert diesen im Hinblick auf Sozialethik. Dabei geht er zunächst auf das klassische Naturrechtsdenken in neuscholastischer Ausprägung ein, um dann Anzenbachers Versuch der Aussöhnung dieser Konzeption mit Kant unter die Lupe zu nehmen und in Frage zu stellen. Im zweiten Teil seines Beitrages diskutiert Möhring-Hesse Anzenbachers Grundsatz, dass theologische Sozialethik immer eine Theorie des Guten voraussetze und damit auf Wesen und Bestimmung des Menschen zu rekurrieren habe (vgl. 310). Mit Plessner zeigt er dabei auf, dass die Natur des Menschen gerade in seiner immer erst zu formenden Unbestimmtheit liegt, woraus der Ethik mehr Fragen als Antworten erwachsen. So sehr ich dieser Argumentation zustimmen kann, so wenig überzeugt mich die Unterscheidung von Richtigem und Gutem in Analogie zu kategorischem und hypothetischem Imperativ. Besser gesagt überzeugt mich Möhring-Hesses Sprachgebrauch nicht, denn seine Positionierung einer explizit theologischen Ethik und christlichen Bestimmung des Guten in einer pluralen Welt dürfte wegweisend sein. Auch Franz-Josef Bormann und Axel Bohmeyer widmen sich der Naturrechtsfrage, wobei jener ideengeschichtlich die Debatte von Rawls bis Sen nachzeichnet, während dieser die Argumentationen seiner Dissertation aufgreifend die Grundlinie des Naturrechtsdenkens durch Honneths Anerkennungstheorie aktualisierend fortzuführen versucht.
Mit Christoph Hübenthals Beitrag beginnt dann die Auseinandersetzung mit christlicher Religion bzw. Theologie in der Sozialethik. Diese Frage, der sich auch das letzte Berliner Werkstattgespräch der deutschsprachigen SozialethikerInnen gestellt hat, ist offenbar von bleibender Aktualität und bislang keineswegs hinreichend beantwortet. Hübenthal versucht einen interessanten Zugang über das transzendentale Freiheitsdenken, das den kategorischen Imperativ zum Freiheitsvollzug nicht nur auf die regulative Idee Gottes, sondern auf den kategorischen Indikativ der Bejahung des Menschen durch Gott im konkreten Heilsgeschehen stützt (vgl. 386). Das ermöglicht es der Sozialethik, bei allem Einsatz für Gerechtigkeit vor menschlicher Hybris zu warnen, aber auch davor, das Unbedingte aufzugeben, vom Menschen zu klein zu denken, weil eben nicht alles vom Menschen geleitstet werden kann und daher auch nicht muss. Auch wenn der am Streit um die Piusbruderschaft ansetzende Artikel von Rudolf Uertz sich nicht durchgängig in das Konzept des Bandes fügt, weist er doch an historisch griffigen Beispielen auf, zu welch politischen Anmaßungen ein sicherlich verkürztes Naturrechtsdenken die Katholische Kirche mitunter geführt hat. Armin Kreiner geht zunächst der Sinnhaftigkeit einer Behauptung der Existenz moralischer Tatsachen nach, um dann die Frage nach der Notwendigkeit Gottes für moralisches Handeln zu diskutieren. Dass Gottes Existenz aus der Moral nicht zu beweisen ist, liegt wohl auf der Hand, die Argumente in diese Richtung rennen also wohl längst offene Türen ein. Die Frage, ob es Gott zur Begründung von Moral oder moralischem Handeln braucht, müsste m. E. durch die Frage erweitert werden, ob Moral im Ernstfall für ein menschliches Zusammenleben ausreichend ist. Lässt man diese Frage einstweilen beiseite, liefert Kreiner eine schlüssige Widerlegung gängiger Argumente. Was hier etwas fehlt, vermisse ich auch in der Annäherung Michael Feils an die inhaltliche Bestimmung christlicher Werte: die Konkretion von Religion als christlichem Glauben in einer Beziehung zu einer einmaligen Person. Ohne diesen personalen Aspekt bleibt die Rede von christlicher Ethik stets im Hypothetischen und vermag die philosophische Auseinandersetzung kaum zu bereichern. Die Frage von Religion und Gewalt ist zweifellos auch eine der großen Herausforderungen der Sozialethik. Sie hätte eine etwas ausführlichere Auseinandersetzung verdient, zumal durch einen Experten auf diesem Gebiet wie Thomas Hoppe. Die von ihm in extremer Knappheit skizzierten Thesen sagen nichts Falsches, bedürften aber der inhaltlichen Konkretion, um weiterführend zu sein. Johannes Meier und Christoph Nebgen geben einen historischen Überblick über den Armutsstreit in der franziskanischen Bewegung von 1226–1342, lassen sich aber nicht auf sozialethische Fragestellungen ein. Leonhard Hell arbeitet sich an jener Legende ab, gemäß der Kaiser Trajan aufgrund der Fürsprache Gregors des Großen aus der Hölle befreit worden ist. Aus der Behandlung dieser Erzählung im Rahmen der Theologiegeschichte lässt sich soteriologisch und sakramententheologisch manches lernen, im Rahmen des vorliegenden Bandes erscheint der Beitrag aber gleichsam als eigenwilliger Findling, der sich wohl nur dem Genus der Festschrift verdankt. Die beiden abschließenden Beiträge führen uns wieder etwas näher an die inhaltliche Konzeption des Buches heran, indem sie gleichsam den Hintergrund der Frage ausleuchten, welche Rolle Religion in gesellschaftlichen Fragen überhaupt noch zu spielen vermag. Karl Gabriel tut dies anhand der soziologischen Betrachtung des Bedeutungsverlustes traditioneller Religionsgemeinschaften bei gleichzeitig zunehmender religiöser Inszenierung von Gesundheit und Fitness. In seinem abschließenden Beitrag stellt der Herausgeber die bekannten zentralen Theoriebausteine und unterschiedlichen Entwicklungsphasen John Rawls’ in den Rahmen der religiösen Biographie dieses Autors. Spieß stellt dann konzise die Positionierung von Rawls zur Frage der Rolle von Religion in der Öffentlichkeit dar. Auch wenn das Konzept des späteren Rawls gerade im Hinblick auf seine Bestimmung des öffentlichen Vernunftgebrauchs Schwächen aufweisen mag, wäre m. E. für den gegenwärtigen politisch-öffentlichen Diskurs schon viel gewonnen, würde seine Unterscheidung zwischen Politik und zivilgesellschaftlicher Hintergrundkultur ernst genommen. Möglicherweise wird Rawls (gemeint ist nicht jener der Theorie der Gerechtigkeit) im an sich lesenswerten Beitrag von Christian Spieß daher etwas unter Wert geschlagen.
Vorliegender Band nimmt in relativ dezenter Weise, aber doch immer wieder auf Anzenbacher als Anlass einer Festschrift Bezug, wichtiger aber ist, dass er die sozialethische Debatte an wesentlichen Punkten weiterzubringen, zumindest aber den Stand der Debatte zu resümieren bemüht ist und so mehr als lediglich eine rasch zusammengestoppelte Gelegenheitsschrift darstellt. Ein großteils durchaus informatives, hilfreiches und anregendes Buch.
Wilhelm Guggenberger, Innsbruck