Der amerikanische Hintergrund der Enzyklika Rerum novarum

Schratz, Sabine: Das Gift des alten Europa und die Arbeiter der Neuen Welt. Zum amerikanischen Hintergrund der Enzyklika Rerum novarum (1891) (Römische Inquisition und Indexkongregation 15), Paderborn/München/Wien/Zürich: Ferdinand Schöningh 2011, 562 S., ISBN 978–3-506–77032–5.

Anfang 1998 kündigte die Glaubenskongregation an, ihre Archive zu öffnen. Sabine Schratz, frühere Mitarbeiterin in dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Langfristvorhaben „Römische Inquisition und Indexkongregration von 1542 bis 1966“, hat die amerikanische Vorgeschichte von „Rerum novarum“ untersucht. Dass der Leser angesichts der Fülle römischer und amerikanischer Quellen, die sie ausgewertet hat, an keiner Stelle den Überblick verliert, ist nicht zuletzt dem stringenten Aufbau und der klaren Sprache ihrer Dissertation zu verdanken.

Die USA erlebten nach Ende des Sezessionskrieges eine wirtschaftliche Blüte. In ihrer Einleitung benennt die Münsteraner Kirchenhistorikerin nicht allein Forschungsstand, Fragestellung und Methodik ihrer Studie, sondern führt den Leser auch in den kirchengeschichtlichen Hintergrund dieser als „Gilded Age“ bezeichneten Epoche ein: Die katholische Kirche, durch die massenhafte Immigration von Katholiken aus Irland und Deutschland, später dann aus Italien und Südosteuropa zur stärksten Konfession in den USA aufgestiegen, wurde besonders stark mit der Sozialen Frage konfrontiert, beantwortete diese aber zunächst mit moralischen Appellen an den Einzelnen. Zwar wurde in den späten Siebzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts zunehmend auch die Notwendigkeit von Sozialreformen erkannt, doch blieb ein Misstrauen gegenüber den Gewerkschaften bestehen: „Der atheistisch auftretende Sozialismus in Europa verstellte zusätzlich den Blick für Alternativen zum Laissez-faire-System“ (S. 52).

Die Verfasserin rekonstruiert drei römische Prozesse. Für die kirchengeschichtliche Forschung sind diese keineswegs neu, doch konnten vor Öffnung der Archive zahlreiche Hypothesen über den Einfluss, der von ihnen auf „Rerum novarum“ ausging, nicht verifiziert werden.

Im ersten großen Kapitel wird zunächst der Streit um die amerikanischen „Knights of Labor“ aufgearbeitet, die aufgrund ihres bruderschaftlichen Charakters im Verdacht standen, kirchenfeindlichen Tendenzen wie Liberalismus oder Freimaurerei Vorschub zu leisten. Eine Schlüsselrolle in diesem jahrzehntelangen Streit spielte der Erzbischof von Baltimore, James Gibbons, dem es schließlich gelang, die bisherigen, maßgeblich vom Trauma der Französischen Revolution geprägten Denkmuster der römischen Kurie zu durchbrechen und den Papst – unter Verweis auf die besonderen gesellschaftlichen Bedingungen in den USA – von einer Duldung überkonfessioneller Arbeitervereinigungen zu überzeugen: eine Entscheidung, die für die weitere Entwicklung der US-amerikanischen Kirche nicht unterschätzt werden sollte.

Kapitel 2 und 3 behandeln die Verfahren um den sozialreformerischen Theologen Edward McGlynn und den politischen Ökonomen Henry George. In beiden Fällen stand die Bodenfrage im Hintergrund. George sprach sich in seinem Hauptwerk „Progress and Poverty“ dafür aus, den Boden zum Gemeinbesitz zu erklären, was für Rom nicht im Einklang mit der kirchlichen Lehre zum Privateigentum stand. George bezog die gegen Sozialismus und Verstaatlichung gerichteten Passagen in „Rerum novarum“ indirekt auf sich, fühlte sich aber zugleich vom Papst missverstanden. Wie der Konflikt nach 1891 weiterging, zeichnet Schratz in einem eigenen, vierten Kapitel nach. Dabei wird deutlich, wie verschieden die Enzyklika rezipiert wurde. Was einzelne Akteure in der Folge zu befürchten hatten, hing nicht selten von Stimmungsschwankungen innerhalb der Kurie ab.

Die Untersuchung erlaubt lebendige Einblicke in die kurialen Geschäftsgänge, in das komplexe Zusammenspiel der verschiedenen römischen Behörden und dabei wirksame Widerstände wie Ungleichzeitigkeiten. Durch die Langzeitperspektive und den biographischen Zugang ihrer Studie gelingt es Schratz, bisher unbekannte „Architekten“ der ersten Sozialenzyklika zu identifizieren, beispielsweise den Benediktiner Bernard Smith, der das Gutachten über George verfasste und als Lobbyist irischer Grundherrn vor dessen Lehren warnte. Zugleich zeigt sich der starke Einfluss von Leo XIII., der sich immer wieder schützend vor Gibbon stellte.

Dass sich „Rerum novarum“ von der „Utopie einer vorindustriellen Gesellschaft“ verabschiedete, auch wenn korporative oder gewerkschaftliche Momente im Text nebeneinander bestehen blieben, ging nicht unwesentlich auf amerikanischen Einfluss zurück. Schratz leuchtet einen begrenzten Ausschnitt der Entstehungsgeschichte dieser Enzyklika aus, der im europäischen Diskurs bisher wenig beachtet wurde. Sozialethisch könnte in zwei Richtungen weitergefragt werden: Disziplingeschichtlich wäre es interessant zu klären, inwiefern die untersuchten Fälle aus den USA die Entwicklung der Katholischen Soziallehre in Europa beeinflusst haben. In systematischer Perspektive könnte gefragt werden, was sich aus den Konflikten von damals für das Heute lernen lässt. Die Probleme mögen sich wandeln, doch nach wie vor sind Kirche und Theologie herausgefordert, zu gesellschaftspolitischen Weichenstellungen aus christlicher Verantwortung heraus Stellung zu beziehen. Und damals wie heute sind innerkirchliche Frontstellungen dabei keineswegs ausgeschlossen.

Axel Bernd Kunze, Trier