Castles, Francis G.; Leibfried, Stephan; Lewis, Jane; Obinger, Herbert; Pierson, Christopher (Hg.) (2010): The Oxford Handbook of the Welfare State. Oxford: Oxford University Press. XXX + 876 S., ISBN 978-0–19–957939–6
Für die sozialethischen Debatten zu den Herausforderungen des Sozialstaates wird es auch für die christliche Sozialethik in Deutschland immer wichtiger, über den Tellerrand des eigenen Modells und der deutschen Probleme hinauszuschauen, internationale Vergleiche durchzuführen, die möglicherweise besseren Lösungen ähnlicher Probleme in anderen Ländern wahrzunehmen und nicht zuletzt im Angesicht von Europäisierung und Globalisierung nach Handlungsmöglichkeiten zu suchen, die über den Bereich der Nationalstaaten hinausgehen. Schon längst ist ja deutlich geworden, dass Deutschland in vielen Bereichen sozialer Sicherung bei weitem nicht die besten Lösungen entwickelt hat oder wichtige Bereiche wie den der Bildung bisher eher als separaten Politikbereich angesehen hat, statt ihn mit der Sozialpolitik konsequent zu verflechten. Die Lektüre des neu erschienenen Oxford Handbook of the Welfare State, mitherausgegeben von dem bekannten und hoch angesehenen deutschen Kenner der internationalen Sozialstaatsforschung Stephan Leibfried (Universität Bremen), bietet dafür die derzeit besten Zugänge. 74 ausgewiesene Experten, vor allem aus Nord- und Westeuropa sowie den USA und aus unterschiedlichen, mit der Sozialstaatsproblematik befassten wissenschaftlichen Disziplinen stammend, bieten in 48 hervorragend geschriebenen Kapiteln Einblicke in die philosophisch-ethischen Grundlagen und die Geschichte des Sozialstaates, erläutern unterschiedliche Zugänge zu deren wissenschaftlicher Erforschung, analysieren die Rollen und Beiträge von Akteuren in verschiedenen Handlungsfeldern, beschreiben die Effekte sozialpolitischer Konzepte, stellen die etablierten Sozialstaatsmodelle in den Industrieländern sowie die neueren Entwicklungen in den Transformationsländern und den Schwellenländern in Lateinamerika und Ostasien dar und weisen auf wichtige Herausforderungen für die Zukunft des Sozialstaates hin.
Für Sozialethiker/innen besonders interessant sind die Kapitel über „Ethics“ von Stuart White, über „Religion“ von Kees van Kersbergen und Philip Manow, über „Education“ von Marius R. Busemeyer und Rita Nikolai sowie die abschließenden Kapitel über die Zukunftsfähigkeit (Howard Glennerster) und die Frage nach einer globalen Zukunft des Sozialstaates (Ian Gough und Göran Therborn).
Beeindruckend sind die an verschiedenen Stellen auftauchenden, sehr klaren Beschreibungen gegenwärtiger Herausforderungen, beispielsweise des demographischen Wandels und der voraussichtlichen Zunahme der Probleme von Gesundheit, Ernährung, Zugang zu sauberem Wasser und sich verschärfender Armutsprobleme durch den Klimawandel. Trotzdem kommt Howard Glennester in seinem Beitrag zur Zukunftsfähigkeit des westlichen Sozialstaates zu einem relativ optimistischen Ergebnis: Da es immer wieder Mehrheiten für die Bewahrung sozialer Sicherheit geben werde, werden sich die Politiker/innen auch weiterhin um Lösungen bemühen. Rückblickend, so Glennester, ließe sich jedenfalls sagen, dass der oft schon für überholt erklärte Sozialstaat trotz verschiedener Krisen immer wieder Wege gefunden hat, um weiterhin wichtige Funktionen des sozialen Ausgleichs, der Absicherung gegen Armut und nicht zuletzt auch der Stabilisierung des Wirtschaftsprozesses zu wahren.
Schließlich liege es auch im wohlverstandenen Interesse aller, dass durch sozialstaatliche Sicherungen die Ungleichheit nicht zu stark zunimmt und der soziale Friede erhalten bleibt.
Zwei Aspekte habe ich trotz der unglaublichen Fülle an wissenschaftlicher Expertise gerade angesichts des Anspruchs einer globalen Sicht des Handbuchs vermisst: Über die armen Staaten Südasiens und Afrikas finden sich keine eigenen Kapitel, obwohl die enge Verzahnung von rudimentären sozialstaatlichen Maßnahmen mit entwicklungspolitischen Projekten dort durchaus auch Anlass zu der zweiten von mir vermissten, aber sehr wichtigen Fragestellung hätte geben können, ob nämlich nicht angesichts zunehmender Globalisierung viel stärker als bisher eine internationale bzw. globale Sozialpolitik mit entsprechenden globalen Institutionen in Angriff genommen werden müsste. Der Beitrag über Lateinamerika von Evelyne Huber und Juan Bogliaccini hätte noch gewinnen können, wenn dort stärker auch eine längerfristige historische Perspektive einbezogen worden wäre. Im vorliegenden Text kommt beispielsweise die erste soziale Revolution des 20. Jahrhunderts, die mexikanische Revolution (1910–1917), genauso wenig vor wie die kubanische Revolution (1959), obwohl beide das soziale Denken in Lateinamerika entscheidend geprägt haben.
Das Handbuch ist in gut verständlichem Englisch geschrieben, mit einem sehr guten und sehr differenzierten Schlagwortregister und einem Index von Personennamen ausgestattet. Es bietet außerdem ein sehr umfangreiches, gemeinsames Literaturverzeichnis, auf das in verkürzter Form in allen Kapiteln verwiesen wird. Auf http://www.oxfordhandbooks.com ist das Handbuch gegen Gebühr oder über lizenzberechtigte Institutionen auch in Gänze oder in Teilen online einsehbar. Der auf S. 721 angegebene Link zum Download der Bibliographie hat leider nicht funktioniert, auf http://welfarehandbook.state. uni-bremen.de/lassen sich nur das Cover, ein Flyer, das Inhaltsverzeichnis, die Einleitung und das Vorwort herunterladen, nicht aber das Literaturverzeichnis.
Gerhard Kruip