Globale Gerechtigkeit

Christoph Broszies/Henning Hahn, Globale Gerechtigkeit. Schlüsseltexte zur Debatte zwischen Partikularismus und Kosmopolitismus, Berlin: Suhrkamp 2010, 480 S., ISBN 978–3–518–29569–4

Die ethische Reflexion um die Dimensionen und Dynamiken, Strukturen und Wirkungen der Globalisierung kommt nicht umhin, sich mit dem für die politische Philosophie zentralen moralischen Begriff der Gerechtigkeit zu befassen. Über lange Zeit wurde Gerechtigkeit zumeist innerhalb der Grenzen geschlossener Gesellschaften oder Nationalstaaten reflektiert und konzipiert. Die im Zuge der Globalisierungsprozesse in unterschiedlichen Lebensbereichen weltweit intensivierten Interdependenzen machen es erforderlich, sich offen der Frage nach globaler Gerechtigkeit zu stellen. Mit ihrem Reader versammeln die beiden Politikwissenschaftler Christoph Broszies (Frankfurt a. M.) und Henning Hahn (Kassel) Schlüsseltexte namhafter Autorinnen und Autoren und ordnen deren Beiträge unter die drei Leitkategorien Partikularismus Kosmopolitismus Weltpolitik und Kritische Theorie ein. Dem Partikularismus werden John Rawls, Thomas Nagel und David Miller zugeordnet. Der Kosmopolitismus versammelt die Beiträge von Charles Beitz, Martha C. Nussbaum, Otfried Höffe, Thomas W. Pogge, Darrell Moellendorf und Iris Marion Young. Die Textbeiträge von Jürgen Habermas, Seyla Benhabib und Rainer Forst finden sich unter der dritten Kategorie Weltpolitik und Kritische Theorie.

Der facettenreichen Textauswahl ist eine überaus gelungene systematische Einführung in die „Kosmopolitismus-Partikularismus- Debatte“ vorangestellt (wobei der mit „Debatte“ gewählte Terminus zunächst irritiert, da dieser eher für einen mündlich vorgetragenen Schlagabtausch zu Sachfragen gebräuchlich ist und weniger für eine theoretisch-reflektierende und in schriftlicher Form vermittelte Thesenbildung). Das Spannungsfeld dieses Diskurses kann den beiden Autoren zufolge durch zwei gegenüberliegende Grundpositionen markiert werden: Der eine Diskurspol wird bestimmt durch einen gerechtigkeitstheoretischen Kosmopolitismus, der in normativer Hinsicht von einem moralischen Universalismus ausgeht, bei dem alle Menschen in gleicher Weise Berücksichtigung finden; methodisch ist er gekennzeichnet durch einen legitimatorischen Individualismus, und politisch favorisiert er eine bestimmte Version globaler Herrschaft. Auf den anderen Diskurspol trifft man in Gestalt eines gerechtigkeitstheoretischen Partikularismus: Hier wird normativ den Interessen der Mitglieder einer konkreten politischen Gemeinschaft Vorrang eingeräumt; entsprechend wird die Frage nach Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit mit Blick auf besondere, eben partikuläre Beziehungen gestellt, denen infolgedessen eine gerechtigkeitskonstitutive Bedeutung zukommt; und schließlich wird hier die Auffassung vertreten, dass es hinsichtlich Institutionen oder Regimes auf globaler Ebene keine staatsanlogen Formen globaler Herrschaft und Souveränität gibt bzw. je wird geben können.

Im Vordergrund dieses Diskurses steht letztlich die Frage nach der Domäne, sprich: der Geltung beanspruchenden Reichweite von Gerechtigkeit bzw. deren Prinzipien. Sind normative Regelungen auf den Bereich eines Nationalstaates bzw. auf die politische Grundstruktur einer Gesellschaft zu beschränken, oder ist kosmopolitisch dagegen zu halten, dass bestimmte Gerechtigkeitsprinzipien globale Geltung beanspruchen?

Nach der kurzen Klärung der Diskurspole bzw. der einander gegenüberstehenden Grundpositionen geht die systematische Einführung von Broszies und Hahn zunächst der Vorgeschichte zur Debatte um globale Gerechtigkeit nach. Mit kurzen Skizzen zu Thomas Hobbes und Immanuel Kant bringt sie dann Stationen neuzeitlichen Denkens ins Spiel, das sich zu einer kosmopolitischen Konzeption entwickelt, bei der Fragen nach Weltstaat, Weltsouverän, Weltrepublik sowie, darin eingebettet, die Überlegung zu einer Kosmopolitisierung der Rechtsverhältnisse thematisiert werden. Der Vorgeschichte schließt sich eine zusammenfassende Darstellung zur jüngeren Entwicklung der „Kosmopolitismus-Partikularismus-Debatte“ an. Neben der vertragstheoretischen Konstruktion liberaler Gerechtigkeitsprinzipien bei John Rawls, der mit seiner zurückhaltenden Ausgestaltung eines Rechts der Völker stets einen Angriffspunkt kosmopolitisch motivierter Kritik bietet, werden unter anderem Charles Beitz‘ sozialer Liberalismus und normativer Individualismus mit globaler Reichweite oder Thomas Pogges kritische Position gegenüber globalen Institutionen thematisiert. In diesem Zusammenhang ist zunächst der Hinweis auf den institutional turn hervorzuheben sowie die Notwendigkeit zu dessen Revision, insofern globale Herrschaft anders funktioniert als staatliche Herrschaft, unter deren Vorzeichen strukturbasierte bzw. institutionenorientierte Gerechtigkeitstheorien zunächst konzipiert worden sind.

Für die ethische Analyse und Reflexion stellt der dritte Abschnitt der Einführung gewissermaßen deren Höhepunkt dar: Broszies und Hahn geht es hier darum, Streitpunkte und Konvergenzen in der Auseinandersetzung mit der Frage, was globale Gerechtigkeit ist, aufzuzeigen. Eingebracht wird eine Unterscheidung, die im politisch-philosophischen Diskurs immer mehr Beachtung zu finden scheint: Es wird unterschieden zwischen einer einerseits politischen und andererseits moralischen Gerechtigkeitskonzeption. Vereinfacht gesagt formuliert die moralische Gerechtigkeitskonzeption ein Gerechtigkeitsverständnis, demzufolge jedes menschliche Leid, das sich vermeiden ließe, grundsätzlich als ungerecht zu bezeichnen ist. Der Gerechtigkeitsbegriff und der Moralbegriff konvergieren in diesem Verständnis letztlich, da es auf dasselbe hinausläuft, ob ein Missstand als ungerecht oder als unmoralisch gekennzeichnet wird. Zur Verdeutlichung: „Eine moralische Gerechtigkeitskonzeption hat die Funktion, gravierende Ungleichheit auch dann als ungerecht zu beschreiben, wenn sie nicht auf Ungleichverteilung beruht, sondern das Ergebnis eines Zufalls oder einer Katastrophe ist.“ (27) In der Perspektive der politischen Gerechtigkeitskonzeption wird Ungerechtigkeit als ein Missverhältnis gekennzeichnet, das seinen Ursprung bzw. ihre Ursache in spezifischen Herrschafts- oder Machtkonstellationen findet. In dieser Sichtweise besteht der Zusammenhang zwischen Moral und Gerechtigkeit darin, dass der Gerechtigkeit die Funktion zukommt, „fundamentale Werte wie Freiheit oder Würde in eine robuste Rechtsordnung umzuwandeln“ (28). Die moralische Bedeutung von (territorialen) Grenzen sowie die Deutung von Menschenrechten als „Währung“ globaler Gerechtigkeit sind weitere Gesichtspunkte der ethischen Reflexion.

Ethisch spannend wird es schließlich mit der Frage nach der Verantwortung für globale Gerechtigkeit, die sich aus partikularistischer Sicht genauso stellt wie aus kosmopolitischer Perspektive: An wen ist globale Verantwortung zu adressieren? Was ist Gegenstand der Verantwortung? Und wie können die mit der Verantwortung gegebenen Pflichten nicht nur eingefordert, sondern auch durchgesetzt werden? Zu Recht betonen Broszies und Hahn, dass wer seiner Verantwortung für Gerechtigkeit nicht nachkomme, damit nicht nur einzelne Opfer von Ungerechtigkeit schädigt, sondern auch insgesamt die gerechte Ordnung beeinträchtigt. In einer weiterführenden Differenzierung werden vier Grundmodelle von Verantwortung unterschieden: erstens eine assoziative Verantwortungskonzeption, wie sie von kommunitaristischen Autoren vertreten wird, zweitens eine moralische Hilfsverantwortung aus utilitaristischer Perspektive, drittens eine institutionelle Kausalverantwortung seitens kosmopolitischer und auch partikularistischer Positionen und viertens eine strukturelle Verantwortung als Verantwortung aus sozialer Verbundenheit – letztere mit der Intention, Defizite der institutionellen Kausalverantwortung zu kompensieren.

Abgeschlossen wird die systematische Einführung mit einer kursorischen Vorstellung der nachfolgenden Beiträge.

Die Zusammenstellung von „Schlüsseltexten“ als Auswahlreader macht stets eine Entscheidung für oder gegen bestimmte Texte und deren Autorinnen bzw. Autoren erforderlich. Und fraglos ist den beiden Herausgebern eine recht gute Auswahl gelungen – wenngleich sich durchaus begründet nach Beiträgen etwa von Peter Singer (der im systematischen Teil als Referenzautor wesentliche Beachtung findet), Michael Walzer oder Onora O’Neill fragen lässt. Für die Ausdifferenzierung in die zuvor genannten drei Kategorien mögen gute Gründe sprechen; und doch scheint eine Zuordnung von Habermas und Forst zum Kosmopolitismus ebenso gerechtfertigt zu sein, und damit die dritte Kategorie hinfällig zu werden. Durch solche Überlegungen soll in keiner Weise das Verdienst der beiden Herausgeber geschmälert werden, nicht nur eine ausgezeichnete und anregende systematische Einführung in den Diskurs um globale Gerechtigkeit zu geben, sondern eine repräsentative Textauswahl bereitzustellen. Der Band gibt nicht nur dem einzelnen Leser bzw. der Leserin einen sehr guten Überblick; vielmehr ist, wie ich meine auch zu Recht, zu erwarten, dass der Band (durchaus in Verbindung mit Henning Hahns monographischer philosophischer Einführung zur globalen Gerechtigkeit) binnen kürzester Zeit einen festen Platz in einschlägigen Lehrveranstaltungen in Gestalt von philosophischen, politikwissenschaftlichen, soziologischen und sozialethischen Seminaren oder Vorlesungen erringen wird.

Johannes J. Frühbauer, Luzern