Christine Lubkoll/Oda Wischmeyer (Hrsg.): Ethical Turn? Geisteswissenschaften in neuer Verantwortung (Ethik – Text – Kultur, Bd. 2), München/Paderborn: Fink 2009, ISBN 978–3–7705–4807–1
Ein Buch mit dem Titel „Ethical Turn“ verrät nicht sogleich, worum es im Inhalt geht. Was für eine Wende hin zur Ethik oder auch in der Ethik selbst ist damit gemeint? Der Untertitel weist auf die wichtige ethische Kategorie der Verantwortung hin, die nun für die Geisteswissenschaften neu herausgestellt werden soll.
Aber es geht um mehr, als eine Wissenschaftsethik für die Geisteswissenschaften zu betreiben. Die Hinwendung zur Ethik – so ließe sich der Buchtitel vielleicht auf deutsch verstehen – soll eine neue Leitkategorie für die Geisteswissenschaften sein und damit gewissermaßen helfen, die recht allgemeine Rede von den Kulturwissenschaften zu konkretisieren. Es hat also offenbar mit Übernahme von ethischer Verantwortung zu tun, wenn man sich der Kulturwissenschaft annähern will.
Nun aber zum Buch im Einzelnen: Die Publikation steht im Kontext des sog. „Elitestudiengangs Ethik in den Textkulturen“ in Augsburg und Erlangen. Daher finden sich in diesem Sammelband Beiträge aus den Blickwinkeln unterschiedlicher Disziplinen in zumeist deutscher, teilweise aber auch englischer Sprache. Diesbezüglich ist positiv hervorzuheben, dass vor jedem Beitrag neben dem Autorennamen auch dessen Fach genannt ist und dadurch der jeweilige Zugang zum Thema klar ersichtlich ist. Ein solche Multiperspektivität bringt freilich immer zweierlei mit sich: Einerseits können viele Aspekte des „Ethical Turn“ betrachtet werden; auf der anderen Seite tun sich manche Disziplinen eher schwer mit einem eigenen Beitrag zum Thema und streifen es höchstens am Rande. Vorweg gesagt: Im vorliegenden Band ist von alledem etwas zu finden. Eine weitere Schwierigkeit, von der alle Texte herausgefordert sind, sind die Weite und die sehr indifferenten Definitionen des Ethikbegriffs: Exemplarisch kann das Verständnis von Ethik als „Bestreben nach Qualität und Prägnanz“ (Paul R. Portmann-Tselikas), „öffentlich Geste“ (Stephanie Waldow) oder „Reflexion auf den normativen Gehalt ‚autonomer Erfahrung‘“ (Joachim Renn) genannt werden. Es ist nicht möglich, in diesem Rahmen auf alle Beiträge detailliert einzugehen; daher seien im Folgenden lediglich wenige Punkte herausgegriffen:
Rainer Leschke kommt zu dem Schluss, dass für das Mediensystem der „Ethical Turn“ wenig relevant sei, während bei Oda Wischmeyer als sehr gewinnbringend gerade die Einordnung biblischer Texte in diesen kulturwissenschaftlichen ethischen Kontext und eine resümierend eher zurückhaltend kritische Sichtweise positiv auffallen. Bei ihr erfolgt keine „Über-Ethisierung“. Knut Berner kommt von der theologischen Warte und beschreibt die Bibel als Ort der Gotteserkenntnis in der Literatur, was ihn mehr zu einem Aufsatz zu Bibellektüre und -interpretation und zu den Ermöglichungsbedingungen von Ethik und Menschsein verleitet. Schließlich sieht auch er wenige Chancen für einen „Ethical Turn“. Von folgenden zwei Autoren wird das Thema des Bandes deutlich am Rande abgehandelt: Volker Roelke geht auf einige Spezialfälle der Ethik in der medizinischen Forschung ein und Joachim Renn formuliert eine kritische Sicht auf das ganze Projekt, um sich dem Thema der Objektivität der Wissenschaft zuzuwenden und einen langen wenig stringenten Exkurs über Max Weber zu führen.
Aus der Perspektive der theologischen Ethik ist es sehr bedauerlich, dass gerade dieser Blick im Sammelband fehlt. Bei der Auswahl der Autoren aus der Theologie kommen lediglich die neutestamentliche Exegese und die Dogmatik zu Wort und leider eben nicht die theologische Ethik, für die sich die Frage des „Ethical Turn“ in ganz eigener, wesentlicher und paradigmatischer Weise stellt.
Schließlich seien noch die Autorin und die Autoren der Beiträge genannt, deren Lektüre im Kontext der Fragestellung des Bandes besonders gewinnbringend war: der Amerikanist Hubert Zapf, der Medienwissenschaftler Rainer Leschke, der Literaturwissenschaftler Sascha Feuchert, die Theologin Oda Wischmeyer.
Aufs Ganze gesehen bietet dieser Sammelband interessante Perspektiven auf ein hochaktuelles Diskussionsfeld. Das Verhältnis bzw. das Miteinander von Ethik im Kontext der Geistes- und Kulturwissenschaften ist weiter zu bedenken. Dass in einem solchen Unternehmen viel Erkenntnispotential steckt, hat der vorliegende Band solide aufgezeigt und damit hoffentlich eine weiterführende Diskussion angestoßen – etwas, was akademische Diskussionsbände ja schließlich auch leisten sollten.
Stefan Meyer-Ahlen, Würzburg