Nacke, Stefan: Die Kirche der Weltgesellschaft. Das II. Vatikanische Konzil und die Globalisierung des Katholizismus. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010, 386 S., ISBN 978–3–531–17339–9
Wie ungemein anregend und bereichernd für die christliche Sozialethik und die Theologie eine soziologische Analyse kirchlicher Prozesse und theologischer Reflexion sein kann, zeigt die von der Universität Bielefeld angenommene soziologische Dissertation von Stefan Nacke, die in einer gekürzten Fassung nun als Buch vorliegt. Sie besteht nach einer Einleitung, in der die zentralen Begriffe „Globalisierung“ und „Weltgesellschaft“ erläutert sowie die wichtigste Forschungsliteratur zum II. Vatikanischen Konzil dargestellt werden, aus zwei Teilen:
Der erste Teil bietet in 5 Kapiteln eine soziologische Analyse der Prozesse, die das Konzil geprägt haben: Vorbereitung und Planung, Interaktion und Kommunikation, Entscheidungsfindung und Lernprozesse, die Reaktionen der Öffentlichkeit und die Versuche, sich von ihr abzuschirmen sowie der Umgang mit Konflikten und die Bemühung um Konsens. Das letzte Kapitel liest sich besonders spannend und ist auch lehrreich für das Verständnis der Konflikte, die wir heute um das richtige Verständnis des Konzils kennen. Ich habe aus der Lektüre den Eindruck gewonnen, dass die reformoffene Konzilsmehrheit damals in ihrem Bemühen, auch noch die konservativsten und reaktionärsten Vertreter mit ins Boot zu holen, leider allzu kompromissbereit gewesen ist – im Gegensatz übrigens zum I. Vatikanischen Konzil, bei dem die damals „progressive“ Minderheit soweit unterdrückt und ausgegrenzt wurde, dass sie sich zur vorzeitigen Abreise genötigt sah, um nicht die Zerrissenheit der katholischen Kirche in einer Abstimmung mit vielen Ablehnungen deutlich werden zu lassen. Die vielen relativierenden Einfügungen, die auf dem II. Vaticanum auch der konservativen Minderheit eine Zustimmung ermöglichen sollten, holen uns heute insofern wieder ein, als sich bestimmte Kräfte, die das Konzil innerlich offenbar nie wirklich akzeptiert haben, nun auf sie berufen können, um so manche Prozesse, die ihrer Meinung nach zu weit gingen, wieder zurückzudrehen, indem sie die Texte so interpretieren, als habe es im Vergleich zu den vorkonziliaren Positionen gar keinen wirklichen dogmatischen Fortschritt gegeben.
Der zweite Teil analysiert in vier Kapiteln zentrale Beschlusstexte des Konzils und lässt dabei deutlich werden, wie sehr das Konzil nicht nur durch die Vertreter von Diözesen aus aller Welt und durch die relativ offenen Kommunikationsprozesse und deren Rezeption in der Öffentlichkeit als „Weltereignis“ angesprochen werden kann (und auch schon während des Konzils so angesprochen wurde), sondern auch die gesamte „Menschheitsfamilie“ und das „Weltgemeinwohl“ in den Blick genommen hat und so zu einer erheblichen Horizonterweiterung der Kirche „in der Welt“ beitrug. Dabei kamen sowohl die wachsende Binnenpluralität der katholischen Kirche als Weltkirche wie auch die Differenzen und Gemeinsamkeiten im Vergleich zu anderen Weltreligionen, die beide zu einer gewissen „Selbstrelativierung“ geführt haben, stärker und differenzierter in den Blick. Nach der Expansion der Weltkirche und ihrer internen Zentralisierung auf Rom hin im 19. Jahrhundertkonnte erst durch das II. Vatikanische Konzil der qualitative Schub an Veränderungen erreicht werden, der die Kirche in die Lage versetzte, die Herausforderung einer modernen, sich ständig weiter globalisierenden und dabei funktional ausdifferenzierenden Weltgesellschaft anzunehmen und produktiv aufzugreifen. Der Verfasser bringt diesen qualitativen Wandel auf die treffende Formel eines Prozesses von der „Kirche als Gegengesellschaft“ zur „Kirche als Weltgesellschaft“. In mancher Hinsicht ist dieser Prozess auch nach dem Konzil fortgesetzt worden: das Kardinalskollegium ist inzwischen sehr viel internationaler zusammengesetzt als zur Zeit des Konzils, in vielen früheren Missionsgebieten gibt es einen einheimischen Klerus, die Ortskirchen haben sehr viel mehr eigenständige Organisationsstrukturen und die Kommunikation auch unter den Ortskirchen wurde maßgeblich gesteigert.
Allerdings ist mir bei der Lektüre deutlich bewusst geworden, dass der hier beschriebene und zugleich als Modernisierung verstandene Prozess der „Verweltkirchlichung“ erstens noch lange nicht abgeschlossen ist und zweitens meinem Eindruck nach noch lange nicht unumkehrbar geworden ist. Weiterhin bestehen Gefahren eines Rückfalls der katholischen Kirche in das freilich nicht zukunftsfähige Modell der Kirche als antimoderne, übertrieben zentralistische, integralistische und fundamentalistische „Gegengesellschaft“. Deshalb ist offenbar die Zeit gekommen für einen weiteren „qualitativen Wandel“ (durch ein III. Vatikanisches Konzil?) hin zu einer Kirche, die sich in bestimmten Hinsichten weiter modernisiert, gerade um den Kernbestand ihrer Tradition auch in Zukunft bewahren zu können: den Glauben an einen Gott der Gerechtigkeit und der Liebe, der glaubwürdig nur in Verbindung mit einer Praxis der Gerechtigkeit und der Liebe verkündet werden kann, welche beide heute tatsächlich eines globalen Horizonts bedürfen.
Gerhard Kruip, Mainz