„Zivilgesellschaft“ ist ein Hoffnungsbegriff, der als positive Rückseite von Enttäuschungen über staatliches Handeln einerseits und marktwirtschaftliche Steuerungen andererseits zu einem zentralen Attraktor des sozialethischen Denkens geworden ist. Staatsversagen und Marktversagen gelten nicht als Ausnahme, sondern als prinzipielle Probleme unter der Bedingung gesellschaftlicher Ausdifferenzierung. Aktuelle Herausforderungen wie die Finanzkrise, der Klimawandel oder die demografische Entwicklung stellen dies deutlich vor Augen.
Das Konzept der Zivilgesellschaft bestreitet nicht die hohe Effizienz der systemischen Integration durch Staat und Markt. Aber als Instrumente benötigen sie Ziele. Solche durchaus auch im Streit zu formulieren, ist ein wesentliches Kennzeichen und eine der Hauptaufgaben dessen, was dann Zivilgesellschaft genannt wird. Sie ist „der Ort gesellschaftlicher Kommunikationen und Aktionen, die auf die politische Willensbildung und Entscheidungsfindung in kommunikativ-argumentativer Weise Einfluss nehmen“, wie Bernhard Laux in seinem einführenden Beitrag ausführt.
„Zivilgesellschaft“ ist wesentlich ein normativer, ein Zielbegriff. Die Mitglieder der Gesellschaft sollen sich zivil, als Bürger dieser Gesellschaft, engagieren. Solcher Einsatz hat seine eigenen „Rationalitätspotenziale“ (Laux) und deckt die ganze Spannbreite von kompensatorischer Erfüllung staatlicher und wirtschaftlicher Funktionen bis hin zum kritischen Korrektiv ab. Insofern ist die Zivilgesellschaft nicht nur ein Ort des solidarischen Handelns, sondern ebenso des Protestes und diskursiven Streites. Dementsprechend changiert auch die Einschätzung: Den einen gelten die Engagierten als „Wutbürger“, den anderen als Rückgrat und Ausdruck einer aktiven und lebendigen Gesellschaft.
Als zentralen Schlüssel zu einem anspruchsvollen Konzept von Zivilgesellschaft entfaltet Bernhard Bleyer das Modell der aktiven Teilhabe und konkretisiert dieses mit Blick auf die Kirche: „Das Christentum als in seinem Grundauftrag wirklichkeitsinkarnierte Religion kann gar nicht anders als sich mit der je konkreten Wirklichkeit und Gesellschaft, in der sie agiert, zu konfrontieren.“ Was dies heißt, zeigt Bleyer exemplarisch am Konzeptwandel des Deutschen Caritasverbandes, der in seinen beiden letzten Kampagnen Befähigung und selbstbestimmte Teilhabe in den Mittelpunkt seiner programmatischen Ausrichtung stellte.
Mit dem Grundsatz der aktiven Teilhabe stellt sich freilich eine weitere, sozialethisch grundlegende Frage: Welchen Ansprüchen müssen zivilgesellschaftliche Akteure genügen, um diesen Titel auch zu Recht zu tragen? Die Anerkennung der Anderen als prinzipiell gleich und dazugehörig ist sicherlich eine Mindestbedingung. Doch genügt sie? Johannes Wallacher und Michael Reder erörtern diese Frage und legen dabei den Schwerpunkt auf die globale Dimension: Wie muss eine „globale Zivilgesellschaft im Einsatz für eine gerechte und friedliche Welt“ gestaltet sein? Müssen sich zivilgesellschaftliche Assoziationen für allgemeine Belange wie z. B. fairen Handel oder Naturschutz einsetzen? Wie lässt sich zwischen zivilgesellschaftlichem Engagement und Lobbyismus unterscheiden? Müssen solche Gruppierungen internen demokratisch strukturiert sein? – Und was hieße dies für die Kirche und andere Religionsgemeinschaften?
Dies entfalten Mariano Barbato und Eva Maria Fischer in ihrem Beitrag zu „Zivilgesellschaft und religiöser Pluralismus“. In Auseinandersetzung mit Habermas’ Gedanken zur postsäkularen Gesellschaft diskutieren sie normative Anforderungen an religiöse Akteure am Beispiel des Islam. Zugleich aber ist die Blickrichtung auch umzukehren: Wie verhält sich die plurale Zivilgesellschaft zur Religion? Gerade in Deutschland ist sie auch Ort der Kultivierung des neuen Feindbildes „Islam“.
Ein Interview mit Petra Dobner zum Verhältnis von Sozialstaat und Zivilgesellschaft sowie zwei Berichte aus Frankreich und Kroatien von Wilhelm Rauscher bzw. Stjepan Baloba erweitern diesen weiten Bogen sozialethischer Analysen der Vielfalt dessen, was Zivilgesellschaft ist oder sein kann.
Der Kampf um Religionsfreiheit ist ein wesentlicher Ursprung von Zivilgesellschaft als einer sowohl vom Staat wie vom bloß Privaten unterschiedenen Sphäre. Die katholische Kirche ist die größte Institution der Zivilgesellschaft. Zugleich ist sie von deren kritischer Dynamik häufig überfordert. So ist und bleibt Zivilgesellschaft eine Aufgabe, an der konstruktiv und dialogfähig mitzuwirken Auftrag der Kirche ist. Diese Ausgabe von Amosinternational will mit einer sozialethischen Zwischenreflexion dieses Engagement unterstützend begleiten.