Anständig wirtschaften

Hans Küng, Anständig wirtschaften. Warum Ökonomie Moral braucht, München–Zürich: Piper 2010, 342 S., ISBN 978–3–492-05424–9.

Es war nur eine Frage der Zeit, dass sich Hans Küng in seiner universalen Gelehrsamkeit mit einer eigenständigen Publikation der Wirtschaftsthematik annehmen würde. An Vorarbeiten hierzu hatte er bereits Einiges und Beachtliches geleistet: Nicht nur ging sein Erfolgsbuch „Projekt Weltethos“ auf einen Vortrag beim World Economic Forum in Davos zurück (1989), auch seine ausführliche Studie zu „Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft“ (1997) bietet einen sehr ausführlichen Teil zu wirtschaftsethischen Überlegungen; Küng selbst listet in seiner Hinführung einige dieser prägenden Etappen auf. Und wer Hans Küng aus unmittelbarer Nähe erlebt hat, der weiß, wie sehr er sich über Fehlverhalten von Managern, Skandale in Unternehmen, Missbrauch von Privilegien empören kann und wie sehr es ihn letztlich drängte, hier unmissverständlich Stellung zu beziehen. „Anständig wirtschaften“ war seit Jahr und Tag eine Maxime, die er bei zahllosen Vorträgen vor Wirtschaftsleuten immer wieder aufs Neue einforderte und dabei zwar zumeist Respekt und Wohlwollen erntete, ohne aber die Garantie zu haben, dass sich seine ethischen Grundsätze fortan in der Welt der Wirtschaft bewähren könnten. Diese Garantie wird es auch jetzt nicht für die dicht zusammengestellten Orientierungsmarken eines „neuen Paradigmas des Wirtschaftsethos“ geben – ebensowenig wie für das Manifest „Globales Wirtschaftsethos – Konsequenzen für die Weltwirtschaft“, das Küngs Buch abschließt und bereits kurz vor dessen Erscheinen mit namhaften Erstunterzeichnern eigenständig publik gemacht wurde. Dieses Garantiedefizit der tatsächlichen Anwendung in der Praxis ist übrigens generell die Achillesferse einer vor allem tugendethisch basierten Moral.

Die ersten drei Kapitel zu Globalisierung, liberaler Marktwirtschaft und Sozialer Marktwirtschaft sind eine aktualisierte Reprise aus der bereits erwähnten Studie von 1997, in der Küng mit Nachdruck eine wirtschaftsethisch geprägte globale Rahmenordnung auf der Grundlage der Prinzipien des Weltethos sowie die Durchsetzung der Primathierarchie Ethos – Politik – Wirtschaft gefordert hatte. Die weiteren Kapitel seines aktuellen Buches (IV-VIII) lassen sich als analytische und ethische Reaktion auf die jüngste Finanz- und Wirtschaftskrise verstehen: Küng reflektiert hier im Anschluss an den britischen Wirtschaftswissenschaftler John H. Dunning das Versagen von Markt, Institutionen und Moral und stimmt ein in die in jüngster Zeit vielfach erhobene und immer noch nicht hinreichend realisierte Forderung nach einer längst überfälligen „Neuordnung des Weltfinanzsystems“. Im Rekurs auf Max Weber bringt Küng die Kategorie der Verantwortung als Leitprinzip für wirtschaftliches Handeln ins Spiel und veranschaulicht – gewissermaßen als Kontrastfolie – unverantwortliches wirtschaftliches und unternehmerisches Agieren, das nicht selten von Gier und der damit einhergehenden Unersättlichkeit getrieben wird. In einem eigenen Kapitel (VI) skizziert Küng ein „Ethos für Führungskräfte“, geißelt entsprechend unanständiges Verhalten zahlloser Manager und fordert eine „neue Kultur des Anstands“ sowie eine dreifache Kompetenz: eine ökonomische, politische und ethische. Das Schlusskapitel führt auf das bereits erwähnte wirtschaftsethische Manifest hin, das offenbar bereits vor den Stürmen der Finanz- und Wirtschaftskrise in Planung war. Bemerkenswert ist, dass Küng mit Josef Wieland einen weiteren, in Deutschland gewiss exponierten, Wirtschaftsethiker für sein Anliegen und die Ausgestaltung des Manifestes gewinnen konnte und dessen Ansatz auch kurz skizziert. In unübersehbarer Anlehnung an die „Erklärung zum Weltethos“ (1993) wird im Manifest die Notwendigkeit eines global gültigen Wirtschaftsethos postuliert, das ermöglicht wird durch ein „gemeinsames Band transkultureller Werte“. Zu den explizierten Prinzipien und Werten gehören unter anderem Humanität, Achtung vor dem Leben, Gerechtigkeit, Solidarität, Wahrhaftigkeit, Toleranz, gegenseitige Achtung – alles Begrifflichkeiten die bereits der Weltethoserklärung ihr inhaltliches Profil geben.

Der Autor, der einst mit Mitte 30 als junger theologischer Peritus am Zweiten Vatikanischen Konzil – bekanntermaßen neben dem heutigen Papst Benedikt XVI. – teilnehmen konnte, erweist sich auch noch im hohen Alter seines 9. Lebensjahrzehntes als kundig und gelehrt – und dies in einer einem Fundamentaltheologen und Dogmatiker zunächst fremden Materie. Aber wie bereits so oft zuvor belegt Küng auch hier sein Wissenschaftsethos und seine Fähigkeit, sich nicht nur in ein Themenfeld solide einzuarbeiten, sondern dieses auch sachkundig und dicht, kritisch und verständlich zur Darstellung zu bringen. Zwar muss sich Küngs Buch einreihen lassen in eine Vielzahl von Publikationen, die gerade im zurückliegenden Jahr als Reflex auf die Finanz- und Wirtschaftskrise erschienen sind. Doch einmal mehr überzeugt der Verfasser durch den Facettenreichtum und das Themenspektrum, das er behandelt. Dem Leser bzw. der Leserin bietet es eine gute Orientierung sowie durch die zahlreichen Referenzautoren eine hilfreiche Wegweisung zu vertiefenden Studien. In vielen Punkten erweist sich Küngs Position der Katholischen Soziallehre sehr nahe – so etwa in der grundsätzlichen Befürwortung der Marktwirtschaft und deren Dienstfunktion gegenüber dem Menschen, was sich durch einen Blick in das Kapitel zum Wirtschaftsleben im Kompendium der Kirchlichen Soziallehre leicht belegen lässt; übrigens ebenso wie die Nähe zur protestantischen Wirtschaftsethik, zuletzt ausführlich dargelegt in der EKD-Denkschrift „Unternehmerisches Handeln aus evangelischer Perspektive“ (2009). Insofern ist eine eigenständige Studie, die Parallelen zwischen Katholischer Soziallehre und dem gesellschaftsethischen Denken Küngs her aus arbeitet, als ein wissenschaftliches Desiderat zu sehen.

Gewiss sind viele Aspekte, die Küng einbringt, streitbar und diskussionswürdig: beispielsweise seine Überlegungen zur „Rückführung des Sozialstaates“. Zu fragen ist auch nach der Verbindung von Tugend- und Institutionenethik gerade im Kontext der Wirtschaftsethik; wenngleich immer wieder die institutionelle Dimension angesprochen wird, so sind die Prinzipien bzw. Weisungen des Weltethos doch sehr stark tugendethisch geprägt. Und schließlich stellt sich die Frage, ob mit der engen Anlehnung des neuen Manifestes an die Begrifflichkeiten der Weltethoserklärung nicht die Chance zu einer unabhängigeren wirtschaftsethischen Neukonzeption vertan wurde.

Den Zeitgenossen und -genossinnen der Christlichen Sozialethik, von denen sich meines Wissens lediglich eine Handvoll wirklich substanziell mit wirtschaftsethischen Themen befaßt, sollte Küngs Buch im Grunde ein kräftiger Anstoß sein, sich intensiver als bisher und vor allem mit einer höheren gesellschaftlichen Wirkkraft den ethischen Herausforderungen einer de facto brisanten und höchst alltagsrelevanten Thematik zu stellen.

Johannes J. Frühbauer, Luzern