Rafael M. Rieger: Unternehmerisches Handeln von Orden. Sozialethische Orientierungen für korporatives Wirtschaften, Forum Sozialethik 7, Münster: Aschendorff 2010, 368 S., ISBN 978–3-402–10633–4
Der vorliegende Bd. ist die in München angenommene Dissertation des Franziskanerpaters Rafael Manfred Rieger. Ausgangspunkt der Dissertation sind die verschiedenartigen wirtschaftlichen und gemeinnützigen Einrichtungen, die katholische Orden in Deutschland unterhalten und in denen mehr 100 000 Personen beschäftigt sind Dabei handelt es, sich um landwirtschaftliche Großbetriebe, Krankenhäuser etc. sowie vorwiegend in Bayern auch um Klosterbrauereien. Dem Vfs. geht es darum, deutlich zu machen, dass die unternehmerische Betätigung von Orden ein eigenes ethisches Untersuchungsfeld ist. Sie ist weder eine Frage, die allein in den Bereich der Individualethik fällt und somit die individuelle Verantwortung einzelner Ordensmitglieder betrifft, noch ein Gebiet, das sich gänzlich der Sozialethik zuordnet, wie dies etwa bei staatlichen und kirchlichen Rahmenordnungen der Fall ist. Vielmehr ist sie eine Frage der „Ethik von Korporationen“. Diese „Mesoebene“ ist bisher in der Christlichen Sozialethik noch nicht in ihrer ganzen Breite theoretisch reflektiert worden.
Um hier für die Christliche Sozialethik einen weiterführenden Beitrag zu leisten, steigt der Vfs. tief in die sozialtheoretische und unternehmensethische Debatte ein und untersucht, ob und wieweit korporative Akteure Verantwortung tragen, die über die Verantwortung von Individuen hinausgeht. In diesen Abschnitten setzt sich der Vfs. tiefgehend mit maßgeblichen Vertretern der Sozialwissenschaften auseinander und zeigt differenzierte Kenntnisse der unternehmensethischen Debatte. Den „homo oeconomicus“ als Verhaltensmodell lehnt er für seine Fragestellung als ungeeignet ab, da das ökonomische Vorteilsstreben kaum die primäre Handlungsmotivation von Ordensleuten sein dürfte.
Nach diesen breiten theoretischen Grundlagenüberlegungen wird – ohne großen sozialwissenschaftlichen Theoriebezug – in einer historischen Skizze das wirtschaftliche Handeln von Orden von ihrer Entstehung bis zur Gegenwart nachverfolgt. Da Ordensgeschichte zumeist von Ordensangehörigen geschrieben wurde, schimmert auch bei dem Vfs. eine affirmative Sicht durch, während eine kritische Sicht von „unten“, etwa der Leibeigenen oder der von Klöstern gehaltenen Sklaven fehlt. Orden waren im aristotelischen Sinne weitgehend Hauswirtschaften. Auf Sozialexperimente im 19. Jh., wie z. B. das Modell einer „christlichen Fabrik“, die von Ordensleuten initiiert und geleitet wurde, wird nicht eingegangen. Die Initiative dazu ging von dem Schweizer Kapuziner Pater Theodosius Florintini aus und endete mit einem Bankrott.
Vermutlich haben die wirtschaftlichen Aktivitäten einiger Orden erst Mitte des 20. Jahrhunderts in Deutschland eine richtige Einbeziehung in Markt und Wettbewerb erfahren und damit eine unternehmerische Dimension gewonnen. Bis dahin dominierte die Selbstversorgung und der Bezug von Gütern vom Markt; die Belieferung von Märkten hatte nur geringe Bedeutung. Dies ist in der Gegenwart anders geworden, wie der Markterfolg mancher Orden zeigt. Dabei stellen sich auch Fragen der rechtlichen Ausgestaltung dieser Aktivitäten nach staatlichem und nach kirchlichem Recht. Der kanonistisch vorgebildete Verfasser erwähnt hier Fragen der Gemeinnützigkeit, von privatrechtlichen und öffentlich-rechtlichen Organisationsformen wirtschaftlicher Betätigung von Orden wie auch Fragen kirchenrechtlicher Beschränkungen des Erwerbsstrebens von Klerikern und Orden.
Dieses unternehmerische Verhalten der Orden bedarf der dreifachen Analyse. Erstens muss es mit den Grundzielen und Intentionen eines Ordens kompatibel sein und darf sich nicht etwa im Sinne wirtschaftlicher Expansion oder im Rahmen ungezügelten Erfolgsstrebens am Markt von den religiösen Zielen verselbständigen. Der Vfs. teilt die Orden von ihren Grundintentionen in fünf verschiedene Gruppen plausibel ein, woraus sich Möglichkeiten und Grenzen wirtschaftlicher Betätigung von Orden definieren. Kontemplative Orden (fuga mundi) werden eher zur Selbstversorgung neigen, als sich unternehmerisch betätigen. Orden unter dem Leitbild „ora et labora“ sind ökonomisch gesehen größere Einrichtungen, die häufig ordensfremde Mitarbeiter für ihre Wirtschaftsunternehmen beschäftigen. Ein dritter Typ von Orden (privilegium paupertatis) ist besonders der Armut verpflichtet. Dies steht im Gegensatz zu einer wirtschaftlichen Betätigung. Man lebt vielmehr von den Spenden der Gläubigen und der Seelsorge (Mess stipendien etc.). Ein viertes Modell (Caritas Christi urget nos) betrifft caritativ tätige Orden, die auch eigene Einrichtungen (z. B. Krankhäuser, Altenheime, Schulen) unterhalten. Sie erhalten weder Markterlöse noch Spenden, sondern Zahlungen der Sozialversicherungen oder Zuschüsse der öffentlichen Hand. Ein fünftes Modell (ambulare in saeculo) stellt im Gegensatz zum ersten Modell, das einen Rückzug von der Welt verkörpert, ein Leben mitten in der Welt dar. Die Mitglieder dieser Gemeinschaften gehen einem Beruf nach, häufig in abhängiger Beschäftigung. Konkret bedeutet dies, dass der Betrieb einer Brauerei eher mit dem benediktinischen Mönchtum kompatibel ist als mit dem Armutsideal der Franziskaner. Ein zweites Kriterium für die wirtschaftliche Betätigung von Orden ist die Vereinbarkeit mit ethischen Grundsätzen, etwa den Vorstellungen der Soziallehre der Kirche. Anerkannten Grundsätzen der Sozialethik sowie unternehmensethischen Anforderungen müssen auch Ordenseinrichtungen Rechnung tragen. Aus ihrem christlichen Selbstverständnis heraus könnten sie (z. B. in ökologischer Hinsicht) auch Vorreiter sein. Unabdingbar ist aber auch ein drittes Element, nämlich der ökonomische Erfolg. Kein Unternehmen kann dauerhaft Verluste hinnehmen, sondern muss ausreichende Erlöse erzielen, um am Markt bestehen zu können. Dies gilt auch für die wirtschaftliche Betätigung von Orden.
In der breit angelegten Dissertation, die auch einige Wiederholungen kennt, werden aktuelle Konfliktfelder, wie z. B. die Aufgabe von Einrichtungen bei schrumpfender Zahl von Ordensmitgliedern zwar angegeben. Systematisch werden die Konfliktfelder anhand relevanter wirtschaftlicher Betätigungen von Orden aber nicht behandelt. Es werden auch keine Lösungsansätze aufgezeigt.
Dies gilt etwa im Personalbereich, wenn die Konkurrenten von Orden geringere Löhne zahlen. Zur Sicherung seiner wirtschaftlichen Aktivitäten ist das Kolpingwerk der Erzdiözese Paderborn aus dem kirchlichen Arbeitsrecht ausgestiegen, um durch niedrigere Löhne der Konkurrenz standhalten zu können. Können und dürfen dies ordenseigene Einrichtungen tun? Ein zweites zentrales Problem ist die Frage, wie die bisher religiös geprägte Unternehmenskultur gewahrt werden kann, wenn durch den Mangel an Ordensleuten kaum noch einer von ihnen in der regulären Beschäftigung vertreten ist. Dieses Problem wird drittens dann noch verschärft, wenn nicht einmal mehr Führungspositionen von Ordensangehörigen bekleidet werden können. Wenn man das Management ordensfremden Führungskräften überlassen muss, stellen sich Probleme der Kontrolle (Aufsichtsrat), der Wirtschaftsprüfung ein. Dazu hat die Deutsche Bischofskonferenz Empfehlungen herausgegeben, die hier nicht erwähnt werden. Ein viertes Problem besteht in der vollständigen Aufgabe einer Einrichtung durch den jeweiligen Orden. Zumindest viele Schulen und Krankenhäuser wurden bisher von den Diözesen übernommen. Soll ein Orden seine Einrichtungen auch an private, kommerzielle Anbieter abstoßen? Angesichts der Überalterung besteht ein fünftes Problem in der Alterssicherung von Ordensangehörigen. Dazu sind finanzielle Rücklagen geboten. Soll ein Orden, auch aus dem ethischen Ziel einer besseren Absicherung der alten Ordensangehörigen, sich wie ein Investmentfonds, gar wie ein Hedgefonds am Kapitalmarkt bewegen? Hier liegen weiterführende Fragen der Thematik.
Mit seiner Dissertation greift der Vfs. ein bisher in der Christlichen Sozialethik bestehendes Desiderat auf, denn Fragen, ob und wie die Soziallehre der Kirche in der Kirche selbst, in ihren Institutionen (Orden) und Funktionen (Caritas, Finanzen, Arbeitsverhältnisse) Anwendung fi ndet, wurden bisher noch nicht eingehend untersucht.
Die Arbeit gibt nicht nur den Anstoß zu weiterführenden Forschungsvorhaben einer solchen, auf die Kirche bezogenen Sozialethik. Sie bietet auch konzeptionelle Anregungen für das methodische Vorgehen der Christlichen Sozialethik bei der Analyse von mittleren Akteuren (Verbänden, Vereinen, Unternehmen) zwischen Individuen und Staat.
Joachim Wiemeyer, Bochum