Ökonomische Moralkulturen

Michael Schramm: Ökonomische Moralkulturen. Die Ethik differenter Interessen und der plurale Kapitalismus, Metropolis 2008, 238 S., ISBN 978–3–89518–640–0

Mit der moralökonomischen Theorie ist das so eine Sache: Öffnet sie für Ökonomen bei einigem guten Willen eine weite Tür für die Fragen nach einem guten und gerechten Wirtschaften, so wenden sich Ethiker oft genug enttäuscht ab und bestreiten schlicht die Hauptthese der Moralökonomik, die lautet, dass die Ökonomie nicht nur Gegenstand der Ethik ist, sondern selber etwas Genuines zur Moraltheorie beizutragen hat. Die Debatte ist nicht einmal mehr aufgeregt und die Verfechter so wie die Gegner wiederholen mit Beharrlichkeit ihre Argumente.

Michael Schramm beschäftigt sich in seinem Buch „Ökonomische Moralkulturen“ als Ethiker mit der Moralökonomik in einer Weise, die der Debatte neue Denkanstöße verleihen kann. Er geht von dem anregenden Gedanken aus, dass der Kapitalismus in durchaus verschiedenen Formen vorkommt; wir erleben eine „Pluralität des globalen Kapitalismus“ (11) und die Pluralität ist moralkulturell bedingt.

Für die Erläuterung der konzeptionellen Kernidee wird Max Webers Unterscheidung von Interessen und Weltbildern (Ideen) angeführt: Interessen, und es gibt immer eine Pluralität divergierender Interessen, treiben die Dinge voran. Ideelle Weltbilder hingegen fungieren als Richtungsweiser für diesen Ablauf. Die „differenten Interessen“ stellen den eigentlichen Gegenstand der Ethik dar, womit sie „grundsätzlich“ zu einer „Ethik differenter Interessen“ (12) wird. Weltbilder, Schramms „Moralkulturen“, werden als Hintergrund dieser Interessen identifiziert, die Interessen lenken und damit auch ökonomische Interessen (im weiten und engeren Sinne) beeinflussen: „Moralkulturen besitzen ökonomische Bedeutung und prägen die Interessen ökonomisch einschlägiger Akteure […] deutlich.“ (13) Die moralökonomische These bestätigend sind für Schramm „Moralkulturen […] notwendigerweise ökonomische Moralkulturen“, insofern das Ökonomische auf der Anwendungs- und auf der Begründungsebene ein „genuiner Bestandteil“ des Ethischen ist; für Wieland ist zum Vergleich das Ethische ein genuiner Bestandteil des Ökonomischen.

Dieser Zusammenhang von ökonomischer Moralkultur und einer Ethik differente Interessen angesichts pluraler Kapitalismusformen wird im Buch in zwölf Kapiteln entfaltet. Grob zu unterscheiden sind Kapitel, die einzelne Moralkulturen näher untersuchen und Kapitel, die die konzeptionellen Konsequenzen für die ethische und ökonomische Theorie untersuchen.

Die Abschnitte 2, 5, 7 und 10 präsentieren und erläutern die Auswirkungen der konfuzianischen, der islamischen, der amerikanischen zusammen mit der schwäbischen und der indischen Moralkulturen auf das Wirtschaften. Diese Kapitel bestechen durch eine ebenso knappe wie interessante Darstellung dieser unterschiedlichen „belief systems“ und ihrer Auswirkungen auf das Wirtschaften. Die anderen Kapitel widmen sich dagegen ganz der theoretisch-konzeptionellen Schärfung des wirtschaftsethischen Ansatzes und fordern dem Leser/ der Leserin einiges an wirtschafts-, sozialwissenschaftlichen und philosophischen Vorkenntnissen ab, auch wenn die eingestreuten (Fall)Beispiele die theoretischen Gedanken gut erläutern. Nach der empirischen Bestätigung des Zusammenhangs von Moralkultur und wirtschaftlichem Handeln (Kap. 1) skizziert das dritte Kapitel die Bedeutung moralischer Interessen („Was die Dinge treibt“) und bringt damit die Suche nach einer tragfähigen Moraltheorie differenter Interessen wesentlich voran. Kapitel vier entwirft für die Frage „Was wirklich geschieht“ eine fast schon spekulativ zu nennende „Ontologie moralökonomischer Transaktionen“, die natürlich ganz ohne traditionelle Metaphysik auskommt, aber mit den Referenzen zu Niklas Luhmann (Systemtheorie) und Alfred North Whitehead (Prozessphilosophie und Kosmologie) dafür Ersatzstücke anführt. Dies endet in der Darstellung von „ethischen Konsequenzen eines systemtheoretisch und governanceethisch konzipierten Models von Tm-Rhizomen“ (90); Tm-Rhizome sind eine Metapher für Netzwerke moralökonomischer Transaktionen. Wer sich, wie der Rezensent, von solchen Formulierungen herausgefordert fühlt, dem kann Erkenntnisgewinn versprochen werden. Für die restlichen konzeptionellen Kapitel, etwa zur „Theorie ökonomischer und moralischer Kosten“ (Kap. 6) oder zur „Integration von ökonomischem und moralkulturellem Approach“ (Kap. 8) gilt in etwa das gleiche, wobei gerade das Kapitel 8 zusammen mit Kapitel 3 und 11 das Grundgerüst des Buches in theoretischer Hinsicht bildet. Kapitel 11 führt dabei die Elemente zu einer Ethik differenter Interessen zusammen und weist dem moralkulturellen Ansatz darin einen Platz auf einer Anwendungs- und Begründungsebene zu.

Bei allem Anregungsreichtum und theoretischer Energie vermisst der Rezensent eine nicht nur implizite sondern auch explizite Verknüpfung der aufeinanderfolgenden Kapitel, die den Leser durch den Gedankengang führt, den erreichten Stand resümiert und folgende notwendige Schritte andeutet. Hochschullehrer und andere Dozenten werden für wirtschaftsethische Lehrangebote aber sicher lohnendes Material in Schramms Monografie finden können. Theologisches Material für eine christliche Profilierung oder Kritik einer moralökonomisch betriebenen Wirtschaftsethik wird nicht verarbeitet. Man kann das in einem Buch eines christlich-sozialethischen Autors vermissen, auch wenn es für den wirtschaftswissenschaftlichen Markt geschrieben wurde. Die Öffnung des wirtschaftsethischen Diskurses für „kulturelle“ Fragen und „Identitätssemantiken“ allein weiter geführt zu haben, ist aber ein Verdienst, das in christlich-sozialethischer Perspektive gewürdigt werden kann.

Alexander Filipović