Christian Spieß, Katja Winkler (Hg.): Feministische Ethik und christliche Sozialethik, Münster: Lit 2008, 352 S., ISBN 978–3–8258–1677–3
Das Interesse an feministisch-ethischen Anfragen und Modifikationen klassischer Ethikentwürfe hat auf sozialethischer Seite zugenommen. Wohl nicht zuletzt aufgrund der Kongruenz christlicher und feministischer Motive im ethischen Kontext. Dieser Interessensschub lässt sich im Sammelband „Feministische Ethik und christliche Sozialethik“ mehrfach festmachen: an der bereits fundierten Rezeption feministisch-ethischer Theorien in Grundlagendebatten zu Gleichheit und Differenz, Gerechtigkeit und gutem Leben sowie Privatheit und Öffentlichkeit; an der verstärkten Involvierung männlicher Autoren in den feministischen Diskurs oder an der imposanten Fülle thematisch weit verzweigter Schwerpunkte.
Dennoch ließe sich über die tatsächliche Breitenwirkung einer feministisch inspirierten christlichen Sozialethik diskutieren. Erstaunlicherweise wird die andauernde Geschlechterblindheit mancher Sozialethikkreise jedoch weniger in den katholischen, als in den evangelischen Beiträgen bemängelt. Nach Uwe Gerbers Recherche evangelischer Quellen geschieht „die Rezeption und Diskussion bestenfalls in wenigen Einzelfällen, nicht aber als nachhaltige Aufnahme“ (39).
Umso mehr ist die Herausgabe dieses Bandes durch Christian Spieß und Katja Winkler von hoher Aktualität. Die beiden Münsteraner SozialethikerInnen können darin zeigen, dass feministisch-ethische Argumente „für die christliche Sozialethik eine Bereicherung darstellen“ (7) und „für die gesamte Ethik weiterführenden und präzisierenden Charakter haben“ (12). Ihr lesenswertes und umfassendes Vorwort bringt die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit einer christlich feministischen Sozialethik näher und schafft damit einen systematischen Rahmen für die im Sammelband aufgegriffenen Beiträge. Nicht erläutert wird die vorgenommene Reihung der Beiträge, die sich auch aus der Inhaltsübersicht nicht erschließen lässt. Den Beiträgen gemeinsam ist in jeder Hinsicht ihre hohe Qualität, die Wiedergabe des aktuellen Forschungsstandes mit einer treffsicheren Literaturauswahl und ihre mehr oder weniger tiefgreifenden Modifikationen liberalen Denkens.
Die Aufsätze der aus Österreich, Deutschland und der Schweiz stammenden EthikerInnen können bis auf den bereits erwähnten, überblicksartigeren Beitrag von Uwe Gerber, in zwei Kategorien eingeteilt werden. Einerseits in Aufsätze, die ethische Kernbegriffe feministischsystematisch rekapitulieren und meist eine eigene Theorieentwicklung aufweisen. Andererseits können Beiträge identifiziert werden, die anhand eines Referenzautors/einer Referenzautorin dessen/deren Beitrag für eine feministisch christliche Sozialethik ausarbeiten.
Als Beiträge einer feministisch-systematisierenden Kategorie erweisen sich Christa Schnabls Charakterisierung und Verhältnisbestimmung der für die Ethik und feministischen Bewegungen zentralen Leitkategorien der Gleichheit und Differenz, Maria Katharina Mosers Vorschlag eines relational gedachten Autonomieverständnisses, Regina Ammicht Quinns Wiedergewinnung der Kategorie des Körpers für die Ethik und Marianne Heimbach- Steins Plädoyer für eine gendersensitive kontextuelle Sozialethik. Auch Christa Schnabls zweiter Beitrag ist hier einzuordnen, der die oft als kontrahierend dargestellten ethischen Schlüsselbegriffe „Fürsorge“ und „Gerechtigkeit“ zu vermitteln versucht.
Zur autorInnengeleiteten Kategorie zähle ich den Beitrag von Arno Anzenbacher, der das Bild der Frau bei Thomas von Aquin untersucht. Mit Ethikkonzepten jüngeren Datums wiederum setzen sich Axel Bohmeyer, Susanne Dungs und Christian Spieß in ihren Aufsätzen auseinander. Als für sozialethische Fragestellungen relevant stufen Bohmeyer die feministischen Bezüge von Axel Honneths Theorie der Anerkennung und Spieß die feministisch liberalistischen Anklänge in Martha Nussbaums Gerechtigkeitskonzeption ein. Auch Dungs gelingt in ihrer Würdigung der – noch vielfach wenig bekannten – Anerkennungstheorie Judith Butlers ein innovativer Beitrag. An dieser Stelle sei auch auf das von Dungs und von den HerausgeberInnen angeführte Desiderat einer Rezeption der Butler’schen Subjektkritik verwiesen, das m. E. zur weiteren Bearbeitung lohnen würde: Wäre eine christliche Sozialethik „ohne Subjekt“ denkbar? Oder stößt hier die Sozialethik tatsächlich an eine Rezeptionsgrenze?
Das Buch liefert reizvolle Denkansätze, die vielleicht gerade rechtzeitig kommen, um eine gender-müde LeserInnenschaft neu aufzurütteln. Dabei kommt dem Band zugute, dass er nicht die Leier der armen ausgebeuteten Frau/en wiederholt, sondern durch die Verknüpfung von feministischer Ethik und christlicher Sozialethik neue Wege hin zu sozialer Gerechtigkeit für alle zeigt. Dass das kein einfaches Vorhaben darstellt, zeigt die Komplexität mancher Beiträge, die trotz klarem Aufbau denkerisch herausfordernd bleiben.
Christine Gasser