„Die Langzeitfolgen von 1989 beginnen erst langsam sichtbar zu werden,“ – schreibt T. G. Ash, der wohl beste englischsprachige Kenner der Umwälzungen von 1989, in einem Doppelaufsatz für die New York Review of Books1. Nach zwei Jahrzehnten sei es deshalb an der Zeit für einen ambitionierten jungen Historiker mit hinreichenden Sprachkenntnissen und der nötigen Ausdauer, eine Synthese der vielschichtigen Ereignisse und Prozesse zu schreiben, die im Jahr 1989 kulminierten und das Experiment des Kommunismus zu einem abrupten Ende brachten. In Ermangelung dieser Synthese, mit deren Erscheinen vor 2019 nicht zu rechnen sein dürfte, werden wir uns weiter mit Einzelbeiträgen, Monographien und Zeitschriftenartikeln begnügen müssen, die sich notgedrungen auf Segmente des Geschehenen beschränken werden.
Zu den herausragenden Ereignissen des jetzt an sein Ende gekommenen Erinnerungsjahres gehört ohne Zweifel die Verleihung des Literaturnobelpreises an die deutsche Schrifstellerin Herta Müller. In ihrem jüngsten Roman „Atemschaukel“ beschreibt sie die Deportation eines jungen Mannes in ein sowjetisch-ukrainisches Arbeitslager. Sein Schicksal steht exemplarisch für das Schicksal der deutschen Bevölkerung in Siebenbürgen. Mit eindrucksvollen Mitteln sperrt die Autorin ihre Leser gleichsam hinter ein Gitter, das sie aus kurzen zweiteiligen Sätzen und poetisch zusammengesetzten Hauptworten knüpft und bringt ihnen damit fast körperlich nahe, worum es ihr geht: Sie wolle, so bekennt sie in der Rede zur Stockholmer Preisverleihung, zeigen, „wie Diktaturen Menschen ihrer Würde beraubten“.
Mit den Erfahrungen von Entwürdigung und Entmündigung weiterleben zu müssen, gehört zu jenen Langzeitfolgen, von denen bei Ash die Rede ist. Thomas Hoppes Beitrag zur „Notwendigkeit und Schwierigkeit authentischen Erinnerns“ nimmt diese Thematik auf.
Bei der Aufarbeitung der Vergangenheit, darauf weist Ingeborg Gabriel im einführenden Beitrag hin, können auch die Kirchen eine wichtige Rolle spielen. Ihr Beitrag, insbesondere der von Papst Johannes Paul II., für den Ausbruch der Revolutionen von 1989 wird heute von niemandem ernsthaft in Frage gestellt. In seiner detaillierten Analyse des Wandels in der Bedeutung der Kirchen unterscheidet Miklós Tomka Länder mit einer christlichen Mehrheitskultur und entchristlichte Länder. Im ersten Fall hänge die Zukunftsfähigkeit der Kirchen davon ab, ob es gelingt eine „Traditionsreligiosität in eine Entscheidungsreligiosität“, eine „kleruszentrierte Kirchenordnung“ in eine „partizipatorische Struktur“ zu überführen. Im zweiten Fall werde es darauf ankommen, „die gegenwärtige Bewahrungsstrategie durch Ansprech- und Dialogbereitschaft“ zu ersetzen.
Alle Staaten Ostmittel- und Südosteuropas haben sich nach 1989 auf den Weg der Annäherung an die Europäische Union begeben. Fünf Jahre nach dem Beitritt der ersten acht Staaten und drei Jahre nach dem Beitritt von Rumänien und Bulgarien belegt das Erstarken EU-skeptischer Parteien in diesen Ländern nach Meinung von Stefan Kube „unerfüllte Hoffnungen des Transformationsprozesses“. Daran anschließend beleuchtet János Mátyás Kovács in seinem Beitrag die unterschiedlichen Solidaritätsdiskurse in den östlichen und den westlichen Ländern Europas.
T. G. Ash spekuliert am Ende seines Rückblicks, dass 1989 womöglich die letzte Gelegenheit war, bei der „in Europa Weltgeschichte gemacht“ wurde. Gegen eine solche pessimistische Sicht verwahrt sich allerdings Václav Havel einer der großen Helden von 1989.
In seiner Rede vor dem Europäischen Parlament2 am 11. November 2009 argumentierte er gegen den „Kult des quantitativen Wachstums“. Stattdessen sollten Europäer „ihre Beziehung zur Ewigkeit und Unendlichkeit“ erneuern: „Europas reiches geistliches und kulturelles Erbe – in der Verbindung von Elementen der Antike, des Judentums, des Christentums, des Islam, der Renaissance und der Aufklärung – hat ein Bündel von nicht hinterfragbaren Werten geschaffen, denen die Europäische Union ein Lippenbekenntnis spendet, aber die ihr oft nur als schöne Verpackung für die wirklich wichtigen Dinge gelten. Aber sind es nicht diese Werte, auf die es wirklich ankommt, und sind sie es nicht, die – im Gegenteil – alles orientieren?“
Das kritisch fordernde Engagement Havels für ein Europa, dessen Werte zugleich sein Ziel sind, gehört ohne Zweifel zu jenen Langzeitwirkungen von 1989, denen große Strahlkraft gewünscht werden darf.
1 Die beiden Artikel finden sich auch unter www.nybooks.com/authors/92. Übersetzungen der nachstehenden Zitate von S. L.
2 Eine englische Fassung der Rede Havels findet sich unter http://www.vaclavhavel.cz. Übersetzungen der nachstehenden Zitate von S. L.