Titelseite Amosinternational 3/2009

Heft 3/2009Caritas in veritate

Inhalt

Eine Sozialenzyklika will im wahren Sinn des Wortes an-stößig sein, wach rütteln, zum Dialog herausfordern. Die wohlwollend-kritischen Beiträge in diesem Heft tragen die rege, teilweise recht kontroverse Diskussion weiter und geben eigene Impulse.

Über diese Ausgabe

Editorial

Schwerpunktthema

  • Plus S. 3

    Liebe und Wahrheit, Gerechtigkeit und Gemeinwohl als Leitlinien von EntwicklungDie Grundaussagen der neuen Enzyklika im Kontext der katholischen Soziallehre

    Die erste Sozialenzyklika Benedikts XVI. thematisiert die Frage, wie die „Liebe in Wahrheit“ als Antwort auf Gottes vorausgehende Liebe in der Gesellschaft der Gegenwart gelebt werden kann. Dabei bedarf die Liebe als „Hauptweg der Soziallehre der Kirche“ der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls als Orientierungsmaßstäbe. Aus dieser Perspektive rekonstruiert der Papst die großen sozialen Fragen der Gegenwart unter Rückbezug auf Populorum progressio als Fragen der ganzheitlichen und umfassenden Entwicklung jedes und aller Menschen. Das eröffnet für die Überlegungen zur Globalisierung im Allgemeinen, aber auch zur Wirtschafts- und Finanzmarktkrise im Speziellen einen neuen Horizont: Im Mittelpunkt allen Handelns stehen der Mensch und die Sorge um dessen menschenwürdige Entwicklung. Unter dieser konstitutiven Prämisse entfaltet der Papst keine Patentrezepte, wohl aber Aspekte, die für eine menschenwürdige Lösung der anstehenden Gegenwartsfragen unverzichtbar sind.

  • Plus S. 10

    Globalisierung, Entwicklung und die Rolle der ReligionenAnmerkungen zur Enzyklika "Caritas in veritate"

    Die Enzyklika „Caritas in veritate“ Benedikt XVI. setzt die Tradition der Entwicklungsenzykliken seiner Vorgänger in spezifischer Weise fort. Der Papst sieht sich als Garant einer Welteinheit, die durch den Globalisierungsprozess einerseits in unmittelbare Nähe gerückt erscheint, andererseits durch moralisches Versagen und Fehlentwicklungen in immer weitere Ferne zu geraten droht. Deshalb ruft der Papst zur Umkehr und zur Übernahme der moralischen Verantwortung eines jeden Einzelnen auf. Mehr noch als seine Vorgänger rückt Benedikt die religiöse Dimension von Globalisierung und Entwicklung in das Zentrum seiner Überlegungen. In der eindringlichen Aufforderung zur Übernahme von moralischer Verantwortung gegenüber dem Globalisierungsprozess und seinen Folgen liegt die Stärke der Enzyklika. In der mangelnden begrifflichen und konzeptionellen Klarheit und fehlenden sozialwissenschaftlichen Fundierung sowie im überraschenden Anspruch, für das partikulare katholische Naturrecht im globalen Dialog mit den Religionen und Weltanschauungen Universalität zu behaupten, werden die Schwächen der Enzyklika gesehen.

  • Plus S. 17

    Marktwirtschaft und GemeinwohlBenedikt XVI. zu den Defiziten und Möglichkeiten der Abhilfe

    Ein Jahrhundert lang stand die katholische Soziallehre der Marktwirtschaft und dem freien Wettbewerb sehr kritisch gegenüber. Erst unter Johannes Paul II. kam es zu einer durchwegs positiven Würdigung. Unter dem Eindruck der globalen Ungleichgewichte sowie der jüngsten Wirtschafts- und Finanzkrise mahnt Benedikt XVI. erneut die Gemeinwohlorientierung der weltweiten Marktwirtschaft an. Neben durchsetzbaren Rahmenordnungen auf nationaler und internationaler Ebene fordert er eine Stärkung der Zivilgesellschaft als Korrektiv marktwirtschaftlicher wie staatlicher Steuerung. Zudem unterstreicht er die Bedeutung von Unternehmenstypen und Wirtschaftsakteuren, die nicht primär auf Gewinnerzielung ausgerichtet sind. Kritisch sieht der Autor dieses Beitrags die Vernachlässigung der klassischen sozialethischen Eigentumslehre bei Benedikt XVI., aber auch die Nichtberücksichtigung der EU bei seinen Überlegungen zu einer überstaatlichen Weltautorität und nicht zuletzt das Übergewicht individualethischer Appelle gegenüber strukturenethischen Argumenten.

  • Plus S. 23

    Die Würde der menschlichen Arbeit wahrenAussagen zu Arbeitswelt und Arbeitslosigkeit

    Das Thema Arbeit nimmt in der neuen Enzyklika keinen breiten Raum ein. An einigen Stellen betont der Papst die Würde der Arbeit und benennt in der Tradition der katholischen Soziallehre die sich daraus ergebenden Rechte der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Sein großes Anliegen ist die Berufung des Menschen durch Gott. Dies bezieht der Papst auf die unterschiedlichsten Bereiche. Für den Bereich der Arbeit sind seine genannten Konsequenzen nicht neu, doch sie ermutigen, sich in den jeweiligen gesellschaftlichen Fragen aus dem Geist des Evangeliums politisch zu engagieren.

  • Plus S. 27

    Beredtes SchweigenZu den ökologischen Aspekten der neuen Sozialenzyklika

    Fünf Abschnitte widmet die Enzyklika der ökologischen Reflexion. Diese ist weitgehend kulturphilosophisch und tugendethisch ausgerichtet. Prägnante Postulate finden sich zum Umgang mit Energie. Aussagen zum Klimawandel und zum Konzept der Nachhaltigkeit fehlen völlig. Eine Weiterentwicklung der Soziallehre im Blick auf die Verknüpfung ökologischer und entwicklungspolitischer Aspekte bietet die Enzyklika nicht.

Arts & ethics

Interview

Kontrovers

  • Plus S. 36

    Mehr Mut zum Markt!Zu den Ausführungen über die Finanzmarktkrise aus Sicht eines Bankwissenschaftlers

    Mit Blick auf die Ausführungen zur Finanzmarktkrise kann die neue Sozialenzyklika den Autor des folgenden Beitrags nicht überzeugen. Die formale Schwäche sieht er darin, dass es kein zusammenhängendes Kapitel zur aktuellen Finanzmarktkrise gibt. Zu finden sind lediglich über den Text verstreute einzelne Bezugnahmen. Inhaltlich sieht der Bankwissenschaftler vor allem Korrekturbedarf beim Verständnis von Gewinnerzielung und -verwendung. Die Rolle der Zivilgesellschaft müsste seiner Ansicht nach klarer konturiert werden, um präzisere Anforderungen an die Marktakteure ableiten zu können.

  • Plus S. 40

    Die Finanzmärkte politisch steuern!Zu den Ausführungen über die Finanzmarktkrise aus Sicht eines Sozialethikers

    Wer sich für die Ethik der Finanzmärkte interessiert, den enttäuscht die Enzyklika Caritas in Veritate, da sie nicht systematisch auf die Finanzkrise eingeht. Die wenigen Gedankensplitter zu der Ordnung der internationalen Finanzmärkte treten hinter den abstrakten und subjektlosen Reflexionen über die Liebe in der Wahrheit zurück. Dennoch hält die Enzyklika das Bewusstsein dafür wach, dass die Ordnung der Finanzmärkte reformiert werden muss – und dass sie grundsätzlich gestaltbar ist.

  • Plus S. 43

    Dialog oder Selbstgespräch?Anmerkungen zur öffentlichen Relevanz der Sozialethik im Anschluss an Caritas in veritate

    Die Enzyklika unterstreicht den dialogischen und interdisziplinären Ansatz christlicher Sozialethik. Beide Konfessionen sehen darin eine Bedingung ihrer gesellschaftlichen Wirksamkeit. Der Autor des folgenden Beitrags, evangelischer Sozialethiker in Bochum, verweist aber nicht nur auf die weitgehenden Gemeinsamkeiten, vor allem in den inhaltlichen Positionen. Er benennt, bei aller Wertschätzung, auch die Differenzen: beim Vernunftkonzept, beim Verständnis von Wahrheit und Dialog, bei der Bewertung des Naturrechts.

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