Menschenrecht auf Bildung - Bildungspolitik und Bildungsgerechtigkeit

Marianne Heimbach-Steins, Gerhard Kruip, Katja Neuhoff (Hg.): Bildungswege als Hindernisläufe. Zum Menschenrecht auf Bildung in Deutschland (Forum Bildungsethik), Bielefeld: W. Bertelsmann 2008, 200 S., ISBN 978–3–7639–3545–1 Martin Dabrowski, Judith Wolf (Hg.): Bildungspolitik und Bildungsgerechtigkeit (Sozialethik konkret), Paderborn: Ferdinand Schöningh 2008, 178 S., ISBN 978–3–506–76685–4

Das deutsche Bildungssystem ist reformbedürftig, darin sind sich Politiker/innen, Ökonom/innen und christliche Sozialethiker/ innen einig. V. a. der Missstand der engen Verquickung von sozialer Herkunft und Schulerfolg – zu Lasten sozial benachteiligter Schichten – erregt die Gemüter. Darauf verweist nicht nur die z. T. polemisch geführte Diskussion in so manchen deutschen Tageszeitungen, sondern auch die in den letzten Jahren deutlich gestiegene wissenschaftlich qualifizierte Publikationstätigkeit zu Bildungsthemen.

Darunter befinden sich zwei beinahe zeitgleich erschienene sozialethische Sammelbände.

Der eine Band mit dem Titel „Bildungswege als Hindernisläufe. Zum Menschenrecht auf Bildung in Deutschland“ versammelt Beiträge, die auf dem zweiten Symposium des DFG-Projekts „Menschenrecht auf Bildung“ referiert wurden. Im Fokus des Symposiums stand „die Erarbeitung konkreter sozialethischer Maßstäbe zur Umsetzung des Menschenrechts auf Bildung“ (S. 5). Die Herausgeber/ innen sind die für das DFG-Projekt (http://www.uni-bamberg.de/csl/orga/forschung/dfg) verantwortlichen Sozialethiker/ innen M. Heimbach-Steins, G. Kruip und K. Neuhoff. Es ist übrigens bereits der fünfte Band der Reihe „Forum Bildungsethik“.

Der andere Sammelband, tituliert mit „Bildungspolitik und Bildungsgerechtigkeit“, fügt sich ebenfalls in eine wissenschaftliche Reihe ein: „Sozialethik konkret“, hrsg. v. M. Dabrowski und J. Wolf. Diese Reihe ist nicht primär bildungsethisch ausgerichtet, sondern dockt an unterschiedliche konkrete Problemstellungen aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik an. Für 2007 wurde „Bildung und Bildungspolitik“ als das dringliche Thema auserkoren. Die Beiträge des Bandes entstammen der gleichnamigen Konferenz.

Die Parallelität in der Konzeption der beiden Bände ist unübersehbar. Beide Publikationen gehen auf Fachtagungen im Austausch mit Praktiker/innen und Bildungsexpert/innen anderer Disziplinen zurück. Die Beiträge sind jeweils nach Hauptreferaten plus Korreferate/Kommentare organisiert, die in sich eigenständige Diskussionszusammenhänge wiedergeben. Auch inhaltlich gibt es einige Parallelen, wofür die Rezeption des aktuellen sozialethischen Bildungsdiskurses in Deutschland ausschlaggebend sein dürfte, der stark von den Stimmen des DFG-Projekts geprägt ist.

Unterschiede sind in der Tendenz der Ausrichtung zu finden. „Bildungswege als Hindernisläufe“ diskutiert stärker Umsetzungskriterien (normative Prinzipien der Umsetzung), „Bildungspolitik und Bildungsgerechtigkeit“ stärker Umsetzungsvorschläge (mögliche Umsetzungsmaßnahmen).

Der zentrale Bezugspunkt des etwas umfänglicheren Bandes „Bildungswege als Hindernisläufe“ ist der Versuch, Hürden und Hindernisse des deutschen Bildungssystems auf der Basis gerechtigkeitstheoretischer Refl exionen zu überwinden. Das zeigt sich wohl am stärksten im ersten Themenblock (Hauptreferat von Katja Neuhoff, Kommentare von Walter Lesch und Werner Schönig), in dem die strukturellen Hürden der Übergänge im Schulsystem bzw. zwischen Schule und Beruf(sausbildung) analysiert und diskutiert werden. Vermutlich inspirierte Katja Neuhoffs Beitrag auch zum Titel des Sammelbands. Pädagogische und ethische Stimmen gehen im daran anschließenden zweiten Themenkomplex einem konkreten Projekt zur Qualitätsverbesserung einer Schule (Bischöfliche Gymnasium Josephinum in Hildesheim) nach. Das Schulprojekt versucht Qualitätshürden durch eine gemeinsam von Eltern, Schüler/innen und Lehrer/innen initiierte und durchgeführte Schulreform auszuräumen. (Hauptreferat von Benno Haunhorst, Kommentare von Axel Bernd Kunze und Regina Ammicht Quinn). Doch auch im dritten Themenblock, in dem Verbesserungsvorschläge aus sozioökonomischer Perspektive erörtert werden, kommen vielfältige Hindernisse des Bildungssystems (bspw. Die ungenügende Frühförderung) zur Sprache. Diskutiert wird der Vorschlag von Bildungsinvestition(en) als sozialpolitischer Maßnahme (Themenkomplex „Bildungsfinanzierung und Bildungsgerechtigkeit“ mit Beiträgen von Marcel Helbig, Wolfgang Böttcher und Andreas Lob-Hüdepohl).

Gerahmt werden die Themenschwerpunkte von einer Einführung zur Zwischenbilanz des DFG-Projekts „Menschenrecht auf Bildung“ (Marianne Heimbach-Steins) und einem Schlusskapitel mit drei für sich stehenden theoretischen Reflexionen: eine philosophische (Kirsten Meyer), eine christlich-sozialethische (Alexander Filipovi ) und eine volkswirtschaftliche (Norman van Scherpenberg).

Als wiederkehrendes und zentrales Motiv des Sammelbandes „Bildungspolitik und Bildungsgerechtigkeit“ (Titelbild mit einer über einem aufgeschlagenen Buch gebeugten Holzfi gur) kann die Nennung konkreter Reformvorschläge hervorgehoben werden. So werden Lösungsmodelle zur Überwindung von Strukturdefiziten des deutschen Schulsystems erörtert (Referat von Georg Auernheimer, Korreferate von Jörg-Dieter Gauger und Axel Bernd Kunze). Die Aufgaben und Kompetenzen verschiedener Bildungsakteure werden analysiert und mögliche Erweiterungen im Verständnis von Trägerschaften überlegt (Referat von Joachim Wiemeyer, Korreferate von Anna Noweck und Markus Potthoff). Auch eine mögliche gerechte(re) Form von Bildungsfinanzierung, ausgehend vom Gutscheinmodell nach Milton Friedman, wird diskutiert. (Referat Gerhard Kruip, Korreferate: Alexander Kemnitz, Hermann-Josef Große Kracht). Hingegen stärker normativ grundlagentheoretisch orientiert sind der eröffnende Beitrag von Katja Neuhoff sowie das anschließende Korreferat von Christof Mandry. Konzepte der Chancengleichheit und Beteiligungsgerechtigkeit werden einander gegenüberstellt und Kriterien der Umsetzung formuliert. Sandra Konrad macht in einem weiteren Korreferat auf die Diskrepanz von sozialethischen Leitideen und lokalpolitischen Bedingungen aufmerksam.

Beide Bände zeichnen sich durch die Wiedergabe interessanter und eigenständiger Diskussionen (die verschiedenen Themenblöcke), eine saubere Redaktion (inkl. praktischem Vorwort sowie Autor/innenverzeichnis) und wissenschaftliche Qualität der Beiträge aus.

Gauger’s Beitrag in „Bildungspolitik und Bildungsgerechtigkeit“ fällt da aufgrund der verwendeten Quellen und des fehlenden Literaturverzeichnisses leider etwas ab.

In „Bildungswege als Hindernisläufe“ reiht sich ein Beitrag („Familienzentrum mit sozialem Frühwarnsystem“ von Daniela Pollock, Werner Schönig) nicht ganz selbstverständlich in den ersten Themenblock ein, da er weder als Korreferat konzipiert ist, noch seine Bedeutung für die Diskussion explizit herausgestellt wird.

Generell wäre eine Erläuterung zu Auswahl und Zusammenhang der Themenblöcke untereinander zur leichteren Systematisierung hilfreich gewesen.

Beide Bände weisen einen starken Deutschlandbezug auf und orientieren sich in ihren Gerechtigkeitsanalysen überwiegend am Schulsystem. Für weiteres, sozialethisches Nachdenken ist auf dieser Grundlage eine stärkere Öffnung auf den internationalen Kontext bzw. auf außerschulische Bildungsangebote hin wünschenswert.

In der bereits fortgeschrittenen Fachdiskussion können zwei unterschiedlich ansetzende Reformanliegen konstatiert werden: einerseits mehr auf interne Veränderungen (Verbesserungen des bestehenden Schulsystems) abzielende Beiträge, andererseits Beiträge, die einen Strukturwandel (verpflichtende Vorschulbildung, Ganztagsschule,…) und geänderte Finanzierungsformen herbeisehnen.

Die einzelnen Plädoyers sind auf theoretischer Ebene reichhaltig diskutiert und reflektiert. Die bereits angedachten Umsetzungsvorschläge wären noch zu bündeln und in konkrete Strategien zu übersetzen.

Christine Gasser