Hermann-Josef Große Kracht, Christian Spieß (Hg.): Christentum und Solidarität. Bestandsaufnahmen zu Sozialethik und Religionssoziologie, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2008, 760 S., ISBN 978–3–506–76671–7
Der voluminöse Band ist aus Anlass des 65. Geburtstages des Münsteraner Professors für Christliche Sozialwissenschaften Karl Gabriel erschienen. Er versammelt insgesamt 37 Beiträge von Kollegen der Münsteraner Fakultät, von Mitarbeitern, Doktoranden und Habilitanden des Münsteraner Instituts, sowie von weiteren Sozialethikern und Religionssoziologen. Da im begrenzten Rahmen einer Rezension nicht auf alle Aufsätze eingegangen werden kann, werden im Folgenden einige in der subjektiven Sicht des Rezensenten besonders interessant erscheinende Beiträge hervorgehoben.
Die ersten sieben Beiträge sind dem Verhältnis von Christentum und Solidarität gewidmet. Bis auf den Beitrag des Paderborner Pastoraltheologen Herbert Haslinger stammen sie von Kollegen Gabriels aus der Münsteraner Fakultät. Bemerkenswert ist hier der Beitrag der Alttestamentlerin Marie-Therese Wacker, die die Amos-Interpretation des bekannten amerikanischen Sozialphilosophen Michael Walzer aufgreift und damit eine Brücken schlägt zwischen Exegese, Sozialphilosophie und Sozialethik. Für die Christliche Weltverantwortung in Deutschland gibt der Münsteraner Pastoraltheologe Udo Schmälzle Impulse, wenn er angesichts aktueller Sozialstaatsentwicklungen Überlegungen zu einer Erneuerung des diakonischen Auftrags der Pfarrgemeinden anstellt, die in der Vergangenheit vielfach diese kirchliche Grundfunktion an die professionelle Caritas delegiert hatten. Im Kontext einer stärkeren sozialräumlichen Orientierung Sozialer Arbeit tun sich hier neue Perspektiven in Verbindung von Gemeindepastoral und Diakonie auf. Haslinger ergänzt die diakonische Perspektive mit dem Hinweis auf „Solidarische Paradoxien“, die unausweichlich in der sozialen Praxis auftreten.
Der zweite Teil zum Verhältnis von Katholizismus und Moderne enthält wiederum sieben Beiträge. Bemerkenswert ist hier vor allem der Beitrag von Katja Winkler über den im Dezember 2008 verstorbenen amerikanischen Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington. Dabei greift sie nicht dessen bekannte Untersuchung zum Kampf der Kulturen, sondern eine frühere Schrift zur Demokratisierung auf. Huntington unterscheidet drei Wellen der Demokratisierung von Staaten, nämlich von 1828 bis 1926, von 1943 bis 1962 und nach 1974. Dazwischen liegen Gegenwellen (z. B. Nationalsozialismus bzw. Militärdiktaturen). Bemerkenswert ist, das Huntington die dritte Welle ab den 70er Jahren als katholische Welle bezeichnet, weil in dieser Zeit vor allem mehrheitlich katholische Länder (Portugal, Spanien, Lateinamerika, Philippinen, Polen usw.) zur Demokratie gefunden haben. Dies wird auch auf die Neuorientierung der Kirche durch das Zweite Vatikanische Konzil, vor allem auf die Pastoralkonstitution Gaudium et spes zurückgeführt.
Dem Verhältnis von Religion und Gesellschaft sind ebenfalls sieben Beiträge gewidmet. Dabei kommt die aktuelle Spannung in der religionssoziologischen Debatte zwischen der These einer Rückkehr der Religion im öffentlichen Leben und einer skeptischen Betrachtung, die zumindest für Westeuropa weiterhin eine anhaltende Säkularisierung konstatiert, in den beiden Beiträgen von José Casanova und Detlef Pollack exemplarisch zum Ausdruck. Casanova entwickelt in dem Beitrag seine bisherigen Überlegungen zur öffentlichen Religion weiter, während Pollack am Beispiel des Abendmahlsverständnisses im Protestantismus herausarbeitet, dass hier die offiziellen theologischen Positionen als Ausdruck einer Verflüchtigung des Glaubens immer diffuser werden. Casanova stellt in seinem Beitrag auch heraus, dass es Parallelen zwischen dem vorkonziliaren Katholizismus und dem gegenwärtigen Islam gibt. Schließlich wurde früher bezweifelt, dass Katholiken sich in eine moderne demokratische Gesellschaft auf menschenrechtlicher Grundlage einfinden könnten.
Zwei weitere Teile sind der Beziehung von Ethik und Politik gewidmet. Vier Beiträge behandeln grundsätzliche Abklärungen. Dabei geht der evangelische Münsteraner Sozialethiker Hans- Richard Reuter auf die Frage ein, wieweit sich die Gerechtigkeitssemantik in der evangelischen Sozialethik verschoben hat, indem Verteilungsgerechtigkeit gegenüber Teilhabe- und Befähigungsgerechtigkeit zurückgestellt wurde.
Sieben Beiträge behandeln dann konkrete politische Sachfragen. Hervorzuheben ist vor allem die kritische Auseinandersetzung mit dem Böckenförde-Theorem, das der moderne Staat von vorstaatlichen Voraussetzungen lebe, die er selbst nicht hervorbringen kann. Dieses immer wieder gerne unkritisch in kirchlichen Kreisen wiederholte Diktum, wird von Stephan Leibfried und Dieter Wolf überzeugend relativiert, wenn sie nachweisen, dass im überstaatlichen Bereich, etwa der Europäischen Union, diese vorstaatlichen Kohäsionskräfte nicht vorhanden sind, trotzdem aber eine immer stärker zusammenarbeitende Gemeinschaft sich herausgebildet hat, die durch funktionierende Institutionen zusammengehalten wird. Leibfried/Wolf verweisen zudem zutreffend darauf, dass bereits bei der deutschen Einheit nicht von identischen vorstaatlichen Grundlagen der politischen Ordnung Deutschlands ausgegangen werden konnte, die Bundesrepublik aber trotzdem durch das Grundgesetz und die Rechtsordnung zusammengehalten wird. Im Zeitalter der Globalisierung und des zunehmenden Bedarfs an internationaler bzw. globaler Kooperation würden ja gewichtige vorstaatliche Voraussetzungen eine gesellschaftliche Kooperation, die notwendige globale Institutionenbildung verunmöglichen. Das konservativ-katholische Staatsverständnis, für das etwa der Bonner Rechtswissenschaftler Josef Isensee steht, wird überzeugend kritisiert.
Im letzten Teil des Bandes zum Thema „Christentum und Solidarität“ sind neben den Beiträgen von Bischof Kamphaus und von Hans Joachim Meyer, dem Präsidenten des Zentralkomitees, die Beiträge von Arno Anzenbacher und Franz-Xaver Kaufmann hervorzuheben. Anzenbacher stellt drei zentrale Herausforderungen institutionalisierter Solidarität und ihre Schwierigkeiten heraus. Dies sind erstens die Problematik der gesellschaftlichen Integration wenig qualifi - zierter Arbeitskräfte in Industrieländern und die mögliche Entstehung einer sozialen Unterschicht, zweitens die fehlenden Voraussetzungen staatlicher Ordnung in Subsahara-Afrika als Grundbedingung von Entwicklung, die durch keine fremde Hilfe kompensiert werden kann, und drittens Solidaritätspflichten, die sich als Folge des globale Klimawandels ergeben könnten. Anzenbacher denkt dabei etwa an die Bevölkerung einer Reihe von Inselstaaten, die bei einem Anstieg der Meere Aufnahmeländer finden müssten. Ebenso gilt dies für Umweltflüchtlinge aus anderen Staaten, wenn sich dort die klimatischen Lebensbedingungen (Wüstenbildung, Trinkwasserknappheit, Stürme und Überflutungen) dauerhaft ändern. Abschließend legt der Doktorvater von Karl Gabriel, Franz Xaver Kaufmann, grundlegende Entwicklungstendenzen für das 21. Jahrhundert wie die globale Bevölkerungsentwicklung und seine Konsequenzen für das Christentum dar.
Nicht eingegangen wurde auf die Vielzahl der Beiträge zur Solidarität, die die Genese, die politische Relevanz, die verschiedenen Begriffsinhalte (Tugend, Rechtsprinzip), die theologische Begründung, die Bedeutung innerhalb der Christlichen Sozialethik auch in Abgrenzung zum Gerechtigkeitsdiskurs und zu anderen Sozialprinzipien, die Verbindung zu den Menschenrechten (sozial-kulturelle Rechte) thematisieren. Außerdem wird in weiteren Beiträgen anhand konkreter Anwendungsfelder (Migration, Gesundheitswesen, Soziale Dienste etc.) versucht, Solidarität konkret auszubuchstabieren.
Wenn man die Vielfalt der Artikel insgesamt in den Blick nimmt, fällt im Verhältnis der Tradition der Christlichen Gesellschaftslehre von Heinrich Pesch, Oswald v. Nell-Breuning und Joseph Höffner auf, dass nicht mehr die Breite der Sozialwissenschaften rezipiert wird, sondern dass die Ökonomie fast ganz ausfällt und auch dort, wo man sich ausdrücklich kritisch mit marktliberalen Tendenzen auseinandersetzt, keine explizite Beschäftigung mit ökonomischen Argumenten und korrespondierenden sozialphilosophischen Konzepten stattfindet, sondern stattdessen versucht wird, die eigene Position normativ stark zu untermauern (z. B. die Beiträge von Leipold, Schönfelder, Möhring-Hesse, Schäfers). Das in der Christlichen Sozialethik verbreitete Schema „Sehen-Urteilen-Handeln“ legt aber einen Empirie-Bezug vor dem normativen Urteil nahe, genauso wie beim „Handeln“ die Reflexion über die konkrete institutionelle Umsetzung der normativen Postulate unter den Bedingungen in einer global vernetzten ausdifferenzierten Gesellschaft Voraussetzung ist.
Manche Festschriften leiden darunter, dass die Beiträge sowohl inhaltlich wie qualitativ sehr heterogen sind, so dass ein durchschnittlicher Leser nur wenige Beiträge interessant findet und häufig den Kauf eines solchen Sammelbandes scheut. Den beiden Herausgebern darf man dazu gratulieren, dass es ihnen gelungen ist, eine so große Anzahl von qualifizierten Autoren/innen zu gewinnen, die in ganz überwiegender Zahl umfangreiche und gehaltvolle Beiträge beigesteuert haben. Jeder sozialethisch interessierte Leser kann dem Band eine Fülle von Anregungen auch zum Weiterdenken entnehmen.
Joachim Wiemeyer