Sackgassen der Wirtschaftsethik

Wilhelm Guggenberger: Die List der Dinge. Sackgassen der Wirtschaftsethik in einer funktional differenzierten Gesellschaft (Beiträge zur mimetischen Theorie, Bd. 22), Wien: Lit Verlag 2007, 465 S., ISBN 978–3–7000-0557–5 (Österreich), 978–3–8258–9937-0 (Deutschland)

In der vorliegenden Habilitationsschrift des Innsbrucker Dozenten für Christliche Gesellschaftslehre geht es zunächst um eine kritische Auseinandersetzung mit der Wirtschaftsethik von Karl Homann (München). Allerdings ist die Arbeit so angelegt, dass die Homannkritik einen umfassenderen Zusammenhang illustriert, der einerseits die aktuelle sozialwissenschaftliche Theoriebildung und andererseits die lebensweltliche Situation der Gesellschaft erörtert. In der Rekonstruktion dieses Zusammenhangs greift Guggenberger auf Thomas Hobbes, Adam Smith und Max Weber zurück und schildert seine gegenwartsrelevante Gestaltung, indem er sich besonders auf Niklas Luhmann, James Buchanan, Friedrich August von Hayek und Helmut Willke bezieht. An Homanns systemtheoretisch bedingtem Ökonomikkonzept soll gezeigt werden, wie sich Moral und damit Humanität tendenziell innerhalb der gesamten sozialen Interaktion in der Immanenz teilsystemischer Selbstreferenzen auflösen. Aus dieser „Sackgasse“ sucht Guggenberger einen Ausweg.

Die Arbeit, die nach einem Vorwort von Herwig Büchele eine Standortbestimmung und sechs Kapitel umfasst, lässt sich in zwei große Teile gliedern. Im ersten, der bis zum vierten Kapitel reicht, geht es im Kontext der Systemtheorie und ihrer Genese um die Darstellung und die (vor allem immanent-kritische) Erörterung der Wirtschaftsethik Homanns. Der zweite Teil, der die beiden letzten Kapitel umfasst, setzt sich kritisch mit dem Ausdifferenzierungsmodell als solchem und damit auch mit Homann auseinander und sucht Alternativen zu dessen sozialethisch fragwürdigen Konsequenzen.

Die Qualität der ersten vier Kapitel beeindruckt nicht in erster Linie durch neue Forschungsergebnisse; die erörterten Fragestellungen sind seit längerem Thema der einschlägigen Diskurse. Sie besteht vielmehr in der außerordentlich präzisen, differenzierten, systematisch dichten sowie sprachlich klaren Vermittlung, die sich durch souveräne Sach- und Literaturkenntnis auszeichnet. Die Lektüre ist nicht nur informativ, sondern auch spannend. Die Konstellation der funktional differenzierten Gesellschaft und deren theoretische Reflexion kommen in einer Weise zur Darstellung, die sowohl deren historische Genese als auch deren aktuelle Entfaltung originell erschließt. Die gediegene Auseinandersetzung mit Homann ist darin als Illustration und Konkretisierung eingebettet. Besonders hervorzuheben ist die vorzügliche Schilderung, wie sich Homanns politisch in der Rahmenordnung verortete Ethik in einer „Kaskade verschobener Verantwortung“ verflüchtigen muss, wenn die teilsystemische Selbstreferenz der Politik sowie jene der politikberatenden Wissenschaft letztlich von der gleichen Ökonomik egoistisch-rational codierter Kommunikation geprägt sind wie die der Wirtschaft (181–247). Dieser erste Teil der Arbeit ist eine ausgezeichnete und im gegebenen begrenzten Rahmen durchaus umfassende Einführung in diese so eminent aktuelle Fragestellung.

Die kritische Auseinandersetzung mit dem systemtheoretischen Selbstreferenzmodell rekurriert im fünften Kapitel auf die mimetische Theorie von René Girard. Die fächerübergreifende Bezugnahme auf diese Theorie ist seit einiger Zeit eine fastschulbildende Besonderheit der Innsbrucker Theologischen Fakultät. Guggenberger charakterisiert im Anschluss an Girard und andere Positionen die in der Autopoiese autonomer Teilsysteme gewissermaßen mechanisierte Gesellschaft als das Resultat einer Genese, die letztlich zurückverweist auf eine anthropologisch relevante, archaische, tiefenstrukturell angelegte und Gewalt erzeugende Konstellation. Das historische Bestreben der Kultur, die permanent drohende Gewalteskalationstrukturell einzudämmen, um wenigstens im Binnenbereich der Gesellschaft Pazifizierung zu ermöglichen, führte nach mehreren epochalen Strategien schließlich zur aktuellen ausdifferenzierten Systemgesellschaft. Guggenberger bestreitet nicht deren konfliktmindernde Potenz, fragt aber, ob der damit verbundene Humanitätsverlust, der sich in der systemischen Eliminierung der Ethik und im Entstehen eines personfremden Superorganismus zeigt, dafür nicht doch ein zu hoher Preis sei.

Im abschließenden sechsten Kapitel geht es um alternative Möglichkeiten, Ethik humanisierend in die selbstreferentiell ausdifferenzierte Gesellschaft und ihre Wirtschaft zu investieren. Guggenberger verweist zunächst auf das weite Feld der „unvollständigen Verträge“, das vielfältige Spielräume moralischer Gestaltung bietet. Dazu kommt das Initiieren kooperativen Verhaltens über die Strategie der Gegenseitigkeit hinaus durch sich einschlägig engagierende moralisch motivierte Gruppen. Dabei setzt die Bereitschaft zu einer kalkulierten Vorleistung, welche die egoistisch-rational bestimmte systemische Selbstreferenz durchbrechen möchte, eine Gesinnung voraus, die sich besonders durch das letztlich religiös fundierte „Konzept der Gabe“ charakterisieren lässt, das in der Gewissheit grundlegend unverdienten Beschenktseins gründet. Diese Logik der Gabe bzw. der Vorleistung bietet die Möglichkeit, sich in einer ökonomisch geprägten Welt gegen die scheinbaren Sachzwänge der Ökonomik zu stellen, sie zu unterlaufen und so Humanität ins Spiel zu bringen.

Zwei kritische Anmerkungen zu diesem wertvollen und engagiert geschriebenen Buch: (1) Vielleicht hätte der Autor sein Ethikverständnis etwas mehr differenzieren sollen; es bleibt ziemlich unklar. Man denke etwa an Peter Ulrich, der seiner integrativen Wirtschaftsethik einen differenzierten Ethikbegriff zugrunde legt. Vor allem: Wie ist die materiale Vermittlung des moralisch bzw. sozialethisch Gesollten methodisch zu denken? Der formale Transzendenzbezug (36–43) gibt darauf noch keine Antwort. (2) Homann verortet die Ethik in der politisch zu gestaltenden Rahmenordnung. Guggenberger zeigt brillant, wie sich die Ethik dort unter Homanns Voraussetzungen verflüchtigt, bestreitet aber nicht die Relevanz der Rahmenordnung. Warum geht er im sechsten Kapitel nicht auf die sozialethische Bedeutung der Rahmenordnung und der für sie verantwortlichen demokratischen Politik ein? Ist Humanisierung wirklich nur von kleinen Gruppen zu erwarten sowie von Leuten, die Spielräume unvollständiger Verträge moralisch füllen und gläubig vorleistend die Logik der Gabe praktizieren? Im aristotelischen Erbe der katholischen Soziallehre kommt der als moralisch relevante Praxis verstandenen Politik zentrale Bedeutung zu. Gerade die aktuelle Finanzkrise demonstriert deren Renaissance. Überlässt Guggenberger mit Homann die Politik der Ökonomik? Doch wohl nicht.

Arno Anzenbacher