Politik aus christlicher Verantwortung

Mariano Delgado/David Neuhold (Hg.): Politik aus christlicher Verantwortung. Ein Ländervergleich Österreich-Schweiz, Innsbruck: StudienVerlag 2008, 272 S., ISBN 978–3–7065–4549–5

Das Buch dokumentiert ein Symposium, das im Rahmen des Interdisziplinären Programms „Katholische Studien“ 2006 in Freiburg (CH) stattfand. Die Beiträge sind in Themenblöcke gegliedert: Einleitend skizziert Mariano Delgado (Freiburg) die politische und kirchliche Situation beider Länder im Blick auf das Generalthema, während David Neuhold (Freiburg) sie mittels einschlägiger statistischer Materialien vergleicht. In den folgenden Blöcken kommen jeweils Vertreter beider Länder zu Wort: Urs Andermatt (Freiburg) behandelt die Geschichte der Schweizer Christdemokraten, Ernst Hanisch (Salzburg) die des politischen Katholizismus in Österreich. Alfred Dubach (St. Gallen) und Leopold Neuhold (Graz) erörtern religionssoziologisch den religiösen und gesellschaftlichen Wandel der Länder. Hans Halter (Luzern) und Ingeborg Gabriel (Wien) gehen länderspezifisch der Frage nach, wie viel christliche Ethik die Politik vertrage. Im Anschluss an die Erwartungen, die Bischof Ivo Führer (St. Gallen) als kirchlicher Amtsträger gegenüber christlicher Politik darlegt, äußern sich die Politiker Urs Schwaller, Fraktionsvorsitzender der CVP, und der frühere Vizekanzler Josef Riegler (ÖVP). Die kommunikationswissenschaftliche Seite der Thematik beleuchten Rolf Weibel, früherer Redaktionsleiter der Schweizer Kirchenzeitung, und Thomas A. Bauer (Wien). Das Verhältnis von Religion und Politik wird zeitgeschichtlich bzw. politikwissenschaftlich von Franziska Metzger (Freiburg) und Wolfgang Mantel (Graz) erörtert.

Die Beiträge sind durchwegs gediegen, informativ, sorgfältig ausgearbeitet und gut lesbar. In mehreren Fällen bieten reichhaltige Anmerkungen die Möglichkeit, sich eingehender mit dem jeweiligen Thema zu beschäftigen. Dennoch erfüllt das Buch nur zum Teil die Erwartung, die Titel und Untertitel wecken. Es fehlt der eigentliche Vergleich, der länderspezifische Dinge aufeinander bezieht, um Gemeinsames und Unterschiedliches zu bedenken und zu bewerten. Sieht man von den beiden einleitenden Texten ab, stehen die in sich durchwegs wertvollen CH- und A-Beiträge zumeist völlig beziehungslos, gewissermaßen monologisch nebeneinander. Thematisch hätte man sich auch einen vergleichenden Blick auf aktuelle politische Inhalte gewünscht, etwa einen sozialethischen Vergleich der Sozialpolitik beider Länder, der auch die konkrete einschlägige Positionierung christlicher Parteien und Verbände kritisch aufzeigt, z. B. im Hinblick auf Gesundheitswesen, Altersversorgung, Arbeitslosigkeit, Migration oder Familie. Politik aus christlicher Verantwortung kreist ja nicht nur um Fristenlösung und Euthanasie.

Dieses Vergleichsdefizit wird dadurch verstärkt, dass einige, im Titel als landesspezifisch gekennzeichnete Beiträge ihr Thema so allgemein behandeln, dass sie den landesspezifischen Gesichtspunkt weitgehend ausblenden oder nur am Rande thematisieren. So erfährt man Gediegenes zu einer allgemeinen Theorie des religiösen und gesellschaftlichen Wandels, dabei aber sehr wenig über Österreich. Es findet sich eine gediegene allgemeine Kurzeinführung in die christliche Ethik mit einem überaus knappen Schweizbezug am Schluss, eine interessante allgemeine Erörterung des Verhältnisses von Religion und Politik, allerdings mit minimaler österreichischer Implementierung, eine gehaltvolle kommunikations- bzw. medientheoretische Erörterung mit wiederum eher peripheren Österreichaspekten.

Vermutlich gibt es nicht viele Wissenschaftler, welche die relevanten Gegebenheiten in den beiden kleinen Ländern so differenziert kennen, dass sie diese sowie die damit befasste Politik aus christlicher Verantwortung hinsichtlich spezieller Themen sozialethisch vergleichen können. Dabei wäre ein Vergleich der beiden, ihrem historischen Herkommen nach so verschiedenen Länder nicht nur für diese selbst reizvoll, interessant und lehrreich. Insofern könnte das in diesem Band dokumentierte Symposium ein verdienstvoller Beginn eines weiterführenden Forschungsdesiderats sein.

Arno Anzenbacher