Gøsta Esping-Andersen (avec Bruno Palier): Trois leçons sur l’État-providence, Paris: Le Seuil 2008, 135 Seiten, ISBN 978–2-02-097098–3 (EAN 978202-0970983)
Das europäische Sozialmodell ist seit den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Gegenstand zahlreicher Schriften politischer und wissenschaftlicher Natur. Dabei wird in großer Regelmäßigkeit auf die Arbeiten von Gøsta Esping-Andersen und insbesondere auf die 1990 vorgelegte Monographie „Three Worlds of Welfare Capitalism“ Bezug genommen1. Darin begründete der heute in Barcelona lehrende dänische Soziologe Esping-Andersen die Differenzierung von drei Modellen wohlfahrtsstaatlicher Organisation, die auch auf die Interpretation des europäischen Sozialmodells Anwendung fanden. Neben einem skandinavisch-sozialdemokratischen unterschied er einen angelsächsisch-liberalen und einen auf dem kontinentalen Europa beheimateten konservativ-korporatistischen Typus und variierte damit die von dem Franzosen Michel Albert entwickelte Alternative von rheinischem und angelsächsischem Kapitalismus. Gøsta Esping-Anderson, der in den Folgejahren zum gefragten Berater internationaler Organisationen wurde, hat nun im Frühjahr 2008 gemeinsam mit dem französischen Sozialwissenschaftler Bruno Palier unter dem Titel „Trois leçons sur l’État-providence“ einen politischen Essayband vorgelegt, in dem er sich die Aufgabe stellt, für das durch ökonomische Globalisierung und demographische Alterung besonders anfällige konservativ-korporatitische Modell eine Neuorientierung zu entwickeln. In seiner Einleitung stellt Bruno Palier die drei großen Herausforderungen vor, denen sich der Wohlfahrtsstaat des XXI. Jahrhunderts zu stellen habe. Diese seien die effektive Gleichstellung der Frauen, mehr Chancengleichheit für Kinder und die Lösung der Rentenfrage im Sinne größerer intra- und intergenerationeller Gerechtigkeit, und die von Esping-Andersen in drei Kapiteln angebotenen Orientierungen, der „gemeinsame neue Horizont für die Reform des Sozialschutzes“ in Europa.
Ausgangspunkt des ersten Kapitels ist der gewandelte Platz der Frauen in der Gesellschaft. Größere Autonomie der Frauen habe aber auch eine größere Instabilität der Paare und der Familien bewirkt mit negativen Konsequenzen besonders für Kinder und allein erziehende Eltern. Hier sei es Aufgabe des Staates gegenzusteuern, denn „die Familie (bleibe) eine Schlüsselinstitution der Gesellschaft und es müssten Politiken entwickelt werden, um sie zu unterstützen.“ Bevorzugte Instrumente sind dabei für Esping-Anderson Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Bereitstellung qualitativ hoch stehender Betreuungsangebote für Kinder sowie eine Feminisierung maskuliner Biographien, worunter eine stärkere Einbeziehung der Männer in Kinderbetreuung und Haushalt zu verstehen ist. Er unterstreicht weiterhin die Rolle von „katholischen und protestantischen Vereinen für die Bereitstellung sozialer Dienste in einigen Ländern“.
Im zweiten Kapitel geht es dann um Chancengleichheit für Kinder. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass es den modernen Sozialstaaten nicht gelungen ist, die Verbindung von sozialem Herkommen und den einem Kind offen stehenden Möglichkeiten zu kappen. Die kognitiven Möglichkeiten eines Kindes würden in der ersten Lebensphase festgelegt, deshalb sei es nötig, sich mehr für die Familien als die klassische Bildungspolitik zu interessieren. Ein hohes Bildungsniveau für möglichst breite Schichten sei aber die Voraussetzung für die künftige Finanzierbarkeit des Wohlfahrtsstaates. Die Frage von Esping-Andersen lautet dann: „Wie kann den Familien geholfen werden, mehr in ihre Kinder zu investieren?“ Seine Antwort besteht in einer Politik, die einen bezahlten Elternurlaub im ersten Lebensjahr des Kindes mit qualifizierten und bezahlbaren Betreuungseinrichtungen verbindet, um die Vorbereitung aller Kinder auf die Schule zu homogenisieren.
Die dritte ‚Lektion‘ ist „Altern und Fairness“ überschrieben. In ihr legt der Autor den Akzent auf die Feststellung, dass die Sicherheit der Renten von 2050 nicht allein von sicher nötigen Reformen der Alterssicherungssysteme abhänge, sondern mindestens ebenso von der Qualität, Quantität und Verteilung des Produktivvermögens. Hier sei für Europa erneut ein hoher allgemeiner Bildungsstand ausschlaggebend. Eine gute Rentenpolitik beginne bei den Babys und der Aufmerksamkeit und Zuwendung, die ihnen entgegen gebracht werden, so die plakative These.
Die Faszination des Essays ergibt sich für die der katholischen Sozialethik verbundenen Leser nicht so sehr in der Beschreibung der Herausforderungen für den modernen Wohlfahrtsstaat, sondern in den Antworten des profilierten Ratgebers sozialdemokratischer und sozialistischer Parteien in ganz Europa, die eigentlich nur eine Antwort sind. Sie lautet: Die beste Sozialpolitik von morgen ist intelligente Familienpolitik. Die Wiederentdeckung der Familie darf indessen nicht zur staatlichen Besetzung des geschützten Raums Familie werden. Darin liegt eine Gefahr, doch dass das Ende der Familie heute nicht mehr gefordert sondern gefürchtet wird, ist zunächst einmal eine gute Nachricht. Danach drängt sich die Frage auf, ob nicht ein vergleichbarer Konsens auch bei der Bewertung des Niedergangs der Ehe als eine auf Dauer angelegte und für Kinder offene Institution erzielt werden könnte.
Stefan Lunte
1 Zu Lebenslauf und Bibliographie von Esping-Andersen siehe seine persönliche Web-Seite: http://www.esping-andersen.com.