Gutes Leben durch die Wirtschaft?

Koller, Edeltraud: Gutes Leben durch die Wirtschaft? Eine theologisch-ethische Kritik der Dominanz der Ökonomie – dargestellt am Einfluss der Rede vom ‚ökonomischen Sachzwang’ auf die menschliche Orientierung und Sinnerfahrung (Schriftenreihe für Wirtschafts- und Unternehmensethik 19), München/Mering: Rainer Hampp Verlag 2008, 348 S., ISBN 978-3-86618-242-4

Das von der an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz tätigen Ökonomin und Theologin Koller verfasste Buch stellt die Druckfassung einer Dissertation für das Fach Moraltheo logie dar. Zentral wird darin auf sachkundige Art und Weise der Frage nach der Sinnstiftungs- und Orientierungsfunktion unseres gegenwärtigen Wirtschaftssystems nachgegangen. Das Paradigma, mit dem K. an die Analyse der Gesamtgesellschaft herangeht, ist die Luhmannsche Systemtheorie. Demgemäß kommt der Ökonomie als Teilsystem die soziale Funktion der Bedürfnisbefriedigung unter Bedingungen der Knappheit zu. Abweichend von Luhmann legt die Autorin aber großen Wert auf die Unterscheidung zwischen manifesten und latenten Funktionen. Es ist nun durchaus als latente Funktion der Wirtschaft zu erkennen, zur Bewältigung von Kontingenz durch Orientierungs- und Sinnstiftungsleistungen beizutragen. Das bedeutet, dass Wirtschaft ihre zunächst systemimmanenten Werte in andere Lebensbereiche exportiert. Die Frage, warum dies gerade der Wirtschaft in so umfassendem Maße gelingt, hätte m. E. einer etwas fundierteren Klärung bedurft. Jedenfalls erlangen ökonomische Kategorien und Gesetzmäßigkeiten eine Bedeutung für das Leben der Menschen, die ihnen eigentlich nicht zukommt oder zukommen sollte. K. geht also nicht so weit, zu sagen, kapitalistische Marktwirtschaft sei eine Religion, wohl aber zeigt sie, dass Wirtschaft religiöse Funktionselemente enthält. Daraus ergibt sich eine Art ökonomischer Imperialismus, bei dem allerdings entscheidend ist, “dass nicht nur die Wirtschaft als Gesamtsystem als vorherrschend zu betrachten ist, sondern insbesondere die ökonomische Rationalität als dominierendes Denkmodell zu gelten hat” (122). Diese Rationalität zeigt sich etwa in der Verallgemeinerung von Werten wie Flexibilität, Ungebundenheit, Risikobereitschaft und Effizienz. Auf über 60 Seiten expliziert die Autorin diesen Gedanken nun am Beispiel des ökonomischen Sachzwangs, der gleichsam als universalisierte Zweckrationalität der Ökonomie zu verstehen ist und als soziale Realität wirkt; unabhängig davon, ob nun ein sachlicher Zwang vorliegt oder nicht. Die Logik bzw. erkenntnistheoretische Berechtigung der Rede von Sachzwängen analysiert die Autorin mit Hilfe der Unterscheidung zwischen Erster- und Dritter-Person-Perspektive. Das führt sie zum Ergebnis, dass aus der Dritten-Person-Perspektive und gleichsam retrospektiv von Zwängen im Sinne einer Gesetzmäßigkeit gesprochen werden kann, dass die Erste-Person-Perspektive, insbesondere wenn es um den planenden Blick in die Zukunft geht, hingegen immer auch Freiheit der Entscheidung zu erkennen vermag. Damit wird dem Argument einer determinierenden ökonomischen Logik die Spitze gebrochen und festgehalten, dass der Sachzwang weniger von der Sache der Wirtschaft selbst ausgeht, „als vielmehr vom sozialen Konsens, die ökonomische Rationalität als dominierend anzusehen” (161), wodurch diese als Begründungsmodell für Entscheidungen und als Immunisierungsstrategie tauglich wird. Dem kann m. E. nur zugestimmt werden. Ob die Argumentationsfigur der unterschiedlichen Perspektiven hier aber das überzeugendste Instrumentarium darstellt, ist für mich ein wenig fraglich. Denn einerseits schränkt gerade der soziale Konsens die subjektiv wahrgenommene Freiheit immer wieder ein, andererseits kommt aufgrund der gewählten Begrifflichkeit die für sittliche Entscheidungsfindung so zentrale Zweite-Person- Perspektive des mich in Anspruch nehmenden personalen Gegenübers nur ganz am Rande zur Sprache. Dort wo K. explizit christlichen Glauben und Theologie in die Debatte einbringt, bezieht sie sich zunächst stark auf die autonome Moral Alfons Auers, um die Stellung der Offenbarung im ethischen Diskurs zu klären. Mir scheint allerdings, dass sie – wie übrigens auch Auer selbst – letztlich mehr denn Kritik, Motivation und Integration aus der biblischen Botschaft zu schöpfen vermag. Dies zeigt sich an biblischen Motiven wie Sabbatgebot, Gütergemeinschaft der christlichen Urgemeinde oder Speisungen des Volkes im Alten wie im Neuen Testament. Der Wechsel etwa von einem Konzept der Konkurrenz fordernden und fördernden Knappheit zu einem Konzept grundsätzlicher Fülle, das Teilen ermöglicht, setzt eine konkrete Welt- und Gotteserfahrung voraus, die die Eigenlogik des ökonomischen Systems mit einem eigenständigen materialethischen Element konfrontiert. K. gewinnt aus den genannten biblischen Motiven denn auch durchaus inhaltliche Impulse für eine Wirtschaftsethik, die ihren gemeinsamen Nenner darin haben, dass Transzendenzorientierung des Menschen eine Verabsolutierung der Ökonomie und ihrer Logik verunmöglicht und vor dieser bewahrt. Denn nur „eine Existenz, die sich nicht rein innerweltlich definiert, bildet eine sichere Basis dafür, die Paradigmatisierung der Gesellschaft und des eigenen Lebens durch die ökonomische Vernunft im praktischen Lebensvollzug als begrenzte Orientierung betrachten zu können” (276). Wenngleich ich persönlich im Hinblick auf einzelne Argumentationsfiguren oder auch Referenzautoren eine andere Wahl getroffen hätte, stellt das Buch in seiner Gesamtheit einen überaus klaren und lesenswerten Text dar, der in der Auseinandersetzung um das Thema einer unausweichlichen und uns keine andere Wahl lassenden ökonomischen Logik durchaus hilfreich sein kann. Wir haben es hier also mit einer zweifellos überdurchschnittlichen Dissertationsschrift zu tun, die Rezeption verdient.

Wilhelm Guggenberger