Religion heute

Karl Gabriel, Hans-Joachim Höhn (Hg.): Religion heute – öffentlich und politisch. Provokationen, Kontroversen, Perspektiven. Paderborn: Schöningh 2008, 193 S., ISBN 978–3–506–76462–1

Der vorliegende Sammelband reflektiert die Bedeutung der „Wiederkehr der Religion“ für die Religionsforschung, interessiert sich für den aktuellen politischen Einfluss von „Religion“ und fragt nach einem angemessenen Begriff ihrer Öffentlichkeit. Einige Beiträge des Buches wurden auf der Jahrestagung 2007 der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Sozialethik in Berlin vorgetragen.

Auslöser für die aktuell stark diskutierten Forschungsfragen ist der Verdacht, dass die Welt in ein Zeitalter eintritt oder eingetreten ist, in dem Religion wieder eine wichtige Rolle spielt. Kultur und Gesellschaft (mit dem Säkularisierungstheorem) als „nachreligiös“ zu bezeichnen, scheint viele wichtige Phänomene heute nicht mehr adäquat beschreiben zu können. Stattdessen verspricht ein Verständnis des Gesellschaftlichen als „postsäkulare“ Konstellation einiges Mehr an analytischer Kraft. Diese Zunahme der gesellschaftlichen Relevanz des Religiösen steht aber in mehrerer Hinsicht zur Debatte: Kann diese Beobachtung überhaupt empirisch nachvollzogen werden? Welches Religionsverständnis liegt dieser Analyse zu Grunde? Kann man überhaupt von einer „Wiederkehr“ des Religiösen sprechen, oder kommt das, was durch die Säkularisierung zurückgedrängt wurde, als etwas anderes wieder? Und schließlich: Welche Herausforderungen sind damit eigentlich für die Theologie und näher hin für eine Christliche Sozialethik und ihre politisch-ethischen Bemühungen verbunden?

Zwei unterschiedliche Zugänge zum Thema können im Blick auf die Beiträge identifiziert werden: Der Band enthält einige eher sozialethische Texte, die meist religionspolitische Herausforderungen thematisieren und daneben versammelt er eher deskriptive oder theoretische religionssoziologische Beiträge.

Zwar ist die Grenze nicht immer ganz klar zu ziehen, aber zur ersten Gruppe können gezählt werden die Beiträge von Christa Schnabl (Zusammenhang von Religion, Öffentlichkeit und Geschlechterordnung und ihrer politisch-ethischen Relevanz), Christoph Lienkamp (religionspolitische Analyse und philosophisch-theologische Kritik zivilreligiöser Erinnerungspolitik), Hermann- Josef Große Kracht (zum Problem der Religionsfreundlichkeit moderner Verfassungsstaaten), Hans-Joachim Höhn (zum Zusammenhang von Religion, Gesellschaft und Staat am Beispiel der Anerkennungskämpfe zwischen Muslimen und Christen), Daniel Bogner (zur Rolle von Kirche und Sozialethik innerhalb eines zivilgesellschaftlichen Rahmens) und Georg M. Kleemann (zu Potentialen öffentlicher Kirchen und öffentlicher Theologie).

Zur zweiten Gruppe können gezählt werden die Beiträge von Detlef Pollack (zu den Konsequenzen der religiösen Pluralisierung und einer quantitativ-empirischen Verteidigung der Säkularisierungsthese), Hans-Joachim Höhn (zur Frage, als was Religion in der Moderne wiederkehrt, wie das theoretisch zu erfassen ist und wie sich die Theologie dazu verhalten kann), Karl Gabriel (zur Analyse der Religion im öffentlichen Raum und ihrer verschiedenen Formen), Christel Gärtner (zur Rückkehr der Religion in die politische und mediale Öffentlichkeit), und Matthias Koenig (religionspolitische Konflikte im Kontext des langfristigen Formwandels von Nationalstaatlichkeit).

Was können Leserinnen und Leser von dem Sammelband erwarten und was nicht? Sie können von dem Sammelband vielgestaltige, intensive, sorgfältig erstellte und zumeist sehr anregende Analysen zum Themenbereich der Religionsforschung und der öffentlichen und politischen Bedeutung von Religion in heutiger Zeit erwarten. Zum Teil haben Soziologen und Theologen Beiträge verfasst, die auf diesem Forschungsgebiet ausgezeichnet ausgewiesen und etabliert sind. Ergänzt werden diese Texte durch Beiträge jüngerer Kolleginnen und Kollegen, die nicht minder lesenswert sind. Insofern findet das Buch einen guten Platz in religionssoziologischen Abteilungen sozialwissenschaftlicher und theologischer Bibliotheken.

Nicht erwarten können Leserinnen und Leser, dass Sie eine Einführung in die Thematik erhalten oder ihnen der Sammelband einen leichten Einstieg in die aktuelle Frage nach der Wiederkehr der Religionen bietet. Dafür setzen die meisten Beiträge zu viel inhaltliches und methodisches Wissen zum Verständnis voraus. Das Buch leistet selbst auch wenig, um den Zugang zu erleichtern: Eine wenigstens kurze einleitende Verortung der einzelnen Beiträge in die laufenden Debatten, eine Erläuterung der Verhältnisse der Texte zueinander oder eine Begründung ihrer Abfolge durch die Herausgeber fehlt – das Vorwort skizziert nur sehr knapp die aktuellen zentralen Fragestellungen des Forschungsbereichs.

Alexander Filipovic