Ökumenische Sozialethik

Ingeborg Gabriel, Franz Gassner (Hg.): Solidarität und Gerechtigkeit. Ökumenische Perspektiven, Ostfildern: Matthias-Grünewald 2007, 280 S., ISBN 978–3–7867–2651–7

Ingeborg Gabriel, Alexandros K. Papaderos, Ulrich H. J. Körtner: Perspektiven Ökumenischer Sozialethik. Der Auftrag der Kirchen im größeren Europa, Mainz: Matthias-Grünewald 22006, 337 S., ISBN 978–3–7867–2568–8

Der europäische Einigungsprozess drängt die Vertreter der evangelischen, katholischen und orthodoxen Sozialethik zum Dialog. Ingeborg Gabriel hat das Projekt „Sozialethik aus ökumenischer Perspektive“ an der Katholischen Fakultät der Universität Wien vorgestellt und die wichtigsten Herausforderungen und Perspektiven dieses Unternehmens skizziert (Amosinternational 2008, Heft 2). Hier sollen die beiden von ihr (mit)herausgegebenen Bände zum Thema vorgestellt und einige ergänzende Anmerkungen zu diesem Projekt angebracht werden.

Der europäische Einigungsprozess fordert die Kirchen heraus, ihren Öffentlichkeitsauftrag gemeinsam wahrzunehmen. Dieser Auftrag betrifft das Verhältnis der Kirchen zu den europäischen Institutionen wie auch der Kirchen und Religionsgemeinschaften zueinander. Im Zentrum stehen dabei die christliche Sozialethik und deren kirchlich-konfessionelle Besonderheiten. Induziert wurde diese Entwicklung durch den Fall des Eisernen Vorhangs 1989/90.

Bemerkenswert ist, dass mit der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROK) 2000 erstmals eine autokephale orthodoxe Kirche in der Moderne auf aktuelle religiös-politische Herausforderungen reagierte und eine sozialethische Konzeption vorlegte. Nicht zuletzt die Verbreitung der „Sozialdoktrin“ im deutschen Sprachraum1 führte zu regen Dialogen der ROK mit verschiedenen Gruppierungen und kirchlichen Gremien in Deutschland und Österreich.2

So knüpft das von Ingeborg Gabriel initiierte Projekt einer ökumenischen Sozialethik an den frühen Tagungen und Dokumentationen zur Sozialkonzeption der ROK an, führt jedoch weit über diese Fragestellungen hinaus. Der Dialog zwischen orthodoxen, katholischen und evangelischen Vertretern wird nunmehr im Rahmen der Fachdisziplin christliche Sozialethik institutionalisiert, und katholische, evangelische und orthodoxe Theologen, Sozialethiker, Historiker und Sozialwissenschaftler werden unter dem Arbeitstitel Ökumenische Sozialethik zusammengeführt.

Den Anfang dieses Projekts, das auch sozialethische Forschungsarbeiten wie Dissertationen, Diplom- und Magisterarbeiten umfasst, macht die Edition Perspektiven ökumenischer Sozialethik. Der Auftrag der Kirchen im größeren Europa. Wie der Untertitel ausweist wird dabei der Beitrag der Christen zur politischen und sozialen Gestaltung der EU und der einzelnen nationalen Gemeinwesen konstruktiv aufgegriffen. Das bedeutet, dass die Christen bzw. die christlichen Kirchen, die die größten Gruppen sozialer und politischer Akteure in Europa darstellen, für das Gelingen der Integrationsprozesse von zentraler Bedeutung sind. Die christliche Sozialethik gewinnt damit nicht nur in akademischer Hinsicht, sondern auch als praktisch-ethische Leitlinie politisch-gesellschaftlicher Orientierung und Programmatik verstärkt an Bedeutung. Eine besondere Herausforderung der christlichen Sozialethik ist und bleibt der unhintergehbare Charakter des modernen politischen Gemeinwesens, das heißt dessen Pluralität und weltanschauliche Neutralität.

Die Sozialethik der Westkirchen hat nicht zuletzt aufgrund ihrer besonderen religionspolitischen und religionsrechtlichen Entwicklungen (Investiturstreit, Kirche-Staat-Konfl ikte, Konkurrenz verschiedener christlicher Kirchen und Bekenntnisse, Religionskriege, verfassungsmäßige Sicherung des Menschenrechts der Religions- und Gewissensfreiheit u. a.) einen gewissen „Vorsprung“ gegenüber der Orthodoxie. Diese hat nicht nur eine andere Entwicklung des Verhältnisses von Kirche und Staat, Religion und Politik genommen, sondern deren national-kirchlichen Besonderheiten sind nicht zuletzt dadurch gekennzeichnet, dass die fremde Religion in der Form des Islam über Jahrhunderte als Bedrohung des orthodoxen Glaubens und der in ihm geeinten nationalen Staatlichkeit und Kultur empfunden wurde. Diese Historie wirkt sich auch auf das Verhältnis zum Westen aus.

Die Verfasser bemerken in ihrer Einleitung: „Von Seiten der Ostkirchen hingegen ist das Bild des Westens vielfach negativ geprägt. Die Eroberung Konstantinopels durch den Islam (1453) und seine frühere Unterwerfung im Zuge des Vierten Kreuzzugs (1204) durch die Lateiner stellen bis heute – im Westen weitgehend vergessen – traumatische kollektive Erinnerungen dar. Die hegemoniale Stellung der westeuropäischen Kultur in den letzten Jahrhunderten hat dieses Misstrauen weiter vertieft.“ Eine der Folgen ist, dass für die Orthodoxie auch die Menschenrechte als Ausfluss säkularer bzw. säkularistischer Kultur gelten und damit einen widerchristlichen Charakter annehmen. Bekanntlich hatten aber auch die Westkirchen ihre Probleme mit der liberalen demokratisch-rechtsstaatlichen Verfassung.

In dem Band werden die sozialethischen Konzeptionen der Orthodoxie, des Katholizismus und des Protestantismus zusammen dargestellt. Das regt zum Vergleich an, wobei sich zeigt, wie vielfältig doch die Sozialethik auch innerhalb der einzelnen Kirchen ist. Das gilt weniger für die Orthodoxie, die von der biblischen Lehre und vor allem von der Tradition lebt (bei A. K. Papaderos: Hohelied der Liebe, soziales Ethos der alten Kirche, Liturgie und Diakonie, Kirche und Staat aus neugriechischer Erfahrung). In I. Gabriels Abhandlung der katholischen Sozialethik werden ebenfalls die biblisch-theologischen Grundlagen offen gelegt. Die theologisch, philosophisch und historisch bedingten Differenzierungen sozialethischen Argumentierens des Katholizismus werden über das II. Vatikanum hinaus bis in die Gegenwart skizziert. Der bis in die 1960er Jahre bestimmende (neu-)scholastische Argumentationsstil ist seither einer Vielfalt von Ansätzen gewichen, die im Anschluss an die Leitprinzipien (Person bzw. Personalität, Gemeinwohl und Toleranz, Solidarität, Subsidiarität, Nachhaltigkeit und Versöhnung) in einem Methodenkapitel systematisch entfaltet werden. Kurz dargestellt werden dabei die Bereiche Naturrecht – Menschenrechte – Diskursethik sowie Politische Theologie – Befreiungstheologie – Glaubensethik, ferner das Verhältnis von Sozialethik und Caritas. Und auch U. H. J. Körtner zeigt die Charakteristika protestantischer bzw. evangelischer Sozialethik vor dem Hintergrund biblischer und historischer Grundlagen auf, zu der die lutherische und calvinistische Ausprägung sowie das Täufertum mit ihm nahestehenden Richtungen zählt. Während im Luthertum überwiegend die Lehre von den Schöpfungsordnungen (lutherische Ordnungstheologie) und die sogenannte Zwei-Reiche-Lehre verbreitet sind, ist die von dem reformierten Theologen Karl Barth geprägte Lehre von der Königsherrschaft Christi primär christologisch orientiert: Christus ist das Zentrum der Christengemeinde, um die herum sich in konzentrischen Kreisen die Bürgergemeine formiert.

In dem Band Solidarität und Gerechtigkeit. Ökumenische Perspektiven werden die ökumenischen Perspektiven sozialethischer Forschung vor allem im Hinblick auf Fragestellungen bezogen, die mit den Transformationsproblemen und der EU-Erweiterung in Zusammenhang stehen. Wichtige Themen sind u. a. die Entwicklung der Sozialtheologie in Rumänien, die Probleme der serbischen Orthodoxie, die sozialethischen Fragen infolge kommunistischer Herrschaft im heutigen Rumänien sowie die Frage der angemessenen Bewertung von Kollektivität und Individuum.

In den sozialethischen Analysen beider Bände spiegeln sich anschaulich die Konvergenzen und Divergenzen säkular-kultureller und sozialethischer Fragestellungen. Die interkonfessionelle sozialethische Forschung greift damit Fragestellungen auf, die dem in den letzten Jahren und Jahrzehnten deutlich belebten Arbeitsbereich Religion und Politik zuzurechnen sind.

Die genannten Untersuchungen fordern Sozialethiker, Theologen, Religionspädagogen und Sozialwissenschaftler dazu heraus, verschiedene Wege christlichen sozialethischen Denkens und Forschens kennen zu lernen und sich durch die vergleichende Analyse der Grundlagen, Entwicklung und Charaktereigenschaften zugleich auch unseres eigenen ethischen Diskurses stärker bewusst zu werden.

Rudolf Uertz

1 Vgl. Josef Thesing, Rudolf Uertz (Hg.): Die Grundlagen der Sozialdoktrin der Russisch- Orthodoxen Kirche. Deutsche Übersetzung mit Einführung und Kommentar, Sankt Augustin 2001.

2 Vgl. Rudolf Uertz, Lars Peter Schmidt: Beginn einer neuen Ära? Die Sozialdoktrin der Russisch-Orthodoxen Kirche vom August 2000 im interkulturellen Dialog, Moskau 2004.