Bernhard Laux: Exzentrische Sozialethik. Zur Präsenz und Wirksamkeit christlichen Glaubens in der modernen Gesellschaft, Münster: Lit. 2007, 264 S., ISBN 978–3–8258–9257–9
Bernhard Laux hat seinem Buch einen auffallenden Titel gegeben. Das ist ein Vor- und ein Nachteil zugleich: Der Vorteil besteht darin, dass der Titel Aufmerksamkeit erzeugt: Was ist damit gemeint? Der Nachteil besteht darin, dass der Autor gleich mit dem ersten Satz dem Missverständnis vorbeugen muss, der Autor sei ein Exzentriker (11). Von der Sache her geht es Laux darum zu zeigen, dass die Identität des Christentums und der christlichen Sozialethik in einer „Option für die Anderen“ (233) besteht, in der Integration einer Außenperspektive, die den Anderen (Andersdenkenden, Andersartigen, Marginalisierten) gerecht wird. Genau darin besteht die „exzentrische“ Struktur christlicher Sozialethik: „Sie kann nur bei sich sein, indem sie ‚außer sich‘ ist“ (17; vgl. 239). Damit hat Laux, wie Gerhard Kruip treffend anmerkt, „die Not der Verdrängung christlicher Ethik aus den Zentren von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur gewissermaßen zur Tugend [ge]macht“ (Herder Korrespondenz S. 1/2008).
Laux konzipiert seine These von der „Exzentrik“ christlicher Sozialethik in einem außerordentlich plausiblen Argumentationsgang: Ein erster Schritt (Kap. 2) hebt darauf ab, dass eine rein theoretische (kognitive) Vernunftbegründung für eine tatsächlich gelebte Moral nicht ausreicht, sondern dass es in der Alltagspraxis vielmehr „lebensweltlicher Einbettungen“ (S. 68) in umfassende (z. B. religiöse) Weltsichten bedarf, die auch eine Antwort auf die Geltungsund Sinnfragen der Menschen (Warum und wozu moralisch sein?) bereithalten. Im zweiten Schritt (Kap. 3) erhebt Laux die diesbezüglich relevante empirische Lage der Religion in modernen pluralistischen und schon von daher durch die Dimension des „Anderen“ gekennzeichneten Gesellschaften. Dass es gerade der „Sinn- und Motivationshintergrund“ (S. 175) des Christentums ist, der als inhaltlich umfassende „Lebensform“ (S. 173) die „exzentrische“ Perspektive einer formalen Gerechtigkeit gegenüber den „Anderen“ stützt, wird im dritten Schritt (Kap. 4) verdeutlicht. Die systematischen Konsequenzen zieht dann der vierte Schritt (Kap. 5): Eine christliche Sozialethik kann nur dadurch mit sich identisch sein, dass sie die „Option für die Anderen“ praktiziert.
Das Buch von Laux ist konzeptionell angelegt und liefert in diesem Sinn einen immer gut nachvollziehbaren und auch anregenden Argumentationsgang. Dabei werden nicht nur sozialethische, sondern auch in interdisziplinärer Weise philosophische Ethiken konsultiert (vor allem die Diskursethik von Habermas), ökonomischer orientierte (z. B. utilitaristische) Ansätze sowie konkretere Anwendungsfragen bleiben hingegen weitgehend außen vor (allerdings thematisiert das 5. Kap. als Beispiel die „Ehe und andere Lebensformen“). Es handelt sich bei diesem Buch eben um eine Begründungstheorie christlicher Sozialethik.
Abschließend eine kritische Anfrage: Meines Erachtens lässt sich die Unterscheidung zwischen der kognitiven Geltungsfrage einer autonomen Vernunftbegründung von Moral (Gerechtigkeit) einerseits und den (möglicherweise religiösen) Sinnfragen einer lebensweltlich praktischen Einbettung der Gerechtigkeitsmoral andererseits so nicht aufrecht erhalten. Denn das „Faktum einer vernünftigen Pluralität“ umfassender Lehren eines guten Lebens (John Rawls) birgt schon auf der Seite kognitiver Geltungsfragen gravierende normative Konflikte. Exemplarisch verweise ich auf die Unterschiedlichkeit der Antworten, die die diversen Ethikkonzeptionen auf die Solidaritätsfrage geben, wer eigentlich zur Solidaritätsgemeinschaft der Menschen in einer modernen Gesellschaft gehört, in Rawls’scher Terminologie formuliert: wer eigentlich Partei im Urzustand ist. Rawls selbst erklärt hierzu, seine Gerechtigkeitstheorie gelte nur für einen „Bereich des Normalen“, d. h. für „volle und aktive Gesellschaftsmitglieder“ (Politischer Liberalismus 384, vgl. 93). Damit fokussiert Rawls – ähnlich wie auch James Buchanan oder Karl Homann – eine Ethik-Konzeption, die auf Kooperation(serträge) abzielt. An dieser Stelle tritt aber nun doch ein normativer Konflikt schon in den Grundlagen einer kognitiven Moralbegründung auf, da es dem Christian Point of View nicht nur um Kooperationsrenditen, sondern um die Identität des Zusammenlebens (Solidaritätsdimension aller Menschen) geht.
Michael Schramm