Wenn Kirche aufs Ganze geht (kat holos) und ihre Friedensbotschaft allen Menschen der bewohnten Welt gilt (oikumene), kann sie sich nicht mit dem partikularen internen Betriebsfrieden begnügen; denn sie ist Teil der von Gewalt und Terror gezeichneten Welt. Insofern Kirche sich zugleich als „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (Lumen Gentium 1) versteht, ist es nicht in ihr Belieben gestellt, ob und inwieweit sie sich für Frieden und Versöhnung einsetzt: Sie ist ihrem Wesen nach Brücke, und ihr Dienst ist konstitutiv der des Brückenschlags – überall dort, wo Verbindungen abgebrochen sind, wo alte oder neue Gräben aufbrechen und Gegensätze unüberbrückbar scheinen. Christen stehen unter dem Auftrag, sich mit ganzer Kraft dafür einzusetzen, dass „Versöhnung den Streit beendet und Rache der Vergebung weicht“, dass „Gegner sich die Hände reichen und Völker einen Weg zu einander finden“ (Versöhnungshochgebet). Nur gegenseitiger Respekt und gegenseitiges Ernstnehmen, das Mühen um ehrlichen Dialog, der entschiedene Einsatz für Gerechtigkeit und fairen Ausgleich von Interessen schaffen letztlich dauerhaften Frieden. Ideen, Konzepte, Strategien werden dazu gebraucht – und viel Überzeugungsarbeit und nicht minder Beziehungsarbeit, verbunden mit einem gehörigen Maß an Gottvertrauen, gerade auch bei Rückschlägen und Enttäuschungen. Insofern ist Friedensethik alles andere als eine Nebengleis kirchlicher Sozialethik oder eine Spiel wiese für Sozialromantiker; sie ist ein ebenso schwieriges wie viel versprechendes Arbeitsfeld für Idealisten und Realisten.
Sind im Zuge der Terrorismusbekämpfung und der Gefahrenabwehr die diversen internationalen militärischen Einsätzen wie auch die Einschränkung von Bürgerrechten im Innern per se gerechtfertigt? Diese komplexe Situation fordert sowohl die christliche Sozialethik als auch das kirchliche Handeln von neuem heraus. Auf aktuelle Kriegsgefahren und Möglichkeiten, Frieden zu sichern, geht der einleitende Beitrag von Hajo Schmidt ein. – Dass Religion als solche dabei weder grundsätzlich zerstörerisch noch prinzipiell friedfertig ist, macht Heinz-Günther Stobbe im Rückgriff auf die Religionsgeschichte wie auf die aktuelle Debatte deutlich. – Die Europaabgeordnete und Sicherheitsexpertin Angelika Beer erläutert im Interview die Konturen europäischer Konzepte zur Sicherheitspolitik und Friedensarbeit, die ausdrücklich militärische Interventionen zum Schutz der Menschen und der Menschenrechte nicht ausschließen. – Der Ruf nach solchen wird vor allem dann laut, wenn gravierende Menschenrechtsverletzungen, im hartem Kontrast zum menschenverachtenden Verhalten der entsprechenden staatlichen Regime stehen; man denke nur an die Bilder der Not leidenden Bevölkerung in Birma, Simbabwe oder Somalia. Wenn die Diplomatie versagt, erscheint vielen der militärische Eingriff von außen als einziger Ausweg. Doch steht dem das Gebot der Nicht-Einmischung und der Achtung der Souveränität selbständiger Nationalstaaten entgegen. Der Beitrag von Michael Haspel zeigt auf, welchen normativen Prinzipien und Kriterien eine militärische Intervention zu humanitären Zwecken genügen muss. – Doch ist schließlich, etwa im Blick auf den Irak, ganz grundsätzlich zu fragen, ob internationale Interventionen überhaupt zum Ziel führen. Die Leidensgeschichte des irakischen Volkes scheint auch Jahre nach der amerikanischen Intervention kein Ende zu finden, und die Befriedung und der Wiederaufbau Afghanistans treten nach wie vor auf der Stelle. Katja Mielke und Conrad Schetter analysieren am Beispiel Afghanistans, warum der angezielte Staatsaufbau bislang scheitern musste.
Mit dem vorliegenden Heft beginnt Amosinternational zudem eine neue Reihe von Länderberichten, die sich mit der Bedeutung und dem Einfluss der christlichen Sozialethik in Ost- und Mitteleuropa befasst: ein Brückenschlag zwischen Ost und West auf einem bislang weithin unbekannten Terrain.
Brücken für den Frieden: Wo Terror und Schrecken, Ungerechtigkeit und Gewalt immer bedrohlichere Ausmaße annehmen, im Kleinen wie im Weltmaßstab, da ist es mit der flüchtigen Erscheinung von Friedenstauben allein nicht getan. Da sind der Einsatz für geistig-moralische Erneuerung und das Ringen um intelligente Lösungen ebenso geboten wie das handgreifliche Engagement, um Konflikte zu entschärfen und den Ausbruch von Gewalt zu verhindern, um Perspektiven der Versöhnung zu erarbeiten. Da braucht es Organisationen und Institutionen, die Brücken bauen, und Menschen, die den Mut und die Geduld aufbringen, sie zu begehen und mit Leben zu erfüllen. Die Fundamente dafür sind jedenfalls schon gelegt.