Unternehmensethik

Stephan Wirz: Erfolg und Moral in der Unternehmensführung. Eine ethische Orientierung im Umgang mit Managementtrends (Moderne Kulturen Relationen 9), Frankfurt am Main: Peter Lang Verlag 2007, 297 S., ISBN 978–3–631–56371–7. (Habilitationsschrift Theologische Fakultät Universität Luzern)

Der Markt für Managementkonzepte scheint nahezu unerschöpflich. Ihre jeweilige „Halbwertzeit“ ist allerdings meist auf wenige Jahre begrenzt. Und doch verbindet sich damit stets die Hoffnung und häufig auch der Anspruch, einen unternehmerischen Königsweg gefunden und in formalisierten Gesetzmäßigkeiten erfasst zu haben. Stephan Wirz hat in seiner Zeit bei einem großen internationalen Industrieunternehmen miterlebt, wie verschiedene Managementtrends Niederschlag im konkreten Unternehmensalltag fanden. Diese berufliche Erfahrung und die dabei erlebten Defizite haben ihn zu einer systematischen Analyse von Managementtrends bewogen. Sein wissenschaftliches Interesse besteht dabei darin

  • „erstens, die ethischen Implikationen exemplarischer Managementkonzepte im Hinblick auf die Beziehungsfelder Unternehmen – Mitarbeiter und Unternehmen – Gesellschaft zu analysieren und
  • zweitens, den Führungspersonen eine Orientierungshilfe anzubieten für eine erfolgreiche und ethisch verträgliche Anwendung zukünftiger Managementkonzepte.“ (5)

Die Arbeit gliedert sich in zwei Hauptkapitel. Das erste analysiert Managementkonzepte aus den letzten Jahren bzw. Jahrzehnten in Bezug auf darin enthaltene ethische Implikationen. Dabei geht Wirz in drei Schritten vor: In einem ersten befasst er sich mit dem Stellenwert und der Bedeutung des Menschen in der Produktion. Dabei skizziert er – gewissermaßen gegenpolartig – einerseits Konzepte, die den Menschen eher als bloße „Funktionseinheit“, als Quasi-Maschine auffassen. Beispielhaft wird hier auf den Taylorismus oder auf neomechanistische Ansätze wie Lean Production und Business Reengineering verwiesen. Andererseits nimmt er Konzepte in den Blick, die den ausdifferenzierten menschlichen Bedürfnissen Rechnung tragen, so etwa die frühen Überlegungen von Roethlis berger zu den sozialen Bedürfnissen der Mitarbeiter oder den aktuelleren Ansatz von Blanchard zum Mitarbeiter als Mitunternehmer.

Analog dazu strukturiert Wirz den zweiten Schritt des ersten Kapitels, in dem er den Menschen innerhalb der Unternehmensorganisation thematisiert. Hier ordnet er verschiedene Ansätze den beiden Gegenpolen „Marionette“ oder „Mündiger Bürger“ zu. In einem dritten Schritt schließlich steht das Unternehmen und dessen notwendiger Selbstverortungsprozess zwischen Gewinnmaschiene und „Corporate Citizen“ im Mittelpunkt. Auch bei diesem Schritt bleibt Wirz bei seiner stringenten und klaren Systematik und stellt Konzeptionen, die im Gewinnstreben die einzige Unternehmensaufgabe erkennen, und solche, die die soziale und ökologische Verantwortung von Unternehmen stark machen, einander gegenüber.

In einem Zwischenfazit werden zwei Feststellungen getroffen:

  • „Bei den Managementkonzepten kann man zwar nicht von einer linearen, kontinuierlichen Zunahme der ethischen Implikationen im Verlauf des 20. Jahrhunderts sprechen, aber doch – über das Ganze gesehen – von einer Entfaltung sowohl des anthropologischen als auch des Unternehmensverständnisses und, damit verbunden, der unternehmerischen Verantwortung.“
  • „Die moralischen Einsichtsbestände können allerdings immer wiederauch regressieren. Nicht zu allen Zeiten eröffnet sich den Urhebern neuer Managementtrends die Plausibilität der von früheren Managementkonzepten geschaffenen ‚Minima moralia‘.“ (129)

Wirz sieht erreichte moralische Minimalstandards insbesondere dann in Gefahr, wenn diese nicht als reflektierter Eigenwert Bestand und Gültigkeit haben, sondern lediglich als geeignetes Instrumentarium zur Gewinnsteigerung rein funktional eingesetzt werden. Eine funktionalistische Begründung moralischer Implikationen würde jedoch ihre Legitimation verlieren, sobald beispielsweise aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse empirisch belegt würde, dass sich die Orientierung am „Eckwert Mensch“ für das Unternehmen monetär nicht auszahlt.

Die Absicherung der notwendigen „moralischen Einsichtsbestände“ bei Managementkonzepten bedarf – gewissermaßen von aussen – einer anthropologischen Reflexion und Fundierung. Für diesen Dienst sieht Wirtz die theologische Ethik als grundlegend geeignet an, sofern sie „von den Vertretern der Managementlehre und der Unternehmenspraxis als ‚Integrationswissenschaft‘ akzeptiert wird.“ (145–146)

Das zweite – etwas kürzere – Kapitel formuliert folgerichtig Anforderungen an die Unternehmensführung aus ethischer Sicht und soll damit die erforderliche Fundierung bieten. In Anlehnung an die Kategorien der „minima moralia“ des ersten Kapitels benennt Wirz vier dafür relevante Managementdimensionen:

  • die anthropologische Dimension, bei der u. a. die sozialethischen Kriterien der Personalität, Solidarität und Subsidiarität zum Tragen kommen,
  • die funktionale Dimension, bei der der grundsätzliche Nutzen für das Gemeinwohl durch funktionierende, ökonomisch gesunde Unternehmen betont wird,
  • die soziale Dimension, z. B. in Bezug auf die Mitarbeiterführung, aber auch das Engagement als „Corporate Citizen“ und schließlich
  • die ökologische Dimension, für die die Aspekte der Regelkonformität und der freiwilligen ökologischen „Mehrleistung“ durch Unternehmen relevant sind.

Anhand von Präzisierungen innerhalb dieser vier Dimensionen entwirft Wirz ein Konzept der „multidimensionalen Unternehmensführung“. Dabei wird keiner der Dimensionen, im ausdrücklichen Widerspruch zu Peter Ulrich, eine dominierende Rolle zugeordnet; weder der anthropologischen noch der funktionalen. Positiv hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die nüchterne und m. E. angemessene Würdigung der Funktionalität, der auch eine ethische Qualität an sich zugesprochen wird. Gleichwohl betont Wirz die bleibende Notwendigkeit der „ethischen Begleitung des Funktionalen“.

In einem letzten Schritt wird versucht, die vier Managementdimensionen gewissermaßen zu synchronisieren, Regeln für ihr konkretes Zusammenwirken zu finden, damit die geforderte Multidimensionalität zur Steigerung der moralischen Qualität von Unternehmensführung auch gelingen kann: „Nur durch die Synopse aller vier Dimensionen gelangen wir von einer Nachhaltigkeit jeder einzelnen Dimension (Stufe 1) zu einer integralen Nachhaltigkeit, die sich über alle Dimensionen hinweg erstreckt (Stufe 2)“ (260). Als systematische „Hilfsmittel“ werden die Prinzipien der Retinität und Equilibration eingeführt. Das Retinitätsprinzip (abgeleitet vom lateinischen „rete“ = das Netz) beinhaltet gewissermaßen die nachhaltige „Vernetztungspflicht“ für die vier Managementdimensionen. Als Voraussetzung dafür sieht Wirz die Notwendigkeit einer Verankerung des Prinzips im „Ethos der Mitarbeiter“, insbesondere bei den Führungskräften, und in der organisatorisch- strukturellen Gestalt des Unternehmens an. Das Equilibrationsprinzip beinhaltet den Gedanken, dass die vernetzten Managementdimensionen in ihrem Verhältnis zueinander situationsbezogen je neu und fl exibel ausbalanciert werden müssen. Dabei können die verschiedenen Dimensionen zwar nicht gegeneinander realisiert und ausgespielt werden (Retinität), aber sie können ganz nach Art der unternehmerischen Herausforderung in unterschiedlichem Maße zueinander gewichtet und realisiert werden. Als Untergrenze gelten dabei allerdings Minimalstandards. Die Aufgabe des „Ausbalancierens“ kommt nach Wirz den Unternehmensleitungen zu, die Setzung der Minimalstandards liegt im Verantwortungsbereich des Staates. Insgesamt soll das Equilibrationsprinzip eine flexible, aber nachhaltige „Positionierung des Unternehmens in einem ‚Korridor des ethisch Verträglichen‘ “ (264) ermöglichen.

Die Arbeit von Wirz bietet insgesamt einen guten Überblick über die Entwicklung von internationalen Managementtrends in den Bereichen Produktion und Unternehmensorganisation. Allerdings werden dabei mehrheitlich ältere Trends skizziert. Das von Wirz aus der Reflexion dieser Trends entwickelte Konzept der mehrdimensionalen Unternehmensführung und die darin enthaltene Synchronisierung der aufgezeigten vier Managementdimensionen bietet einen guten theoretischen Ansatz zur nachhaltigen Verortung ethischer Aspekte in unternehmerischen Entscheidungsprozessen. Die prinzipiell gleichberechtigte Zuordnung und Verknüpfung der unterschiedlichen Dimensionen befreit die Ethik gewissermaßen aus der „Funktionalitätsfalle“, betont ihren grundsätzlichen Eigenwert und bringt sie doch gleichzeitig in ein produktives Abhängigkeitsverhältnis zu den anderen Managementdimensionen, also auch der Funktionalität. Gerade für diesen Zusammenhang wäre jedoch eine intensivere Rezeption jüngerer wirtschaftsethischer bzw. moralökonomischer Ansätze und Diskussionsprozesse aus dem deutschsprachigen Raum bereichernd und wünschenswert gewesen. So beispielsweise in Bezug auf die Frage nach „Wirkungsvoraussetzungen“ für das ökonomische Funktionieren ethischer Ansätze in Unternehmen (vgl. z. B. Josef Wieland).

Christoph Giersch