Parteinahme für die Armen genügt nicht

Wer ist mein Nächster? Diese religiös formulierte Frage, die von der Sache her auch hinter allen Diskussionen um Armut und Ausgrenzung, um den Sozialstaat und um die Verfestigung einer sozial passiven Unterschicht steht, ist eine uralte Frage. Sie wurde bereits zu biblischen Zeiten kontrovers diskutiert: Das Judentum zur Zeit Jesu war sich darüber einig, dass im Zentrum ihres Glaubens das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe steht. Notorisch umstritten aber war die Definition des „Nächsten“. So hat etwa die Qumran-Gemeinde den Kreis ihrer „Nächsten“ stark eingeschränkt: „Gott zu suchen mit ganzem Herzen und ganzer Seele […], alle zu lieben, die er erwählt hat, und alle zu hassen, die er verworfen hat“ (1QS 1,1–4). Diese Regel, die sich im Alten Testament nicht findet, zitiert Jesus in Mt 5,43: „Ihr habt gehört, dass geschrieben steht, du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen“. Wer also hat als mein Nächster zu gelten und wer nicht? Zu dieser Frage hat Jesus von Nazareth eindeutig Stellung bezogen: Er dehnt den Begriff des Nächsten nicht nur auf den „Fremden“ aus (im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, Lk 10,25–37), sondern nimmt darüber hinaus noch eine weitere Ausweitung im Gebot der Feindesliebe vor. Jeder ist der „Nächste“! Alle Menschen gehören zur Solidargemeinschaft.

Das klingt schön und gut, stellt uns aber in Wahrheit in vielen Konsequenzen vor verdammt schwierige Entscheidungsprobleme. Denn wie Gerhard Kruip in seinem Beitrag deutlich macht, sind dann „(d]ie Armen der Dritten Welt […] auch ‚unsere Armen‘ „, also unsere „Nächsten“. Gerade wenn wir auf einer theologisch-ethischen Begründungsebene daran festhalten, dass alle Menschen zur globalen Solidargemeinschaft gehören, dass schlussendlich jeder ein „Nächster“ ist, werden wir auf der realen Anwendungsebene mit vielfältigen Problemen konfrontiert (nicht nur angesichts von Betriebsverlagerungen nach Rumänien, wo die Arbeitsplätze ja vielleicht noch dringlicher gebraucht werden als hierzulande). Der gute Wille zur Parteinahme für die Armen führt keineswegs direkt zu Strategien einer effektiven Armutsbekämpfung (national und weltweit). Daher muss sich gerade eine sozialethische Zeitschrift, die sich eine internationale Perspektive auf die Fahnen geschrieben hat („Amosinternational“), diesen widerspenstigen Anwendungsfragen stellen. Genau das tut dieses Heft.

Mit dem bloßen Bekenntnis zu einer christlichen „Option für die Armen“ sind die Anwendungsprobleme noch nicht gelöst. So hängt etwa eine Sozialpolitik, die Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt wirksam befördern möchte, nicht nur vom moralisch guten Willen ab, sondern nicht zuletzt auch davon, dass wirtschaftspolitisch zweckmäßige Spielregeln installiert werden. Dies gilt vor allem im Bereich der Arbeitsmarktpolitik, denn nach wie vor muss man mit Udo Lehmann „den strategischen Bruchpunkt von Integration und Ausgrenzung vornehmlich in der Erwerbsarbeit […] suchen“. Auch in anderer Hinsicht reichen moralisch motivierte Barmherzigkeiten allein nicht aus, um wirksame Hilfe zu leisten: Wie Andreas Lob-Hüdepohl in seinem Beitrag am Beispiel des „HaushaltsOrganisationsTrainings“ (HOT) zeigt, kommt es neben finanziellen Zuwendungen entscheidend darauf an, im Sinne subsidiärer Solidarität „die Kompetenz zur eigenverantwortlichen und selbständigen Lebensführung“ zu befördern („Empowerment“). Weiterhin kann sogar die Intention, allen Armen gleichermaßen helfen zu wollen, zu ungewollten „Eigentoren“ führen: Aufgrund einer Mittelschichtsorientierung der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Armut kommt es – wie Werner Schönig in seinem Beitrag deutlich vor Augen führt – zu „Verdrängungseffekten“ im Blick auf das dringlichste Problem der extremen Armut: „Letztlich befördert das Wegschauen eine weitere Herausbildung und Verfestigung einer sozialen Unterschicht“.

Das Bekenntnis zu einer christlichen „Option für die Armen“ ist richtig und gut, die Arbeit fängt damit jedoch erst an: Es bedarf genauer Analysen der unterschiedlichen Situationen und einer Einbettung der Probleme in die globalen und ökologischen Zusammenhänge (so Gerhard Kruip), es bedarf einer unvoreingenommenen Berücksichtigung der Begrenzungen (Restriktionen), der realen Problemlösungskapazitäten und der (un)erwünschten (Neben)Folgen unseres Tuns. Die Lösung der Probleme wird uns niemand abnehmen, weder die Bibel noch die Wirtschaft oder die Politik.