Thomas Wagner: Draußen – Leben mit Hartz IV. Eine Herausforderung für die Kirche und ihre Caritas. Mit einem Vorwort von Bischof Kamphaus, Freiburg i. Br.: Lambertus 2008, 183 S., ISBN 978–3–7841–1822-
Der Buchtitel suggeriert: Wer von Arbeitslosengeld II leben muss oder von einem entsprechend aufgestockten Niedrigstlohn, wird zum gesellschaftlichen Außenseiter, gerät ins Abseits. Auch manche Verteidiger der Hartz IV-Gesetze werden dem nur bedingt widersprechen, jedoch hinzufügen: Gleichzeitig sind aber die Chancen enorm gestiegen, von „draußen“ auch wieder nach „drinnen“ zu kommen, einen Arbeitsplatz mit entsprechendem Einkommen zu finden. Die „Reform“ habe – so die Argumentation – einen durchaus beachtlichen Anteil an der jüngsten Belebung auf dem Arbeitsmarkt und der Verminderung der Arbeitslosenzahlen; das Prinzip „Fördern und Fordern“ sowie die Neuorganisation der Beratungs- und Vermittlungsdienste zeige positive Wirkung. Thomas Wagner widerspricht in allen Punkten: Der Anteil der Langzeitarbeitslosen, die das höhere Arbeitslosengeld I erhalten, sei durch die Reform deutlich verringert und damit die durchschnittliche Höhe des Arbeitslosengeldes abgesenkt worden. Die fünf Mio. Menschen aber (Stand: Sept. 2007), die ALG II erhalten, seien mit dem Regelsatz von 347 €, der keineswegs das soziokulturelle Existenzminimum sichere, meist wesentlich schlechter gestellt als bei der früheren Arbeitslosenhilfe. Die Kürzungen aufgrund der Berücksichtigung der jeweiligen „Bedarfsgemeinschaft“ schränkten vor allem die Perspektiven junger Menschen ein. Es gebe in Deutschland, so Wagner, keine „armutsfeste Grundsicherung“ und das sei eine „gravierende Gerechtigkeitslücke“ (154). Das Prinzip des Förderns werde spätestens dann unterschlagen, wenn es um schwer Vermittelbare gehe. Das massenhaft eingesetzte Instrument der so genannten „Arbeitsgelegenheiten“ (Ein-Euro-Jobs) sei kaum tauglich; es schaffe für die Betroffenen „in der Regel keine Brücke in den ersten Arbeitsmarkt“ (155). Statt dessen würden vielfach reguläre Arbeitsverhältnisse ersetzt. Die unter den Stichworten „Fordern“ und „Eigenverantwortung“ eingeführten Kontroll- und Sanktionsmechanismen haben, so Wagner, gerade nicht die „Autonomie des Einzelnen“ gestärkt, sondern ihn zum „ausgegrenzten Marktsubjekt“ freigesetzt (160).
Für das Engagement von Kirche und Caritas gegen Armut und Ausgrenzung fordert Wagner daher u. a.: verstärktes Werben für eine armutsfeste und diskriminierungsfreie Grundsicherung; Mithilfe beim Aufbau eines „Dritten Arbeitsmarktes“ für Geringqualifizierte und Langzeitarbeitslose; vielfältige Beratungs- und Unterstützungsangebote für die Opfer der Hartz IV-Reform. Seine sozialethische Bewertung sieht er begründet in der Option für die Armen als Kern der christlichen Botschaft, aber auch in allgemein anerkannten Gerechtigkeitsregeln. Mit Blick auf die jüngeren kirchlichen Erklärungen zur Gerechtigkeitsfrage fasst er knapp zusammen: Die angemahnte „Beteiligungsgerechtigkeit“ fuße nicht auf einer abstrakten Chancengleichheit, sondern auf einer konkret umzusetzenden Befähigungs- und Verteilungsgerechtigkeit; das viel gerühmte Subsidiaritätsprinzip dürfe dabei nicht als „Vorfahrt für Eigenverantwortung“ missverstanden, sondern müsse mit Nell-Breuning als „Assistenzgebot“ verstanden und praktiziert werden (148 f.).
Ihr besonderes Gewicht und ihre Glaubwürdigkeit erhalten diese Überlegungen dadurch, dass der Autor ihnen eine ebenso konkrete wie kritische Erhebung und Analyse der Hartz IV-Reform und ihrer Folgen vorausschickt. Ausführlich werden neun betroffene Personen in ihren sehr unterschiedlichen Lebenslagen vorgestellt. Sie kommen selbst sehr eingehend zu Wort. Knappe Kommentare vervollständigen die jeweiligen Lebensbilder, die durchweg von einer miserablen materiellen Lage geprägt sind, die aber doch ganz unterschiedliche biografische, soziale und weltanschauliche / religiöse Orientierungen zeigen. Eingeschoben sind jeweils längere Textblöcke mit kompakten und präzisen Informationen bzw. Analysen zur Hartz IV- Gesetzgebung und den ganz konkreten Folgeproblemen. Ein Vorwort von Bischof Franz Kamphaus und eine Einführung des Autors zu den leitenden Fragestellungen sind den Porträts vorangestellt. Im Anhang finden sich ein Literaturverzeichnis, eine Liste von Kontaktadressen im Bistum Limburg (die Studie ist im Auftrag des dortigen Sozialpolitischen Arbeitskreises entstanden) und eine zur Buchveröffentlichung aktualisierte Information über die Situation der neun porträtierten Personen.
Insgesamt liegt hier ein sehr lesenswertes Buch vor, das exakte Information und engagierte sozialethische Orientierung mit einem ausführlichen undeindrucksvollen Blick auf die Lebensumstände von Armen in Deutschland verbindet. Auf kleinere formale Mängel (der Kontext von Zitaten und zitierten Autoren in den Texteinschüben wird nicht immer klar, s. 33. 34. 97 u. ö.; Qualität der Abb. S. 55) sei nur der Vollständigkeit halber hingewiesen. Zumindest gewagt erscheint es, John Rawls’ Differenzprinzip (ein Element seiner liberalen und vor allem auf faire Verfahren bedachten Gerechtigkeitstheorie) zur säkularen Parallele der christlichen Option für die Armen aufzuwerten und als Begründung für deren Geltung auch außerhalb des christlichen Kontextes heranzuziehen.
Richard Geisen