Gerechtigkeiten

Gerhard Kruip / Michael Fischer (Hg.): Gerechtigkeiten. Hannoversche Zwischenrufe 2006 (Philosophie aktuell. Veröffentlichungen aus der Arbeit des Forschungsinstitutes für Philosophie Hannover, Bd. 5), Münster: Lit 2007, IX und 167 S., ISBN 978–3–8258-0121–2

Der aus einer Ringvorlesung am Forschungsinstitut für Philosophie Hannover hervorgegangene schmale Sammelband vereint insgesamt 13 Beiträge, die sich mit gerechtigkeitstheoretischen Ansätzen, aber auch mit Kontexten und ethischen Feldern befassen, in denen die Gerechtigkeitsfrage aktuell diskutiert wird. Thematisch lassen sich die Beiträge folgenden Schwerpunkten zuordnen: Mit Zugängen und Konzepten der (sozialen) Gerechtigkeit befassen sich Arno Anzenbacher, Wolfgang Vögele, Bernhard Emunds und Matthias Möhring- Hesse. Eine größere Gruppe von Beiträgen informiert über und diskutiert Einzelfragen im Kontext des in die Kritik geratenen Sozialstaats, wobei der Schwerpunkt auf (Kinder-)Armut liegt (Walter Lampe, Hans-Jürgen Marcus, Elke Feustel), neben dem noch die Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern (Sigrid Häfner, Christa Schnabl), im Bildungs- (Axel Bernd Kunze) und Gesundheitswesen (Ruth Schimmelpfeng-Schütte) behandelt wird. Peter Steinacker wirf die Frage nach den gerechten Bedingungen für Migration und ihre Bedeutung für die Zivilgesellschaft auf. Johannes Wallachers Perspektiven auf einen entwicklungsgerechten Welthandel stellen den einzigen Beitrag dar, der den Rahmen des Nationalstaats überschreitet.

Attraktiv macht den Sammelband, dass die Beiträge überwiegend kurz gefasst und leicht verständlich sind und zudem die anwendungsbezogenen Gerechtigkeitsfragen nicht nur von Sozialethikern behandelt werden, sondern auch von Mitarbeitern und Leitungspersonen aus Kirche, Diakonie und Caritas. Er eignet sich daher gut zur einführenden und problemeröffnenden Lektüre. Studierende und Lehrende der Sozialethik, die vor allem am gerechtigkeitstheoretischen Durchdringen und Aufarbeiten von konzeptionellen und sozialen Fragestellungen interessiert sind, kommen hingegen weniger auf ihre Kosten. Gerechtigkeitstheoretische Überlegungen finden sich gleichwohl z. B. in Emunds’ Ausführungen zur Beteiligungsgerechtigkeit, die er als Leitkonzeption für die Gerechtigkeit in der demokratischen Gesellschaft vorstellt, der die Verteilungsgerechtigkeit als Mittel beizuordnen ist, oder in Möhring-Hesses kritischen Bemerkungen zur „Generationengerechtigkeit“ und den logischen Grundlagen, die für eine sinnvolle Verwendung dieses Begriffs in sozialethischen Zusammenhängen berücksichtigt werden müssen.

Im Vorwort werfen die Herausgeber die Frage auf, ob es bei der Vielzahl und Diversität der sozialen Sachverhalte sowie der so unterschiedlichen Konsequenzen, die die Frage nach Gerechtigkeit zu fordern scheint, nicht angebracht wäre, von einer legitimen Vielzahl von „Gerechtigkeiten“ auszugehen und den Kollektivsingular damit fallen zu lassen. Leider lässt sich unter den Beitragenden nur Peter Steinacker zur Frage provozieren, was das überhaupt bedeuten könnte: Pluralität der Zugänge, Pluralismus der legitimen praktischen Folgerungen, oder gar eine begriffliche Vielheit an Gerechtigkeiten, also noch über die in der Struktur moderner Gesellschaften begründete Mehrzahl nicht auf einander rückführbarer Gerechtigkeitstheorien hinaus?

Von der Veröffentlichung einer Ringvorlesung kann gerechterweise nicht erwartet werden, grundlegende Fragen der Gerechtigkeitstheorie zu beantworten oder Neuansätze für die ethische Bewertung in sozialen Bereichen zu liefern. Das Genre eignet sich viel eher dazu, den Einstieg in die sozialethische Betrachtungsweise zu erleichtern und einen (zwangsläufi g) rhapsodischen Überblick über die Bandbreite der Gerechtigkeitsthematik zu geben. Letzteres ist diesem Buch durchaus gelungen, und es ist sein Verdienst, die Schwierigkeiten nicht zu verschweigen, die sich bei der Vertiefung unweigerlich einstellen.

Christof Mandry