Titelseite Amosinternational 2/2008

Heft 2/2008Armut/Prekariat

Inhalt

Wer ist mein Nächster? Diese religiös formulierte Frage, bereits zu biblischen Zeiten kontrovers diskutiert, wird auf der realen Anwendungsebene mit vielfältigen Problemen konfrontiert, denen sich unsere sozialethische Zeitschrift in diesem Heft stellt.

Über diese Ausgabe

Editorial

Schwerpunktthema

  • Plus S. 3

    Extreme Armut wahrnehmen und aufdeckenWider die Mittelschichtsorientierung in der Armutsforschung

    Extreme Formen der Armut bleiben weithin unbeachtet, da sowohl die wissenschaftliche Armutsforschung als auch die breite gesellschaftliche Diskussion von einer Mittelschichtsorientierung dominiert werden. Ansatzpunkte zu einer adäquaten Beachtung extremer Armut liegen daher in einer konsequenten Überwindung dieser Perspektive, d. h. in einer klaren begrifflichen Differenzierung und ihrer empirischen Schätzung. Mit Blick auf die Begrifflichkeiten schlägt der Verfasser ein Kontinuum von Armutsbegriffen vor, in dem die extreme Armut als ‚harter Kern der Armutsproblematik‘ beschrieben wird.

  • Plus S. 10

    Integration und Ausgrenzung im SozialstaatSozialethische Anmerkungen zur neueren Sozialgesetzgebung

    Die Sozialgesetzgebung der Bundesrepublik Deutschland stellt sich selbst unter den Anspruch, Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu befördern. In der öffentlichen Diskussion wird die faktische Einlösung dieses Anspruchs nicht selten in Frage gestellt. Die sachgerechte Beurteilung von Sozialpolitik und ihres Integrationspotenzials erfordert einen erweiterten Blick, welcher nicht nur finanzielle Transfers berücksichtigt, sondern auch soziale Dienstleistungen und die gesamtgesellschaftliche Bereitschaft, Sozialpolitik demokratisch mitzutragen. Die Erwerbsarbeit gilt nach wie vor als ein entscheidender strategischer Bruchpunkt zwischen Integration und Ausgrenzung. Daher kann dieser Bereich als Anknüpfungspunkt einer sozialethischen Begutachtung der neueren Sozialgesetzgebung dienen.

  • Plus S. 16

    Vorsorge ist besser als NachsorgeDas "HaushaltsOrganisationsTraining" (HOT) und die Philosophie des bundesdeutschen Sozialstaates

    Der deutsche Sozialstaat beschränkt sich weder in seiner Philosophie noch in seiner Praxis auf die Nachsorge prekärer Lebenslagen durch finanzielle Transfers an Bedürftige. Er umfasst gerade auch solche Dienstleistungen, die die Kompetenz zur eigenverantwortlichen und selbständigen Lebensführung wiederherstellen und verstetigen wollen. Damit trägt er fundamentalen Normen des deutschen Grundgesetzes Rechnung. Am Beispiel des HaushaltsOrganisationsTrainings können die Wirkweisen wie die Gefahren solcher Kompetenz fördernden Maßnahmen veranschaulicht werden. Auf der einen Seite werden alltagsweltliche Kompetenzen trainiert, die auch für die Prävention von armutsnahen Lebenslagen eine Schlüsselstellung einnehmen. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, die Lebensführung der Betroffenen durch die Expertise der professionellen Familienhilfe unbeabsichtigt fremdzubestimmen. Kompetenzorientierte Präventionsarbeit beschränkt sich deshalb auf behutsame Assistenz und erschließt zugleich die endogenen Ressourcen des sozialen Nahraums – eine besonders wichtige Dimension subsidiärer Solidarität.

  • Plus S. 23

    Die Option für die ArmenWas bedeutet sie in Deutschland

    Auch in Deutschland berufen sich viele sozial engagierte Christen auf die in Lateinamerika entstandene „Option für die Armen“. Eine genauere Analyse ihres Entstehungszusammenhangs kann helfen, sie in richtiger Weise auf die deutsche Situation zu übertragen. Sie ist keinesfalls allein von einem religiösen Hintergrund her verständlich, sondern Ergebnis einer genauen Analyse der Situation, einer moralischen Beurteilung nach Gerechtigkeitskriterien und eines Willens zur effektiven und realistischen Armutsbekämpfung. Die Option für die Armen in Deutschland muss jedoch eingebettet werden in globale und ökologische Zusammenhänge. Sie darf Armutsprobleme in Deutschland nicht isoliert bekämpfen wollen.

  • Plus S. 31

    "Vordringlich ist die Armut bei Kindern"Interview über Armut und Armutsbekämpfung in Europa

    Wie viele Arme gibt es in Europa und welche Lebenslagen bergen ein besonders hohes Armutsrisiko? Was unternimmt die EU gegen Kinderarmut und wie unterstützt sie die Mitgliedsstaaten bei der konkreten Armutsbekämpfung? Auf welche Weise hängen Bildungsarmut und materielle Armut zusammen? Vladimír Špidla, EU-Kommissar für Beschäftigung, soziale Angelegenheiten und Chancengleichheit geht nicht nur auf diese Fragen ein, sondern nimmt auch Stellung zur aktuellen Diskussion um die globale Konkurrenz zwischen Umweltzielen und Nahrungsmittelversorgung. Auch die weltweite Armut und das Ziel einer globalen Gerechtigkeit sind dringende Herausforderung für die europäische Politik.

Arts & ethics

Beitrag

  • Plus S. 51

    Ist die Marktwirtschaft die effizientere Form der Caritas?

    Der Beitrag wendet sich gegen eine zentrale These der ordoliberalen Wirtschaftsethik und fragt nach dem Stellenwert der Caritas in einer Gesellschaft, die sich dem Ordnungsrahmen einer sozialen Marktwirtschaft verpfl ichtet weiß. Wie kann das Selbstverständnis heutiger Caritas beschrieben werden? Verstärkt die Caritas Tendenzen zur unsachgemäßen Moralisierung gesellschaftlicher Probleme? Sind die Aufgaben einer institutionalisierten Praxis der Nächstenliebe nicht doch zurückführbar auf Kategorien einer funktionierenden Marktwirtschaft? Wo liegen heute die spezifischen Chancen und Herausforderungen der verbandlichen Caritas?

Bericht

Kommentar

  • Plus S. 36

    Unteilbarkeit und Schutz der MenschenrechteDie Rede Papst Benedikts XVI. vor der UNO

    Die Rede des Papstes vor der UN-Vollversammlung am 18. April dieses Jahres wurde als politischer Höhepunkt seiner Reise in die USA mit Spannung erwartet. Bereits im Vorfeld hatte Benedikt XVI. diese Ansprache aus Anlass des 60-Jahr-Jubiläums der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (10.12.1948) als wesentliches Ziel seiner Reise bezeichnet.1 Damit war auch der Fokus der Rede vor den Vereinten Nationen vorgegeben: die Menschenrechte und damit verbunden das Prinzip der responsibi lity to protect, die zugleich zentrale Themen aller Reden dieser Reise waren, soweit sie nicht rein pastoralen Charakter hatten.

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