Wir brauchen eine Ethik internationaler Finanzmärkte

Investoren, Unternehmer, Politiker, Börsianer … – Kämpfer im Hamsterrad des Marktes? Auf Gedeih und Verderb dem Wettbewerb ausgeliefert, gleichermaßen Vorwärtstreibende und Getriebene, gefangen im System, das sie selbst bedienen? Ein zugegeben dunkles Bild, das Nicola Marotta vom homo oeconomicus zeichnet (Avversari imaginari; siehe Heftmitte): immer auf der Suche nach Beute, gewappnet gegen anonyme Mächte und übermächtige (oder mächtig überschätzte) Gegner, die doch letztlich unerreichbar bleiben. Wer jagt und wer wird gejagt? Wer sticht wen aus? Wer genießt den Vorteil des inner circle, und wer bewegt sich immer auf der Außenkurve? Denn wo es Sieger gibt, gibt es auch Verlierer …

Das Bild der imaginären Gegner liest sich wie eine Persiflage auf unsere derzeit rotierenden Finanzsysteme und ihre Mitläufer; Beteiligte bzw. Betroffene sind wir letztlich alle. Die internationale Finanzkrise der vergangenen Monate scheint das zu belegen. Da können „Häuslebauer“ in den USA ihre Hypothekenzinsen nicht mehr zahlen, mit gravierenden Auswirkungen auf die internationalen Finanzmärkte. Wie viele Banken und Börsen weltweit ins Schlingern geraten sind, und wie vielen noch ein böses Erwachen bevorsteht, ist bis heute nicht abzusehen. Offenbar misstrauen die großen Geldinstitute sich gegenseitig und gewähren die ansonsten üblichen Kredite untereinander nur noch sehr zurückhaltend. Die Folge: Die Liquidität großer Unternehmen und ganzer Volkswirtschaften könnte in Gefahr geraten. Nur durch unvorstellbar umfangreiche Milliardenspritzen aus den Devisenreserven einzelner großer Industrienationen konnten die Zentralbanken bisher einen größeren internationalen Crash verhindern.

Doch das Weltfinanzsystem scheint schon längst aus den Fugen geraten zu sein. Private Beteiligungsgesellschaften machen Jagd auf Rendite, Private-Equity-Fonds tätigen milliardenschwere Investitionen in Firmenbeteiligungen, -aufkäufen, -umwandlungen und -verkäufen, aber auch in riesigen Spekulationsgeschäften eines gewinnträchtigen Geldmarktes. Sog. Hedge-Fonds verwalten inzwischen weltweit mehr als 1300 Milliarden Dollar. Berücksichtigt man die Gelder riesiger Staatsfonds (v. a. seitens der Ölländer) und die stetig wachsenden Fonds der privaten Rentenversicherer, so herrscht auf den internationalen Finanzmärkten eine unübersehbare „Geldschwemme“. Das Problem: Es handelt sich durchweg um Geld, das „um jeden Preis“ renditeträchtig angelegt werden soll. Das führt offenbar zu allerlei spekulativen Investitionsblasen und widersinnigem Anlagegebahren.

Angesichts der rasanten Entwicklungen möchte die vorliegende Ausgabe unserer Zeitschrift Amos – Gesellschaft gerecht gestalten den Blick für die Funktionsmechanismen der modernen Finanzmärkte schärfen und das Verständnis für Prozesse und Verflechtungen erleichtern. Sie möchte aber auch die Finanzsysteme daraufhin befragen, ob und inwieweit sie den aus sozialethischer Sicht indispensablen Kriterien der Gerechtigkeit und der vorrangigen Option für die Armen genügen. Denn nach Überzeugung der kirchlichen Soziallehre muss das Wohl der Menschen, verstanden als Chance zu menschenwürdigem Leben für jeden Einzelnen wie auch als Gemeinwohl, im Zentrum allen Wirtschaftens stehen. Daher muss dem System der share holder values, dem es ausschließlich um die Erhöhung der Rendite geht, selbst wenn dafür Dumpinglöhne gezahlt oder Arbeitsplätze vernichtet werden, das Modell der stakeholder values entgegengesetzt werden, das um einen gerechten Ausgleich der unterschiedlichen Interessen von Unternehmern und Mitarbeitern, Investoren und Kunden bemüht ist. Der Mensch hat Vorrang vor dem Ziel immer höherer Gewinnmargen, und die Verantwortung für die Umwelt wie für die nachwachsenden Generationen bindet auch die gesellschaftlichen Akteure in Politik, Wirtschaft und Finanzen. Das macht es im globalen Maßstab auch notwendig, Regelsysteme zu installieren, die angesichts deregulierter, weltweit unkontrollierter Kapitalmärkte dafür zu sorgen, dass nicht einige wenige, besonders mächtige Finanzakteure die Balance großer Volkswirtschaften oder ganzer Weltregionen und im Gefolge die Existenz zahlloser Menschen aufs Spiel setzen.

Solidarität und Subsidiarität, Grundprinzipien christlicher Soziallehre, könnten als Elemente einer Leitkultur auch in der Welt der Finanzen einen Weg aufzeigen, der aus dem geschlossenen System des homo oeconomicus herausführt: Voraussetzung für eine Kultur der Menschlichkeit, auch in der harten Währung des beiderseitigen Vorteils. Es wäre den Versuch wert.