Religion und soziale Ordnung

Matthias Sellmann: Religion und soziale Ordnung. Gesellschaftstheoretische Analysen (Campus Forschung 917), Frankfurt / New York: Campus 2007. 496. S., ISBN 978–3–593–38367–5

Gegen alle Erwartungen einer religionslosen Zukunft hat Jürgen Habermas seit 2001 immer wieder den Befund einer „postsäkularen“ Gesellschaft gesetzt und damit zugleich allen undialektischen Thesen von einer „Wiederkehr“ der Religion widersprochen. Worauf sich säkulare und religiöse Bürger moderner Gesellschaften einstellen müssen, ist das Fortbestehen religiöser Gemeinschaften in einer sich gleichwohl fortwährend säkularisierenden Umgebung. Habermas schränkt diesen Fortbestand nicht auf folkloristische Bestände ein, sondern hält ihn auch für politisch und sozialethisch belangvoll. Denn angesichts der Dialektik der Aufklärung und der Ambivalenz zahlreicher Entmythologisierungs- und Säkularisierungswellen können religiöse Sinnsysteme eine wichtige „vorpolitische“ Ressource eines liberalen Gemeinwesens bilden. Allerdings ist diese These empirisch nur schwer abzusichern. Religion wird in den weitgehend säkularisierten Gesellschaften West- und Mitteleuropas vor allem in ihrer lebenspraktischen Bedeutung für die Individuen nachgefragt. Je unübersichtlicher und unvertrauter eine von ständigen Innovationen geprägte Gesellschaft wird, umso notwendiger werden offenkundig kulturelle Widerlager, die Identitätsvergewisserung und Biographiekohärenz ermöglichen. Wo ihr aber die Rückkehr in die politische und mediale Öffentlichkeit gelingt, wird Religion meist ein Medium des Kampfes um öffentliche Anerkennung bestimmter Bevölkerungsgruppen, wie etwa die muslimischen Bemühungen um die Errichtung repräsentativer Moscheebauten in deutschen Großstädten belegen. Andere Vorboten für neue Herausforderungen einer „postsäkularen Religionspolitik“ in liberalen Demokratien sind mit den Stichworten Kopftuchstreit, Kreationismusdebatte oder Eindämmung gewaltbereiter Fundamentalismen zu assoziieren. Wie M. Sellmann in seiner Münsteraner Dissertation eindrücklich zeigt, ist das Erstarken religiöser Traditionen höchst ambivalent. Es kann sowohl Ressource als auch Risiko für Erhalt und Bestand eines demokratischen Gemeinwesens bedeutet. Darum lauten die Leitfragen seiner Studie: „Gegen welche Implikationen öffentlicher religiöser Geltung muss der säkulare Staat sich verwahren, welche Implikationen kann er als produktiven Beitrag zur gesellschaftlichen Fortentwicklung begrüßen? Gemäß welchen Problemen gesellschaftlicher Ordnung muss Religion in ihre Schranken verwiesen oder gerade entschränkt werden?“ (17). Zur Beantwortung der Frage schlägt Sellmann einen weiten Bogen. Nach einer Sondierung der jüngsten religionssoziologischen Diskussion über postreligiöse und / oder postsäkulare Konstellationen in modernen Gesellschaften (19–34) und einer von J. Casanova abgeleiteten sozialethischen Heuristik zum Begriff einer „öffentlichen Religion (35–47) wird die Frage erörtert, inwieweit Religion überhaupt (noch) auf „soziale Ordnung“ bzw. soziale Integration beziehbar ist. Dabei blickt Sellmann zunächst auf religionsimmanente Ordnungsfiguren, die in der Regel aus der Orientierung an einer „letzten“, weltjenseitigen Wirklichkeit weltimmanente Orientierungen ableiten. Fraglich ist jedoch, ob und inwieweit derart religiös grundierte Leitbilder sozialen Miteinanders mit rational fundierten Prinzipien sozialer Ordnung vermittelt werden können (47–71). Um zu operationalisierbaren Antworten zu kommen, beschreitet Sellmann den Weg in die Geschichte soziologischer Theoriebildung. Anhand des Paradigmas „Teil-Ganzes“ wird zunächst ein Suchbegriff sozialer Ordnung bzw. sozialer Integration konfiguriert (73–96). Danach werden mit Hobbes, Simmel und Durkheim drei ordnungstheoretisch inspirierte Denker zur Frage nach den möglichen Ordnungsleistungen öffentlicher Religion konsultiert. In diesen Abschnitten bietet Sellmann auf der Basis gründlicher Quellenstudien und in souveräner Kenntnis der bisherigen Forschungsliteratur nicht nur jeweils einen instruktiven Einblick in das Werk der genannten Autoren, sondern auch einen ebenso kenntnisreichen soziologiegeschichtlichen Längsschnitt zur Verknüpfung sozial-, religions- und staatstheoretischer Studien (96–462). Ein Schlusskapitel fasst den Duktus der Arbeit nochmals zusammen und führt die zentralen Thesen zu einer – allerdings noch konkretisierungsfähigen und -bedürftigen – Skizze postsäkularer Religionspolitik und Politikberatung zusammen (463–470). M. Sellmann ist bereits durch zahlreiche zeitdiagnostische Veröffentlichungen im Bereich der Religions- und Kultursoziologie hervorgetreten. Die vorliegende Studie unterstreicht seine Kompetenz auch hinsichtlich theoriegeschichtlicher und grundlagentheoretischer Reflexionen. Sie verdient es, in den für den Bereich „Religion und Gesellschaft“ relevanten Bezugsdisziplinen rezipiert und diskutiert zu werden. Dabei wäre auch zu erörtern, inwieweit Religionen in weltanschaulich pluralen Gesellschaften nicht in höherem Maß auf gesellschaftliche Integration angewiesen sind, die ihnen vom säkularen Rechtsstaat angeboten und gewährt wird, als dass sie selbst sozialintegrative Wirkungen entfalten können. Dies gilt nicht bloß für die „etablierten“ Kirchen und Konfessionen, sondern auch für neu hinzukommende Religion infolge von Migration und Globalisierung (z. B. Islam). In diesem Kontext wäre auch eine Frage zu erörtern, die Sellmann selbst aufwirft (vgl. 69 f.): Lässt sich statt des Paradigmas „Teil-Ganzes“ nicht aussichtsreicher mit der Heuristik der Unterscheidung „System-Umwelt“ arbeiten, wenn es um die Bestimmung der Religion in ihrem Verhältnis zum Leitsystem und zu den Leitmedien moderner Gesellschaften geht? Auf welcher Ebene ist eigentlich für hochgradig arbeitsteilige, funktional differenziert und global vernetzte Gesellschaften noch ihre „Ganzheit“ zu orten? Und wie kann dann Religion im Gegenüber zu dieser Ganzheit positioniert werden? Da Sellmann selbst über ein elaboriertes Methoden- und Problembewusstsein verfügt, wird er um überzeugende Antworten nicht verlegen sein. Auf weitere Veröffentlichungen zu diesen Themen aus seiner Schreibstube darf man gespannt sein.

Hans-Joachim Höhn