Kommentar zu "deus caritas est"

Heinrich Pompey: Zur Neuprofilierung der caritativen Diakonie der Kirche. Die Caritas-Enzyklika „Deus caritas est“. Kommentar und Auswertung, Würzburg: Echter Verlag 2007, 186 S., ISBN 978–3–429–02908–1

Um es gleich vorweg zu nehmen: Das Buch des emeritierten Caritaswissenschaftlers aus Freiburg ist rundum gelungen und stellt eine Bereicherung unter den diversen Kommentaren zur ersten Enzyklika Papst Benedikt XVI. „Deus Caritas est“ dar. Vf. verfolgt sein Anliegen in acht überschaubaren und verständlich geschriebenen Kapiteln. Der 1. Teil enthält Vorbemerkungen allgemeiner Art zur Enzyklika, ihrer Absicht und Methode, zum Adressatenkreis und zur inhärenten Pädagogik. Zur letzteren zählen die Verknüpfungen von Glaube und Vernunft, also die Beziehung zwischen Naturrecht und Gnadenrecht, sodann das klassische scholastische Prinzip „agere sequitur esse“, demzufolge jegliche Moral und Ethik dem seinshaften Logos folgt, schließlich die Differenz zwischen „intentio“ und „actio“, oder moderner: zwischen attitudes und behaviour.

Im 2. Teil skizziert Vf. Aufbau und Inhalt der Enzyklika gemäß der vom Papst selbst gewählten Zweiteilung in einen mehr individualethischen ersten Teil, der um das Verhältnis von „eros“ und „agape“ kreist und das in der Theologiegeschichte ebenso leidige wie wichtige Thema der reinen, absichtslosen und hingebenden Liebe berührt, und in einen zweiten, mehr sozialethischen Teil, der nun die Caritas als Tun des Staates wie der Kirche begreift. Während dem Staat die Aufgabe einer Sicherung von Grundgerechtigkeit zukommt, obliegt es der Kirche, diese Sicht und dieses Handeln zu überbieten und zu vollenden auf das Ziel einer umfassenden und jedem Individuum zugewandten Liebe hin.

Der 3. Teil vertieft die Theologik und Anthropologik der kirchlichen Caritas. Glaube an den erlösenden Gott und Hoffnung auf sein Handeln schon in der jetzigen Geschichte werden vollendet durch die tätige Liebe, die den Menschen zum Mitarbeiter am Aufbau des Reiches Gottes macht. Daher bilden Martyria, Leiturgia und Diakonia die drei Grundpfeiler des kirchlichen Lebens und Handelns, wie nicht zuletzt immer wieder der 1. Johannesbrief unterstreicht.

Der organisierten Caritas der Kirche in Deutschland gilt der Blick des 4. Teils, selbstkritisch werden auch Gefährdungen einer stark professionalisierten und aufwendig finanzierten Diakonie in den Blick genommen, wie sie etwa auch öfters schon Kardinal Paul-Josef Cordes, Präsident des für die weltweite Caritas zuständigen Päpstlichen Rates „Cor unum“ und ein maßgeblicher Inspirator der Enzyklika, geäußert hat. Andererseits unterstreicht Vf. sehr deutlich und zu Recht die starke sozialpolitische Stellung des Deutschen Caritasverbandes, der eben nicht nur antritt, um Almosen zu verteilen, sondern ebenso sich bemüht um eine Prophylaxe und Vermeidung von armutsgefährdenden oder zum Prekariat führenden Schieflagen – Vorbeugung ist besser und menschenwürdiger als Heilen!

Das Verhältnis von freiwilliger und hauptamtlicher Caritas wird im 5. Teil näher beleuchtet, auch hier mit einem Schwerpunkt auf der Professionalität caritativer Tätigkeit in Form diverser Institutionen und Organisationen, wie sie etwa in Deutschland auch im Paritätischen Wohlfahrtsverband tätig sind, und damit ein Merkmal eines entwickelten und reifen Sozialstaates bilden.

Der 6. Teil widmet sich dem Verhältnis von Kirche und Staat auf dem Feld der Caritas, oder anders: Es geht um die eigentümliche Prägung des kontinentaleuropäischen und speziell des deutschen Wohlfahrtsstaates, der wesentliche Impulse aus der christlichen Sozialethik empfing. Nicht zuletzt das Prinzip der Subsidiarität ist es, das der freien und der kirchlichen Wohlfahrtspflege wesentliche Aufgaben im Sozialstaat zuweist. Gemäß augustinischer Geschichtstheologie, die deutlich im Hintergrund der päpstlichen Überlegungen steht, dienen ja beide, Staat und Kirche, auf je eigene, aber unvertretbare Weise dem Ziel, dem Menschen als Ebenbild Gottes gerecht zu werden, bis hin zum Übermaß der Liebe, die letztes Ziel jeder organisierten Caritas sein muss.

Der 7. Teil weist hin auf die ökumenische und interreligiöse Bedeutung der Enzyklika und verschweigt auch nicht Verschattungen im Dialog mit den orthodoxen Ostkirchen, die im Dialog oftmals hinter dem caritativen Handeln eine besonders geschickte Camouflage des Proselytismus wittern.

Das Buch schließt mit einem kurzen 8. Teil des Ausblicks auf zukünftiges gemeindliches und fachverbandliches caritatives Handeln der Kirche, insbesondere aus deutscher Perspektive. In jeder Hinsicht gelingt dem Vf. in verständlicher und plastischer Weise, unaufgeregt und ohne jede Polemik, die Absicht und Grundaussagen der Enzyklika nicht nur nachzubeten, sondern in den Horizont einer anthropozentrischen Theologie zu stellen. Zugleich wird Höhe wie Gefährdung deutscher Caritas deutlich: Letztlich entscheidet sich an der Qualität der Mitarbeiter und Führungskräfte, inwieweit die Umsetzung der hehren Einsichten der Enzyklika auch in Zeiten zunehmender Säkularisierung und Individualisierung gelingen kann. So bleibt die bange, aber berechtigte Frage von Heinrich Pompey am Ende seines Buches als beständige Mahnung: „Kann die Kirche fast 500 000 hauptamtliche Mitarbeiter für eine spezifisch caritative und im Glauben begründete Ausrichtung ihrer Arbeit sensibilisieren? Kann es vielleicht nur freiwilligen Mitarbeitern zugemutet werden?“ (172) An dieser Spannung zu arbeiten und Lösungsmodelle zu entwickeln, wird die Aufgabe der kommenden Jahre sein.

Peter Schallenberg