Henriette Crüwell/ Tobias Jakobi/ Matthias Möhring-Hesse (Hg.): Arbeit, Arbeit der Kirche und Kirche der Arbeit. Beiträge zur christlichen Sozialethik. Festschrift zum 68. Geburtstag von Friedhelm Hengsbach SJ, Münster: Lit 2005. 288 S. ISBN 978-3-8528-8589-2
Den 68. Geburtstag Friedhelm Hengsbachs nehmen seine SchülerInnen zum Anlass, eine beachtliche Festschrift zu verfassen. Gleich zu Beginn weisen die Herausgeber in engagierter Zuspitzung die Marschrichtung des Sammelbandes. Kontrastierend stellen sie das von Bundespräsident Köhler stammende Zitat: „Vorfahrt für Arbeit“ (Rede vom 15. März 2005 in Berlin) dem von Hengsbach vertretenen „Vorrang der Arbeit“ gegenüber. Bei ersterem meinen sie, eine mangelnde Berücksichtigung humaner Arbeitsbedingungen im Interesse einer Arbeit um „jeden Preis“ zu erkennen. In Hengsbachs Auffassung hingegen gehe es um den Arbeiter als Subjekt, dessen Rechte in den Mittelpunkt zu stellen seien. Das Hengsbachsche Ur-Anliegen „Vorrang der Arbeit“ wird folglich auch zum Leitmotiv der Festschrift. Vier Themenblöcke beleuchten diese Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven. Die allesamt lesenswerten Beiträge können in einer kurzen Rezension nicht einzeln besprochen werden, sodass eine (subjektive) Auswahl getroffen wird.
Der erste Teil greift die Veränderungen der Erwerbsarbeit und die Möglichkeiten ihrer politischen Gestaltung auf. So warnt etwa Ansgar Kreutzer davor, die Managementtendenz zur Selbstorganisation in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen generell als Autonomiegewinn für die ArbeiterInnen zu werten. Im Sinne von „mehr Druck durch mehr Freiheit“ sei die Gefahr der Selbstausbeutung nicht auszuschließen. Wirkliche Autonomie bedeute aktive Selbst- und demokratische Mitbestimmung. Einen ähnlichen Reflexionshintergrund wählt auch Matthias Möhring-Hesse, wenn er die Arbeit bzw. das Arbeitsvermögen an das Subjekt zurückbindet und eine ganzheitliche und damit auch menschengerechte Sichtweise vertritt.
Im kurzen zweiten Themenblock äußern sich Judith Behnen und Ottmar Edenhofer zur Arbeit im globalen Zusammenhang. Behnen schlägt einen ungewöhnlichen Bogen von den positiven Erfahrungen der zu Eigenverantwortung animierenden Entwicklungshilfe in Kamerun und Brasilien hin zur Arbeitsmarktpolitik in Deutschland. Der einzelne Mensch solle auch hierzulande zum Subjekt seiner eigenen Entwicklung werden, sich als Eigentümer seines Entwicklungsprozesses begreifen (Ownership) und sich ermächtigt fühlen, die Gestaltungsverantwortung in die eigenen Hände zu nehmen (Empowerment).
Unter dem Titel „Arbeit in der Kirche“ wird im dritten Themenblock ein mitunter spannungsreiches Feld in den Blick genommen. Judith Hahn stellt die Frage, ob das kollektive Arbeitsrecht der deutschen Kirche, welches sich auf partikulares Kirchenrecht und die Eigenart des kirchlichen Dienstes beruft, in Übereinstimmung mit dem universalen Kirchenrecht stehe. Sie kommt zu der überraschenden Einsicht, dass hier Zweifel anzumelden seien. Der CIC lasse ein kircheneigenes Arbeitsrecht nur dann zu, wenn das staatliche Recht hinter den Grundsätzen der katholischen Soziallehre zurückbleibe. Dies sei aber im deutschen Arbeitsrecht definitiv nicht der Fall.
Der vierte und letzte Themenblock lenkt den Fokus auf das Verhältnis von Theologie und Kirche zur Erwerbsarbeit. Hier kommen wichtige pastorale Überlegungen zur Sprache. So bedauert Manfred Körber, dass die Kirche zunehmend den Kontakt zur Arbeitswelt verliere. Unter drängendem Rationalisierungszwang innerhalb der Kirche, werde eine Art „pastorale Grundversorgung“ etabliert, innerhalb derer das Engagement in der Arbeitswelt zu verschwinden drohe. Darüber hinaus sei die Kirche längst nicht mehr nur Kommentatorin gesellschaftlicher Umbrüche, sondern selbst Betroffene. In diesem Prozess müsse es um einen zukunftsfähigen Umbau gehen, der in Bezug auf innerkirchliche Arbeitsverhältnisse Maß zu nehmen habe an den kirchlichen Sozialworten. Von diesen ethischen Standards sei die Kirche, so Körber, noch weit entfernt.
Insgesamt bietet die Festschrift zahlreiche Impulse zum Weiterdenken und freilich auch zur kritischen Auseinandersetzung. Viele Beiträge (z. B. von Simeon Reininger „Zeit zum Arbeiten – Zeit zum Faulenzen, Sabine Hesse „Soziale Arbeit – auch humane Arbeit?“ oder Rolf Glaser „Wo die Arbeiternehmer/innen wohnen“) sind zudem erfrischend praxisbezogen und eignen sich auch für Leser und Leserinnen, die sonst weniger am sozialethischen Diskurs teilnehmen.
Der Sammelband „atmet“ in den Reflexionen seiner SchülerInnen den Geist Friedhelm Hengsbachs und lässt hoffen, dass er selbst sich – auch nach seiner Emeritierung – mit der ihm eigenen Art weiterhin einmischt und dem ökonomischen Mainstream auf den zuweilen „faulen Zahn“ fühlt.
Udo Lehmann