Lehmann, Udo: Ethik und Struktur in internationalen Unternehmen. Sozialethische Anforderungen an die formalen Strukturen internationaler Unternehmen (Schriften des Instituts für Christliche Sozialwissenschaften der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Bd. 54), Berlin: Lit 2006. 354 S. ISBN: 3-8258-9232-8
Schon 1972 notierte von Nell-Breuning kritisch zur katholischen Soziallehre: „Die Schlüsselfigur heutiger Wirtschaft, der Unternehmer, scheint ihr unbekannt zu sein“. Mehr als dreißig Jahre später gähnt, abgesehen von wenige Ausnahmen, in puncto Unternehmensethik nach wie vor ein dunkles Loch im Bereich der christlichen Sozialethik. Um so wohltuender fällt das Buch von Udo Lehmann auf, dessen Problemstellung in der Frage besteht, „welche sozialethischen Anforderungen an die formalen Strukturen internationaler Unternehmen zu stellen sind“ und wie der „Beitrag der christlichen Sozialethik“ (S. 1) hierzu aussehen könnte.
Um diese Fragestellung zu beantworten, arbeitet Lehmann alle nur denkbaren Theorien ab: Moralphilosophische Ansätze (Diskursethik; Rawls) werden im ersten Teil (S. 9–55) durchforste; im zweiten Teil (S. 56–247) werden die einschlägigen wirtschafts- und unternehmensethischen Ansätze, die Sozialprinzipien der katholischen Soziallehre, die Pfadfinderregel zur Methode christlicher Sozialethik (Sehen – Urteilen – Handeln), die verstreuten unternehmensethischen „Bausteine“ in den Dokumenten der kirchlichen Sozialverkündigung und der katholischen Sozialethik dargestellt; der dritte, praxisorientierte Teil (S. 248–320) greift auf die betriebswirtschaftlichen Theorien des Organisationsmanagements zurück. Man kann sagen: Der Autor kennt sich aus.
Zum konzeptionellen Ertrag des Buches: 1. Die Frage nach dem spezifischen Beitrag christlicher Sozialethik wird nicht durch den Hinweis auf ihren wissenschaftlichen Ertrag, sondern auf ihre religiös-moralische „Brille“ (Liebesgebot, Option für die Armen, soziale Gerechtigkeit, Solidarität/Gemeinwohl und Personalität als heuristische Zielprinzipien, Subsidiarität als Organisationsprinzip) beantwortet: Diese „Perspektive der christlichen Hermeneutik [...] stellt [...] den zentralen Unterschied“ (S. 241) zu anderen Konzeptionen dar. 2. Lehmann benennt – etwas harmonisierend – vier sozialethische Kriterien (Kultursensitivität, Dezentralität, Kommunikativität, Flexibilität), die allen fünf untersuchten Konzeptionen (Homann, Ulrich, Steinmann, Wieland, christliche Sozialethik) gemeinsam seien. 3. Die Frage, welche Erkenntnisse die Anwendung dieser Kriterien auf konkrete Unternehmensstrukturen erbringt (vgl. S. 323), bleibt etwas freischwebend und müsste m. E. empirisch konkretisiert werden.
Unter dem Strich lässt sich sagen: Udo Lehmann hat ein gutes Buch geschrieben, das aufgrund der breiten interdisziplinären Ausrichtung außerordentlich informativ ist und vernünftig argumentiert. Trotzdem oder gerade deswegen fällt ein systematisches Defi zit ins Auge, das dem Autor eigentlich nicht angelastet werden kann, sich gleichwohl aber immer wieder als Tatsache erweist: Die interdisziplinäre Offenheit der christlichen Sozialethik bleibt bislang eigentümlich einseitig und bestätigt tendenziell das ungerührte Diktum Niklas Luhmanns, im interdisziplinären Austausch nehme die Theologie mehr als sie gebe. Bei allen verbleibenden Schwierigkeiten ist Udo Lehmanns Buch ein wichtiger Schritt, um beim Abbau dieses Defizits voranzukommen.
Michael Schramm