Werner Veith: Intergenerationelle Gerechtigkeit. Ein Beitrag zur sozialethischen Theoriebildung, Stuttgart: Kohlhammer 2006. 208 S. ISBN 3-85710-327-2
Wenn man von der Diskussion des drei Generationen – Zusammenhangs von Familienpolitik und Alterssicherung in der Rentenversicherung der 50er Jahre durch Nell-Breuning absieht, haben Fragen von Generationen und intergenerationeller Gerechtigkeit in der Christlichen Sozialethik bisher kaum größere Bedeutung gefunden, so dass die Christliche Sozialethik hier eine „unerledigte Bringschuld“ einzulösen hat (Karl Lehmann). Die vorliegende klar gegliederte Münchener Dissertation will dieses Defizit aufarbeiten. Es ist ihr Anliegen, intergenerationelle Gerechtigkeit in der Systematik der Sozialethik (Gerechtigkeitskriterien, Sozialprinzipien) zu verorten. Veith behandelt im ersten Teil zunächst unterschiedliche „Generationenbegriffe“ wie sie vor allem in der Soziologie und in der Pädagogik zu finden sind. Es werden dabei interessante empirische Untersuchungen über die intergenerationellen Beziehungen im innerfamiliären Kontext aufgezeigt. Außerdem wird auf den Wandel der Generationenbeziehungen hingewiesen, wenn im PC-Zeitalter sich das Generationenverhältnis in der Hinsicht verschiebt, dass nicht mehr jüngere von älteren, sondern ältere von jüngeren lernen. Da eine Vielzahl von Fragen der intergenerationellen Gerechtigkeit einen ökonomischen Bezugspunkt haben (Soziale Sicherung, Naturkapital, Staatsverschuldung), hätte hier auch der in ökonomischen Modellen verwendete Generationenbegriff thematisiert werden können.
Der zweite Teil der Dissertation ist dann drei ethischen Begründungsansätzen für eine Zukunftsverantwortung gewidmet. Dabei werden die Ansätze von Hans Jonas, Dieter Birnbacher und von John Rawls behandelt. In diesem Abschnitt werden präzise die Kernargumente der Theorien herausgearbeitet und auf Probleme bei der Wahl eines dieser Theoriekonzepte hingewiesen. Bei der Darstellung der Theorien bleibt aber das Kriterium ausgeblendet, welche Brücke die jeweiligen Konzeptionen selbst von der ethischen Begründung hin zur Implementierung in gesellschaftliche Strukturen anbieten.
Der dritte Teil der Untersuchung ist dann Überlegungen zur Integration von intergenerationeller Gerechtigkeit in die theoretische Reflexion der Sozialethik gewidmet. Ausgangspunkt dabei ist zutreffend das Personenverständnis der Christlichen Sozialethik. Im Anschluß daran werden zunächst die vormodernen Gerechtigkeitsbegriffe der Tradition behandelt, die auf Aristoteles zurückgehen, in der Reflexion der Christlichen Sozialethik auch in der Moderne mitgeschleppt wurden und sie daran gehindert haben, die Strukturprobleme moderner Gesellschaften adäquat auf den Begriff zu bringen. So wurde der vergebliche Versuch unternommen, die drei klassischen Gerechtigkeitskriterien der kommutativen, der distributiven und der legalen Gerechtigkeit mit der modernen Idee der „sozialen Gerechtigkeit“ kompatibel zu machen. Veith stellt zutreffend heraus, das intergenerationelle Gerechtigkeit eine spezifisch neue Gerechtigkeitsproblematik darstellt, die nicht in die bisherige Gerechtigkeitssystematik integrierbar ist. Ein Problem wird hier allerdings nicht näher behandelt: Je mehr Gerechtigkeitskriterien postuliert werden, desto eher treten Konflikte auf zwischen den Gerechtigkeitskriterien, so dass Vorrangregeln erforderlich werden.
Gerechtigkeitskriterien stellen für Veith die Grundlage dar, der die klassischen Sozialprinzipien (Solidarität, Subsidiarität, Gemeinwohl etc.) nachgeordnet sind. Der Aspekt der zeitlichen Dimension ist in der Riege der Sozialprinzipien mit dem Prinzip der „Nachhaltigkeit“ Rechnung zu tragen. Daher ist dieses Prinzip als neues Sozialprinzip hinzuzufügen. Weiterhin wird die „Retenität“, die Vernetzung zwischen ökologischen und ökonomischen Zusammenhängen herausgestellt. Angesichts autonomer Subsysteme in modernen Gesellschaften stellt die sachgerechte Interaktion der Subsysteme ein zentrales Strukturproblem dar.
Die Dissertation hat einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der Christlichen Sozialethik geleistet. Dabei konnte die Arbeit nicht die Vielzahl und den Umfang der sozialethischen Fragestellungen im Kontext der intergenerationellen Gerechtigkeit aufarbeiten. Es verwundert aber etwas, dass die „Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen“ und die dort publizierten Veröffentlichungen zur „Generationengerechtigkeit“ nicht einmal erwähnt werden.
Für die Christliche Sozialethik bleiben viele Fragestellungen in diesem Kontext bestehen. So könnte im biblischen Zusammenhang die Generationenfolge (Genealogie) thematisiert und gefragt werden, was dies für heutige Fragestellungen bedeutet. Ebenso steht die Auseinandersetzung mit der modernen volkswirtschaftlichen Reflexion der Umweltökonomie und Generationenbilanzen aus. Weiterhin stellt sich das Kernproblem der Implementierung der Zukunftsdimension im institutionellen Gefüge der Gesellschaft, etwa der Verfassungsordnung und der demokratischen Willensbildung.
Joachim Wiemeyer