Gesellschaft gerecht gestalten

„Gesellschaft gerecht gestalten“ – dieser Slogan der Zeitschrift Amos markiert die programmatische Zielsetzung einer jeden christlichen Sozialethik. Denn kein anderer als JESUS VON NAZARETH sagt an zentraler Stelle in der Bergpredigt: „Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere dazugegeben“ (Mt 6,33). Die Worte sind wohl gewählt: JESUS spricht vom „Suchen“. Das bedeutet, dass Menschen die Gerechtigkeit nicht „in der Tasche“ haben, sondern grundsätzlich darauf verwiesen sind, sie zu suchen und dann möglicherweise (vorerst) gerechtere Problemlösungen zu finden. Die Gerechtigkeit ist uns Menschen auf Erden nicht gegeben, denn die Gerechtigkeit kommt nur einem zu: Gott allein. Insofern gilt das, was der Philosoph KARL POPPER für die Wahrheit gesagt hat, genauso auch für die Gerechtigkeit: Beide gleichen einem Berggipfel, der von Wolken umhüllt ist. Uns kann es daher nur darum gehen, die Dinge Stück für Stück vergleichsweise gerechter zu gestalten. Wer immer gemeint hat, er könne den Himmel auf Erden produzieren, hat im Endergebnis eine totalitäre Hölle geschaffen. Gleichwohl: Auch wenn uns nicht vor Augen liegt, wie die Gerechtigkeit aussieht, muss sie dennoch stets das Ziel all unserer Bemühungen sein, muss sie der Berggipfel sein, den wir zwar nicht vor Augen haben, dem wir aber dennoch unverdrossen zustreben.

Die gegenwärtige christliche Sozialethik weiß sich in diesem Punkt in der Tradition eines führenden Vertreters der Katholischen Soziallehre, dessen Geburtstag sich am 24. Dezember 2006 zum hundertsten Mal jährte: JOSEF HÖFFNER. Es falle, schrieb er, der christlichen Gesellschaftslehre „in sozialtheologischer Hinsicht [...] die wichtige Aufgabe zu, vor jedem Sozialutopismus zu warnen“ und sich vor „innerweltlichen Heilsutopien“ zu hüten. Die Gerechtigkeit findet man nicht, man sucht sie. Dabei kommt man nicht umhin, sich die Hände auf vielen Anwendungsgebieten „schmutzig“ zu machen. Das Suchen der Gerechtigkeit ist eine mühselige Daueraufgabe, die jeder Generation neu gestellt ist. Daher nützt es wenig, die altehrwürdigen Grundsätze der Katholischen Soziallehre oder die damaligen Ausführungen HÖFFNERs nur einfach gebetsmühlenartig zu wiederholen, vielmehr nimmt uns niemand die Arbeit ab, die Gerechtigkeitsforderung selber auf die heutigen Verhältnisse zu übertragen und nach akzeptablen Lösungen zu suchen.

Genau dies hat sich die Zeitschrift Amos mit ihrem Motto „Gesellschaft gerecht gestalten“ zur Aufgabe gemacht. JOSEPH HÖFFNER hatte in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts eine von ihm geplante sozialethische Zeitschrift aus finanziellen Gründen nicht realisieren können. Die Herausgeber von sind froh, dass sich dazu nun die Möglichkeit aufgetan hat und mit diesem Heft der erste volle Jahrgang dieser neuen „Zeitschrift für christliche Sozialethik“ starten kann.

Nach der ersten Ausgabe vom November 2006 ist das vorliegende Heft einer wirtschaftsethischen Thematik gewidmet, die auch für HÖFFNER einen Zentralbereich der katholischen Gesellschaftslehre bildete. Die lang andauernde Arbeitslosigkeit in Deutschland und die vielfältige Veränderungen der Arbeitswelt stellen für eine Christliche Sozialethik, deren historische Ursprünge auf die Arbeiterfrage des 19. Jahrhunderts verweisen, eine bleibende Herausforderung dar. Aufgrund der Verschiebungen von einer Industrie- zu einer Dienstleistungswirtschaft, der wachsenden Erwerbsbeteiligung von Frauen sowie durch den globalisierten Wettbewerb haben sich vielfältige Veränderungen ergeben. Den damit verbundenen Herausforderungen für den Arbeitsmarkt gehen die Beiträge dieses Heftes nach.

Die „Arbeitsgemeinschaft der deutschsprachigen Sozialethik“, die neben der Kommende Mitherausgeberin der Zeitschrift Amos ist, möchte mit dem Anpacken solcher Probleme einen Beitrag zur gerechteren Gestaltung der Gesellschaft leisten. Sie folgt damit nicht nur der Weisung des JESUS VON NAZARETH, sondern auch dem Motto des „Heiden“ XENOPHANES: „Nicht vom Beginn an enthüllten die Götter den Sterblichen alles. Aber im Laufe der Zeit finden wir, suchend, das Bessere“. Die Suche nach funktionierenden und gerechten Problemlösungen verbindet Jesus mit XENOPHANES und verbindet auch heute alle Menschen, Christen oder Nichtchristen, die dem umwölkten Berggipfel entgegenwandern und sich über den (ge)rechten Weg verständigen müssen. Denn dies wusste auch bereits der Prophet AMOS: „Gehen zwei den gleichen Weg, ohne dass sie sich verabredet haben?“