Titelseite Amosinternational 1/2007

Heft 1/2007Lohnt die Arbeit?

Inhalt

Nicht nur für Josef Höffner bildete diese wirtschaftsethische Thematik einen Zentralbereich der katholischen Gesellschaftslehre. Lang andauernde Arbeitslosigkeit und die vielfältige Veränderungen der Arbeitswelt stellen eine Herausforderung dar, der die Beiträge dieses Heftes nachgehen wollen.

Über diese Ausgabe

Editorial

Schwerpunktthema

  • Plus S. 3

    Ende des FlächentarifsBetriebliche Bündnisse für Arbeit - von der Tarif zur Betriebsautonomie

    Die Zukunftsfähigkeit des traditionellen bundesrepublikanischen Ordnungsmodells der Sozialen Marktwirtschaft, das die Prinzipien des freien Marktes und des sozialen Ausgleichs zu verbinden sucht, wird in den letzten Jahren zunehmend in Frage gestellt. Im Zentrum der Kritik stehen verschiedene sozial- und arbeitsrechtliche Regelungen, unter anderem die Tarifautonomie, mit der sich der folgende Beitrag beschäftigt. Es wird aufgezeigt, dass angesichts der ökonomischen Überlegenheit des Arbeitgebers das Tarifvertragswesen und seine Schutzfunktion für den Arbeitnehmer nach wie vor unverzichtbar sind. Ein Mangel des bisherigen kollektivarbeitsrechtlichen Systems ist jedoch, dass die sogenannten betrieblichen Bündnisse für Arbeit keine gesetzliche Grundlage haben. Erforderlich ist in diesem Zusammenhang eine bedingte gesetzliche Öffnungsklausel.

  • Plus S. 11

    Arbeit als Beteiligungsrecht

    Strukturelle Massenarbeitslosigkeit ist ein vermeidbares ethisches Problem. Da Erwerbsarbeit von existentieller Bedeutung für die Gesundheit und das Wohlbefinden der meisten Menschen ist und ethisch ein Recht auf Arbeit als Menschenrecht begründbar ist, lässt sich eine institutionelle Rechtspflicht politischer Akteure für eine Beteiligung der Betroffenen auf Arbeitsmärkten begründen. Ein Recht auf Arbeit wird jedoch weder durch Lohnkompensation noch durch staatliche Finanzierung von Arbeitsplätzen erfüllt, sondern durch politische Rahmenbedingungen, die die reale Inklusion aller Betroffenen auf Arbeitsmärkten und in Gesellschaften durch Teilhabe am Produktivvermögen erwirken. „Arbeit als Beteiligungsrecht“ und die ethisch zu rechtfertigenden Methoden der Umsetzung dieses Rechtes werden im Folgenden diskutiert.

  • Plus S. 18

    Modell Deutschland am ScheidewegKulturelle Identität und Wertkonsens als ökonomische und arbeitsmarktpolitische Erfolgsfaktoren

    Kulturethische und empirische Befunde skizzieren den deutschen Spagat zwischen Bewahrung der Grundideen Sozialer Marktwirtschaft und einer Anpassung an das vermeintlich universal gültige Erfolgsrezept einer liberalen Marktwirtschaft nach angelsächsischem Muster. Vieles spricht für das ‚Aus’ des deutschen Modells. Der Trend am deutschen Arbeitsmarkt vom Großunternehmen zurück zum Mittelstand ist jedoch Indiz für eine Erfolg versprechende Kehrtwende. Sie muss durch eine Ordnungs-, Bildungs- und Sozialpolitik flankiert werden, die sich orientiert an einer für alle verbindlichen sozialen Wertidentität. Mit einem solchen Profi l kann der deutsche Arbeitsmarkt im internationalen Wettbewerb seine komparativen Vorzüge zurückgewinnen und ausbauen.

  • Plus S. 24

    Tarifpolitik im weißen KittelErfolge und Defizite exklusiver Solidarität

    Die Krankenhausärzte haben im vergangenen Jahr Solidarität und Kampfeseinsatz gezeigt – und sich in einem Arbeitskampf gegenüber Kommunen und Ländern durchsetzen können. Damit haben sie den Nutzen von Solidarität bestätigt – und dies auf dem Feld der Tarifpolitik, deren Nutzen heutzutage häufig bestritten wird. Dass den Ärzten Solidarität jedoch nur auf dem Weg der Absonderung möglich war, wird man gegenüber denen nicht rechtfertigen können, die sie aus ihrer Solidarität ausgeschlossen haben. Der Ärztestreik leitet wahrscheinlich nicht die Zukunft einer nach Berufsgruppen gespaltenen Tarifpolitik ein. Allerdings werden die Gewerkschaften zukünftig stärker auf die Beschäftigtengruppen mit höheren Einkommen Rücksicht nehmen; das deutsche Tarifvertragssystem wird daher weniger als in der Vergangenheit für ein ausgeglichenes Einkommensgefälle sorgen.

  • Plus S. 33

    "Es darf kein Lohndumping geben"Gespräch mit Norbert Feldhoff über die Bedingungen eines gerechten Lohns für die Mitarbeitenden bei Kirche und Caritas

    Bundesweit gesehen sind heute mehr als 600 000 Menschen bei den Einrichtungen von katholischer Kirche und Caritas beschäftigt. Bei der Evangelischen Kirche und ihren diakonischen Einrichtungen sind es etwa noch einmal so viele. Seit der Frühzeit der Bundesrepublik haben beide großen Kirchen ihr im Grundgesetz verankertes Selbstbestimmungsrecht in eigene Angelegenheiten dazu genutzt, für und für die Aushandlung der Vergütungen einen eigenen, den so genannten Dritten Weg zu beschreiten: Streik und Aussperrung sind ausgeschlossen, verhandelt und entschieden wird in paritätisch besetzten Kommissionen zur Ordnung des Arbeitsvertragsrechts im kirchlichen Dienst, den KODAen. Eine besonders große Reichweite kommt der Gestaltungsmacht der Arbeitsrechtlichen Kommission des Deutschen Caritasverbandes (AK) zu. Sie entscheidet bisher bundesweit über Arbeitsentgelte und Arbeitsbedingungen für mehr als 480 000 Beschäftigte und legt diese in den Arbeitsvertragsrichtlinien (AVR) fest.
    Diese spezielle Form des Caritas-Flächentarifs ist zur Zeit vielfach in Frage gestellt: Lässt sich die bundesweite Einheitlichkeit noch durchhalten oder muss zukünftig nach Branchen und Regionen differenziert werden? Welche Bedeutung hat die Anlehnung an andere Tarife, etwa den des öffentlichen Dienstes? Wie verbindlich sind die AVR für die einzelnen Dienstgeber? Was unternimmt die Kirche gegen regelwidrige Abweichungen, vor allem im Niedriglohnbereich? Werden die Kriterien der Katholischen Soziallehre für einen gerechten Lohn intern noch eingehalten? Gibt es zukünftig bei der Caritas einen Leistungslohn?

Interview

  • Plus S. 49

    "Die Politik hat da sehr wohl Einfluss"Gespräch mit Ottmar Schreiner über gerechte Löhne und Wege zur Vollbeschäftigung

    Gefährden deutliche Lohnerhöhungen den wirtschaftlichen Aufschwung durch zusätzliche Kostenbelastungen für die Betriebe oder geben sie weiteren Auftrieb durch Stärkung der Binnennachfrage? Brauchen wir eine Ausweitung des „Niedriglohnsektors“ oder gibt es längst zu viele „Armutslöhne“? Welchen Einfluss hat die Politik auf die Lohnentwicklung? Was ist von den Initiativen zur Einführung eines Mindestlohnes oder von den neuen Kombilohnmodellen zu halten? Ist es realistisch und sinnvoll, immer noch am Ziel der Vollbeschäftigung festzuhalten? Ottmar Schreiner plädiert für ein stärkeres Engagement der Politik zugunsten steigender Arbeitnehmereinkommen. Dass zahlreiche Vollbeschäftigte von ihrem Einkommen nicht leben können, sei nicht hinnehmbar. Geeignete Ansätze zur Verbesserung der Situation seien die Einführung gesetzlicher Mindestlöhne, die Schaffung von Rahmenbedingungen, unter denen möglichst viele Tarife für allgemein verbindlich erklärt werden, die Ausweitung öffentlicher Investitionen sowie eine massive Qualifizierungs- und Bildungsoffensive

Bericht

Kommentar

  • Plus S. 40

    25 Jahre Loborem exercens

    In seinem Kommentar erinnert Karl-Josef Laumann an die Veröffentlichung der Enzyklika „Über die menschliche Arbeit“ (Laborem exercens) im Jahre 1981. Überraschend aktuell ist dieses Rundschreiben des damaligen polnischen Papstes noch heute: Seine Warnung vor einem primitiven Kapitalismus, der die Menschen den materiellen Produktionsprozessen und Gewinnzielen unterordnet, die Mahnung, sich nicht mit massenhafter Arbeitslosigkeit abzufinden, die Sorge um die junge Menschen, die vor der Familiengründung zurückschrecken, weil Arbeit und Lebensunterhalt fehlen bzw. unsicher erscheinen. Dagegen steht das christliche Menschenbild: Nicht als Objekt, sondern als Subjekt verwirklicht der Mensch seine Würde in der Arbeitswelt.